Die Definition von Bahnhof kann in Münnerstadt ab 2018 neu geschrieben werden. Das Gebäude steht nicht mehr nur alleine für Ankommen und Abfahren, sondern besonders auch für bleiben. Die "Artists in Residence" sind wenige Tage, aber auch mehrere Wochen in dem als Leerstand vor zwei Jahren von der Stadt Münnerstadt übernommen Gebäude. Künstler, die eine Zeit lang inmitten der "else2" Aktivitäten wohnen und arbeiten, sind nach Aussage von Kuratorin Mia Hochrein ein wichtiger, für sie persönlich ein absoluter Höhepunkt in den dreieinhalb Öffnungsmonaten. Zum Künstlergespräch kommen sie in der Küche zusammen, dessen Provisorium schon eine Art Bohème ausstrahlt, wie sich der oberflächlich Interessierte nun mal Künstlerleben vorstellt.
Der Reichtum und die Struktur des Künstlerdaseins lässt sich am Küchentisch schnell herausfinden. Drei sehr kreative Frauen erzählen von ihrer Arbeit und warum sie überhaupt hier sind. Mia Hochrein nimmt schon mal vorneweg, warum " Künstler hier zeitweise Zuhause sind". Der Bahnhof im Jahr 2018 "ist ein Ort, wo man sich ausschließlich auf das Künstlerische ausrichten kann!" Ihre Lebenseinstellung zieht sie nun mal zu Künstlern hin. Auf die Frage, ob es denn Zufall sei, dass das hier nur Frauen seien, bejahten das alle vier Künstlerinnen übereinstimmend.
Stephanie Krumbholz ist 51 Jahre alt, und lebt und arbeitet in Berlin. "Ich habe mich in Münnerstadt gleich pudelwohl gefühlt". Sie befasst sich mit gegenstandsfreier Malerei und packt in ihre Arbeit deutliche Musterelemente ein. Ihre Arbeitstage hier nennt sie "Freiräume mit geringer Ablenkung". Die Münnerstädter "Second Hand Scene" ist für sie und die anderen Residenzler eine wahre Fundgrube und Inspiration zugleich. Stephanie Krumbholz selbst hat eine Art Nudelschnittrolle gefunden, mit der sich hervorragend farbliche Spuren aufs Papier bringen lassen. Eine Kostprobe hängt in ihrem Arbeits- und Wohnzimmer.
Susu Gorth (44) kommt aus München. Sie übersetzt ihre Vorstellungen ins Dreidimensionale. Kleine und größere Objekte aus verschiedenen Materialen entstehen. Ursprüngliche Funktionen werden verfremdet und einer neuen Bestimmung gerecht. Auch sie findet das Arbeiten in Münnerstadt als sehr wohltuend. "Ich kann mich durch die Selbstbeschränkung auf das Wesentliche konzentrieren!" Das zeitweilige Leben auf dem Land hilft ihr und den anderen im Bahnhof zu einer inneren Öffnung, die sie zu neuen Wegen führen kann. Dabei fühlen sich die kreativen Arbeiterinnen gar nicht so auf einer Wellenlänge. Die Spannung des Unterschiedlichen ist ihre Motivation zum gemeinsamen Zusammenleben auf Zeit.
Malatsion, (44), geboren in Saint Tropez und seit 14 Jahren in Frankfurt zu Hause findet den Austausch auf "Betriebsebene" als Ansporn für die Teilnahme an Künstlertreffen. Sie selbst bleibt drei Wochen in der wichtigsten Haltestelle, die Münnerstadt derzeit zu bieten hat. "In der Stadt ist man oft alleine und auf sich gestellt". Hier in der Gemeinschaft ergeben sich Synergieeffekte durch den ehrlichen und offenen Umgang miteinander. Auch gibt sie zu bedenken, dass es europaweit nicht viele "Artists in Residence" Projekte gibt. Es ist ein Lottogewinn, wenn es gelingt einen Platz unter Gleichgesinnten zu finden. Hier ist sie Mia Hochrein für die geschaffene Möglichkeit sehr dankbar. Malatsion arbeitet in Münnerstadt an einer Interpretation von Insekten und Schmetterlingsstrukturen. Das kurze, vielfach bunte Leben dieser kleinen Lebewesen charakterisiert sie auf ihre Weise und gibt deren Dasein einen neue Wertigkeit. Münnerstadt empfindet sie ebenso im wahrsten Sinne als Fundgrube. Alle fühlen sich während ihres Aufenthalt sehr wohl und genießen in vollen Zügen den Austausch mit Kollegen und Besuchern.
Der Willkommens-Charakter des Münnerstädter Bahnhofs hat dank "else²" seinen Zweck erfüllt. Nicht alle haben es schon gemerkt.