Dass auf dem Platz bei der Schlegelwarte Tische und Bänke für eine Feier oder Party stehen und Würstchen gegrillt werden, kommt öfter vor. Am Wochenende waren dort oben bei dem alten Wartturm außerdem lange Antennen bis in die umliegenden Felder gespannt oder ragten auf Aluminium-Masten in den Himmel. Aus den Lautsprechern von Funkgeräten in den Zelten drangen für Laien undefinierbare Töne - Morsezeichen. Rund um den jahrhundertealten Wartturm veranstalteten die Mitglieder der Ortsgruppe Bad Neustadt des deutschen Amateur- und Radioclubs ihren alljährlichen Field-Day, zu Deutsch Feld-Tag. Sie zogen mit Sack und Pack für einen Tag nach draußen, um hier rund um die Uhr ihrem Hobby nachzugehen. Die meisten von ihnen blieben auch über Nacht und gingen ihrem Hobby nach.
Einige Funkamateure auf den Kaiman-Inseln und den Jungferninseln in der Karibik, in Brasilien, in Kanada und in den USA werden jetzt wohl einen Atlas oder das Internet zurate ziehen, um zu erfahren, wo Bad Neustadt bzw. Münnerstadt liegt. So weit reichten die Funkverbindungen, die die Funkamateure Karsten Ulber, Norbert Baumeister und Andreas Ludolph in der Nacht zum Sonntag von der Schlegelwarte aus auf Kurzwelle herstellen konnten. Nicht zu vergessen die Verbindungen zu vielen Funkamateuren in ganz Europa.
Andreas Ludolph und Norbert Baumeister standen unserem Mitarbeiter Rede und Antwort. Wozu dient der Feld-Tag? "Da können wir über längere Zeit einmal gemütlich beisammen sitzen und nicht nur zwei Stunden wir bei unserem Clubabend jeden zweiten Freitag" sagen sie. Auch einen Fachvortrag gab es: ein Experte vom Malteser-Hilfsdienst gab ihnen Informationen über den digitalen BOS-Funk, den mobilen UKW-Landfunkdienst von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben wie Polizei, Feuerwehr, Rettungsorganisationen.
Amateurfunk ist nicht nur ein Hobby für Leute, die gerne mit anderen in Europa und der ganzen Welt per Funk kommunizieren oder für technische Tüftler, die ihre Geräte gerne selber bauen. Er kann auch Menschen retten, betonen sie. Bei dem großen Tsunami im Jahr 2014 in Thailand und Indonesien, bei dem 210.000 Menschen ums Leben kamen, konnten durch Amateurfunker wichtige Verbindungen aufrechterhalten oder hergestellt werden. "Wenn nichts mehr geht, kein Telefon, kein Handy, dann kann man mit einem Amateurfunkgerät und einer Autobatterie als Stromquelle noch weltweit Verbindung halten", betonen sie. Wenn es mit Sprechfunk nicht mehr klappt, dann kommen die Amateurfunker per Morsezeichen rund um den Globus. Seit 15 Jahren sind für die noch immer zwingend notwendige Funkamateur-Prüfung keine Morse-Kenntnisse mehr nötig. "Aber natürlich morsen wir gerade für sehr weite Verbindungen immer noch" wissen Andreas Ludolph und Norbert Baumeister. Im Computer-Zeitalter geht es allerdings auch ohne Morse-Taste. Den auf einer Computer-Tastatur geschriebenen Text übersetzt eine Software in Morse-Code, der dann mit dem Funkgerät gesendet und vom Empfänger wieder per Computer dekodiert wird.
Heute funken Amateurfunker nicht nur ganz klassisch wie seit vielen Jahrzehnten auf den analogen 160-, 80-, 40-, 20-, 15- oder 10-Meter-Bändern (das gibt jeweils die Wellenlänge an). Sie verwenden auch UKW, übertragen Bilder, machen Amateurfunk-Fernsehen, beschäftigen sich mit Funkfernschreiben. Alles ist streng geregelt und wird von der Bundes-Netzagentur überwacht. Der Funkverkehr muss stets unverschlüsselt erfolgen. Trotzdem versteht der Laie oft nur Kauderwelsch. Die Funkamateure verwenden nämlich einen umfangreichen Abkürzungs-Code. So bedeutet die Abkürzung QSL "ich gebe Ihnen eine Empfangsbestätigung." Damit kann auch ein Chinese, der nur Chinesisch spricht, mit einem Franken, der nur Deutsch kann, Nachrichten austauschen. Die Funkamateure senden und empfangen nicht nur rund um die Erde, sondern auch nach oben über eigene Amateurfunk-Satelliten. Wenn die Raumstation ISS über dem Horizont steht, sind Verbindungen mit den Astronauten möglich, die alle auch Amateurfunker sein müssen. Norbert Baumeister hatte schon Kontakt zu den Astronauten Thomas Reiter und Mikhail Tyurin. Nachweisen kann er das mit QSL-Karten, die sich die Funkamateure für jede hergestellte Verbindung gegenseitig zuschicken.