Im Maßbacher Theater im Pferdestall gibt es zurzeit Nichts zu sehen. Das wäre an sich keine Nachricht, wenn dieses Nichts klein geschrieben wäre. Aber im TIP wird es groß geschrieben, und es ist ganz schön heftig: "Nichts. Was im Leben wichtig ist", ein Roman von Janne Teller. In ihrer dänischen Heimat hat das Buch eine Kontroverse ausgelöst, wie man sie Literatur gar nicht mehr zugetraut hätte.

In Dänemark wurde in vielen Schulen die Lektüre schlichtweg verboten (eine bessere Werbung kann es gar nicht geben), in Norwegen sogar auf den Index gesetzt. 2010 erschien das Buch in deutscher Übersetzung. Daraus hat Andreas Erdmann eine Bühnenfassung gefertigt, die Julia Kren, die Theaterpädagogin der Maßbacher, jetzt mit ihrem TheaterJugendClub erarbeitet hat.

"Nichts" spielt in der gefühlten "Schlafsiedlung" Tæring, an der Schnittstelle zwischen städtischer Langeweile und ländlicher Langeweile, also auf bestem Nährboden für Nihilisten. Da steht am ersten Tag nach den Sommerferien in der 7. Klasse plötzlich Pierre Anthon auf, sagt: "Nichts bedeutet irgendwas. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendwas zu tun", verlässt das Schulgebäude und setzt sich auf den Ast eines Pflaumenbaums, von dem aus er seine nihilistischen Thesen verkündet.

Seine Klassenkameraden sind entsetzt, versuchen ihn in die Schule und in ihre Wertegemeinschaft zurückzuholen, was ihnen nicht einmal gelingt, als sie ihn mit Steinen bewerfen. Aber er hat bei ihnen einen Stein ins Wasser geworfen.

Plötzlich beginnen sie sich zu fragen, was denn für sie Bedeutung hat. Und sie beschließen, im alten Sägewerk alles auf einem Haufen zusammenzutragen, was für sie von Bedeutung sein könnte. Der Clou an der Sache: Jeder, der etwas hinlegt, bestimmt den Nächsten und auch das, was er hinlegen muss - und sie kennen einander gut.

Natürlich fängt das harmlos an, mit ein paar Lieblingsschuhen oder einer Puppe oder, jetzt schon mehr, mit dem gelben Rennrad. Jeder meint, seinen Vorgänger in Gemeinheit überbieten zu müssen, die Sache eskaliert. Plötzlich sind es der Kopf eines lebenden Hundes, der Sarg eines kürzlich gestorbenen kleinen Bruders, die Jungfräulichkeit einer Mitschülerin, der rechte Zeigefinger von Jan-Johan, einem begabten Gitarristen (Shylock lässt grüßen). Man sitzt da und staunt, wie weit Empathielosigkeit und letztlich wohl auch Verzweiflung gehen können. Aber die Spirale der Gewalt hat eine unbarmherzige innere Logik.

Jan-Johan ist es, der die Sache auffliegen lässt, der die Aktion verrät. Die Polizei taucht auf, die Medien, aber auch ein New Yorker Museum, das diesen Trümmerhaufen der Bedeutung als Kunstwerk für einen Millionenbetrag kaufen will.

Und als auch noch Pierre Anthon kommt, um darauf hinzuweisen, dass er Recht hat, ist das Sägewerk am nächsten Morgen eine rauchende Ruine mit einem verbrannten menschlichen Körper und einem zu Asche gewordenen Berg der Bedeutung - nichts mehr für das Museum. Sofie, vorher der Motor der Aggressionsbeschleunigung, verliert den Verstand.

"The Fool on the Hill" von den Beatles singt die Truppe - eine sinnfällige und wirksame Möglichkeit, auch für das Publikum, sich wieder in der Realität zu erden. Das ist freilich auch nötig.

Denn es ist absolut verblüffend, was Julia Kren aus ihrer Truppe - das sind Fanny Schmidt, Jehanne Worch, Vivian Nicolai, Melvin Beck und Johannes Rösch - herausgeholt hat, wozu begabte Laien in der Lage sind, wenn sie richtig gefordert werden (erfreulich übrigens, dass dieses Mal auch zwei Kerle Manns genug waren, sich auf die Bühne zu stellen).

Es beginnt ja ganz harmlos: Da kommen die fünf ratschend ins Theater, beginnen sich zu schminken, machen ein paar geistige und gymnastische Lockerungsübung, und plötzlich bemerkt der Zuschauer, dass er ihnen auf den Leim gegangen ist, dass er in die Handlung hineingezogen worden ist und nicht mehr herauskann. Das Verhängnis kann seinen Lauf nehmen.


Das Tempo reißt mit

Wenn es wenigstens dilettantisch gespielt wäre. Dann könnte man über das Lachen ein bisschen auf Distanz gehen. Aber der scharfen Präzision der Darstellung und des Zusammenspiels und dem hohen Tempo ist man ganz einfach ausgeliefert. Und die sind halt nur möglich, wenn jeder immer ganz genau weiß, was er zu tun hat, dass man sich aufeinander verlassen kann.

Die Atemlosigkeit, die sich im Zuge der Eskalation breit macht, ist nicht nur gespielt. Sie ist auch echt, weil die fünf Konzentration und Tempo 75 Minuten durchhalten müssen, weil sie keine einzige Pause haben, sondern alle ständig auf der Bühne sind.

Es gibt nur, rondoartig, kleine Inseln der relativen Ruhe und Eigenständigkeit, in denen die jungen Leute in wachsender Verwirrung und Verzweiflung über die Bühne irren und versuchen zu erkennen und zu beschreiben, wer oder was sie sind.

Ist "Nichts" ein Stück für Jugendliche? Jein. Man müsste die Frage zumindest um ein "nur" ergänzen. Natürlich sollen sie es sich anschauen. Das Buch, egal, ob Roman oder Theater, auf den Index zu setzen wie in Norwegen ist absoluter Quatsch. Denn die Frage nach dem Sinn des Lebens, die das Buch aufwirft, ist eine Frage, die spätestens in der Pubertät in die Gehirne kriecht, ist eine Frage, die das Lebensgefühl der jungen Leute prägt.

Nein, es ist auch ein Stück für Erwachsene, nicht nur für Eltern. Sie sollten es sehen, denn sie sind es, die sich über die Brutalität des Plots aufregen, sie sind es, die plötzlich gezeigt bekommen, was passiert, wenn man die Gedanken ihrer Kinder konsequent auf die Spitze treibt.

Und im Grunde genommen hat sie die Sinnfrage ja nie verlassen. Sie haben es nur mehr oder weniger gut gelernt, sie zu verdrängen oder zu übertönen. Es sei denn, sie hätten wirklich eine Antwort.