Mia Hochrein und Oliver Schikora atmen durch. Die künstlerische Leiterin und der Vorsitzende des Altstadtvereins als Veranstalter von else!2 haben harte dreieinhalb Monate hinter sich. Hochwertige Ausstellungen, ein vielfältiges Angebot, spontane Aktionen, gemütliche Atmosphäre: 3500 mehr oder weniger kunstinteressierte Menschen kamen in den sonst leer stehenden Münnerstädter Bahnhof. "Wir haben alles richtig gemacht und sind dankbar für die Unterstützung durch die Stadtverwaltung, den Stadtrat und die vielen Helfer", resümiert Oliver Schikora.

Mit einer Lesung von Linde Unrein, Künstlergesprächen mit neun Ausstellern, dem Gleis-3-Triathlon zu dem allein rund 100 Besucher kamen,sowie dem Fastrada Streichquartett und den Mürschter Wankelsängern ist else!2 fulminant ausgeklungen. "Die Atmosphäre war wunderbar", sagt Mia Hochrein. Das sei ihr auch von Bekannten, die zu den Abschlussveranstaltungen erstmals die else!2 besucht haben, bestätigt worden. Die Mürschter Wankelsänger verteilten Texte und so sangen rund 100 Besucher drei Strophen des Liedes "Die Gedanken sind frei." "Das war schon fast ein Gänsehautmoment", meint Oliver Schikora. "Das war genau das, wofür wir stehen und woran wir das Ganze ausgerichtet haben." Es sei schon ein wenig ein Abschied mit Wehmut gewesen. "Wir waren aber auch überrascht, dass diese dreieinhalb Monate so schnell vorüber gegangen sind."

Rund 3500 Besucher sind gekommen, etwa 2300 davon zu den Kunstausstellungen, etwa 1200 zu den verschiedenen Abendveranstaltungen. Die Zahl der Gäste war sehr unterschiedlich. Bei mancher Lesung waren 50 Zuhörer da, manche saßen im Flur", sagt Oliver Schikora. Und einige seien auch gegangen, weil einfach keine Stühle mehr vorhanden waren. Bei anderen Veranstaltungen war es nicht ganz so voll. "Es war eben nicht nur Bildende Kunst und Fotografie." Oliver Schikora erinnert an die Erzählung von Erika Schneider oder die angebotenen Kreistänze. "Ständig ist etwas passiert." Hinzu kam noch die "Grauzone", also Raum für spontane Aktionen, die ebenfalls gut ankamen. "Es war die Vielfalt im Programm."

"Die Kunstausstellungen waren das geistige Dach, die Klammer, die alles zusammengehalten hat", meint Mia Hochrein. "Die Räume waren ständig bespielt." Und dabei sei vor allem die erste große Ausstellung vom Keller bis zum Dach sehr hochwertig gewesen. "Die hätte man durchaus auch in Schweinfurt zeigen können", ist Oliver Schikora überzeugt. "Aber dafür brauchst du ein großes Gebäude." Der Bahnhof sei ideal gewesen. Örtliche und regionale Kunst sei gezeigt worden, aber auch überregionale. Neun Künstler aus Berlin, München, Köln und Frankfurt sind zu einem Künstleraufenthalt gekommen, lebten und arbeiteten also im Bahnhof. Die exponierte Lage des Bahnhofs mit der schönen Aussicht und das Gebäude selbst habe ihnen sehr gut gefallen. Für Mia Hochrein sind Künstleraufenthalte ein ganz wichtiger Punkt, den es auszubauen gelte. Der Bahnhof als Gebäue habe wieder viele Leute angelockt, die sonst nicht unbedingt eine Kunstausstellung besuchen würden. Ein ganz klar definiertes Ziel von else!2 ist damit erreicht worden. Umgekehrt haben sich die Künstler auch mit dem Bahnhof auseinandergesetzt.

else!2 ist Geschichte. Jetztn werden die Organisatoren die Endabrechnung zusammenstellen und die Verwendungsnachweise für die Fördermittelgeber erbringen. Fest steht, dass es einen Katalog von der großen Ausstellung geben wird. Und wie geht es weiter? Oliver Schikora schließt aus, dass es im Jahr 2019 else!3 geben wird. Aber: "Wir sind am Überlegen, wie wir Elemente, die sich bewährt haben, weitertragen können." Mia Höchrein ergänzt, dass verschiedene Ausstellungen beispielsweise in verschiedenen Leerständen stattfinden könnten. Und möglicherweise könnte dafür ein Verein gegründet werden. Denn auf eines können sich die Organisatoren verlassen: " Das ehrenamtliche Engagement, die Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt sind riesengroß in Münnerstadt", sagt Oliver Schikora.

Das Ur-Team sind Mia Hochrein, Bärbel Fürst, Christine Schikora, Oliver Schikora und Alison Cundiff (die aber wieder in den USA lebt). Neu im Team waren jetzt Susanne Beul, Sabine Häring, Detlev Beck, Wolfgang Joa und Elisabeth Betzer. Die Neuen Teammitglieder sind nun mit dem "Bunten Verdienstorden" aus Stoff ausgezeichnet worden



Ein Blick in die Kindheit

Unter den zahlreichen Besuchern des spartenübergreifenden Kunstprojektes else!2 waren viele frühere Bewohner des Bahnhofs, in dem jetzt else!2 stattgefunden hat, der sonst aber derzeit leer steht. Auffällig daran sei gewesen, so berichtet die künstlerische Leiterin Mia Hochrein, dass die Bahn fast ausschließlich Ortsfremde nach Münnerstadt geholt und im Bahnhof unterbebracht hat. Dabei gab es zwei ganz besondere Begegnungen.

In einer der beiden Wohnungen im zweiten Obergeschoss hat Linde Unrein während der Ausstellung ein kleineres Zimmer komplett ausgemalt. Eines Tages kam ein Mann, um die 70 Jahre alt, aus Bad Neustadt zu Beuch, sagt Oliver Schikora. Er hatte davon gehört, dass der Münnerstädter Bahnhof offen ist. Er ging schnurstracks in die Wohnung im zweiten Obergeschoss und in das Zimmer, das Linde Unrein gestaltet hat. "Weil das sein Kinderzimmer war", sagt Oliver Schikora. Vor 60 Jahren war er ausgezogen und hatte das Zimmer nie wieder gesehen. Bis zur else!2. "Er war begeistert von der großen Ausstellung."

Doch damit nicht genug: Linde Unrein, die Mitglied der Schweinfurter Autoren-Gruppe (SAG) ist, erzählte in diesem Kreis von ihrem ausgemalten Zimmer im Münnerstädter Bahnhof. Dabei weckte sie das Interesse des Schriftstellers Günther Hein. Der Beschreibung nach könnte das sein Kinderzimmer gewesen sein, fand er. Bei einem Besuch in Münnerstadt bestätigte sich das. Er hatte ebenfalls für vier, fünf Jahre in diesem Zimmer gewohnt. Dort gab es dann gleich eine spontane Autorenlesung mit ihm
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