Drei Versprechen hat Umeswaran Arunagirinathan, den alle nur Umes bzw. Dr. Umes nennen, seiner Mutter gegeben, als er sich 1991 mitten im Bürgerkrieg von ihr in Sri Lanka verabschiedete: Er wollte nie Alkohol trinken, nicht rauchen und er wollte Arzt werden. Bis heute hat er keinen Tropfen angerührt, kein Zigarette inhaliert und er ist Arzt geworden, bald ist er sogar Herzchirurg. "Ich habe meine Versprechen gehalten", sagt er. Aber der Weg vom tamilischen Flüchtlingskind bis zum deutschen Arzt war lang. Seine Erlebnisse und hat er in zwei Büchern "Allein auf der Flucht" und "Der fremde Deutsche: Leben zwischen den Kulturen" niedergeschrieben. Aus dem zweiten las er jetzt am Münnerstädter BBZ vor.

Laura Schmidt hat Umeswaran Arunagirinathan bei der interkulturellen Woche in Bad Kissingen erlebt. Die Lehrerin in der Fachakademie für Sozialpädagogik und der Fachschule für Heilerziehungspflege am BBZ war begeistert. Sie hat seine Rede zum Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung unter anderem vor Angela Merkel und Horst Seehofer gesehen. "Es ist wichtig, dass Menschen mit Migrationshintergrund in den Vordergrund treten und sagen: Wie sind hier, wir gestalten mit", sagt sie. So würden die Menschen zum Nachdenken gebracht, Vorurteile abgebaut. Laura Schmidt weiß genau, wovon sie spricht. Denn sie hat als gebürtige Rumänin (Siebenbürgen) selbst einen Migrationshintergrund. Gerne wollte sie Umeswaran Arunagirinathan zu einer Lesung ans BBZ holen, und dabei half der Zufall mit. Denn eine ihrer Studierenden hat als Krankenschwester mit Umeswaran Arunagirinathan im OP gestanden. Sie stellte den Kontakt her, und Schulleiter Harry Koch war auch gleich dabei. Damit möglichst viele Schüler und Studierende der sechs Schulen am BBZ dabei sein können, gab es gleich zwei Lesungen hintereinander.

Umes ist pünktlich, trinkt gegen seine Gewohnheit einen Kaffee. "Ich war gestern Abend in Zeil am Main im Hexenturm", sagt er. Eine Lesung bei der Volkshochschule. Danach hatte er Nachtdienst in der Herzklinik Bad Neustadt. Nichts Außergewöhnliches, "aber die Intensivstation war voll". Schnell frisch gemacht und etwas gegessen, dann ging's zum BBZ. Und was ist mit Schlafen? "Heute Nachmittag", sagt er.

17 Lesungen hat Umes in den letzten Tagen absolviert,. "Jede Lesung ist anders", sagt er. Bald wird er ein drittes Buch schreiben, das wohl "Der verlorene Patient" heißen wird. "Wenn die Wirtschaft die Medizin bestimmt, dann verlieren der Patient und der Arzt", sagt er. Doch jetzt steht erst einmal sein zweiten Buch im Vordergrund. Die Aula des BBZ ist bis auf den letzten Platz gefüllt.

Dann er erzählt Umeswaran Arunagirinathan. Vom Bürgerkrieg und den Kindern, die auf dem Schulweg starben. Und von seiner großen Schwester, die krank wurde, der nicht geholfen werden konnte. Ein Grund, warum er Arzt werden sollte. Heute weiß er, dass es die Nieren waren. Seine Mutter geht mit ihm in den Süden, ein Schlepper wird organisiert. 15 000 DM muss sie bezahlen. Erst viele Monate später kommt er in Deutschland an. Das erste, was er in einem Kinderheim zu essen bekommt, ist Pizza. "So ein Scheiß..." hat er sich gedacht und nur den Rand gegessen. Er dachte, das Rote auf dem Belag ist Blut. Umes geht nach Hamburg zu einem Onkel. "Hamburg ist meine Heimat", sagt er heute. Aber das war ein langer Weg. Einige Episoden davon liest er vor.

Er spricht von der Anmeldung im Fitness-Center. Er müsse gleich den Jahresbeitrag zahlen, sagt der Mann vom Fitness-Center zu ihm. Man wisse ja nicht, wie lange er hier ist. Dass Umeswaran Arunagirinathan einen deutschen Personalausweis vorgelegt hat, ist ihm entgangen. Umes erzählt die Geschichte von Herrn Clausen. Der 80-Jährige Patient in einem Hamburger Krankenhaus hat sich darüber beschwert, dass er von einem "Schwarzen" behandelt wird. Dr. Umes lässt sich davon nicht stören. "Er ist mein Patient." Tage später klopft Herr Clausen Dr. Umes auf die Schulter: "Du bist ein guter Junge". Durch die Begegnung hat Herr Clausen die Chance bekommen, nicht als Rassist sterben zu müssen.

Und da ist da noch die Facharztausbildung zum Herzchirurgen. Der zuständige Arzt in Hamburg hat sich für zwei gebürtige Deutsche entschieden, die wesentlich kürzer im Krankenhaus tätig waren als er und ein Kollege mit türkischen Wurzeln. Protestieren half nichts. So ist er nach Bad Neustadt gegangen, wo er seine Ausbildung beenden wird. Man müsse sich verbiegen, dürfe sich aber nicht brechen lassen. "Und so habe ich Franken kennengelernt."

Umeswaran Arunagirinathan spricht viel von seiner Familie, von seinem Vater, dessen Leichnam er nach tamilischer Tradition selbst entzündet hat. Da war er nach 24 Jahren das erste Mal wieder in Sri Lanka. Er erzählt von einem Jungen an der Schule in Hamburg, in den er verliebt war, dessen Portrait er gestohlen hat, während zwei Freundinnen Schmiere standen. Umeswaran Arunagirinathan berichtet von dem Abschiebebescheid und von der Hilfe, die ihm begegnet ist. Immer wieder sagt er, dass er Deutscher ist. Aber seine Wurzeln liegen nun einmal in Sri Lanka. Das wird immer so bleiben. Wenn er einmal traurig ist, gelingt es ihm, diese Stimmung in positive Energie umzuwandeln. Wenn einmal ein Freund mit ihm Schluss macht oder fremd geht, dann geht er eben shoppen.

Umeswaran Arunagirinathan hat es geschafft. Er wird Herzchirurg. So wie er es der Mutter einmal versprochen hat. Nicht weil er ganz besonders begabt ist, sondern mit Fleiß und Zielstrebigkeit, sagt er von sich selbst. Er hat viel zu erzählen. In perfektem Deutsch, auch wenn die Sprachen angeblich nicht zu seinen Stärken gehören. Er ist Deutscher geworden, mit Wurzeln in Sri Lanka. Er lebt mit beiden Kulturen.