Vor 30 Jahren wäre es Dieter Hippler aus Stangenroth nicht möglich gewesen, seinem Hobby bei den Waldberger Sängern weiter nachzugehen. Denn Dieter Hippler hat eine chronische Lungenerkrankung und ist auf künstlichen Sauerstoff angewiesen. Wenn er heute aus dem Haus geht, ist sein mobiles Sauerstoffgerät immer dabei. Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es so etwas nicht. Sauerstoffpatienten verloren dadurch den Kontakt zur Außenwelt und meist auch ihre Lebensfreude, weiß Wolfgang Röhlinger. Er gehörte vor zehn Jahren zu den Initiatoren der Selbsthilfegruppe "Luftikus". Einmal monatlich treffen sich seit dieser Zeit Menschen, die eine chronische Lungenerkrankung haben.

"Es ist nichts mehr so wie es früher war", sagt Trude Krieger. Sie ist seit vier Jahren Mitglied der Selbsthilfegruppe und ist froh, dass sie bei den monatlichen Treffen in der Haarder Bärenburg auf Betroffene wie Dieter Hippler trifft, die ähnliches erleben wie sie. "Das braucht man in unserer Situation". Die Gruppe hilft den Betroffenen, das Beste aus ihrer Situation zu machen.


Vieles hat sich verbessert

Trude Krieger kommt zu den Treffen mit ihrer Freundin Gundi Preisendörfer, die ebenfalls die Sauerstoffbrille trägt. Auch Gundi Preisendörfer schätzt die Zusammenkünfte. "Man merkt, dass man nicht alleine ist", sagt die Schweinfurterin.

Wolfgang Röhlinger hatte in seiner langen beruflichen Laufbahn, unter anderem im Münnerstädter Thoraxzentrum, die Nöte und Sorgen von Sauerstoffpatienten kennengelernt. Als er vor 40 Jahren noch als Zivi in die Klinik kam, bedeutete eine Sauerstoff-Langzeit-Therapie für Patienten, dass sie den Rest ihres Lebens im Bett verbringen mussten. Die Sauerstoffflaschen waren riesig. Daheim konnten Patienten meist nicht betreut werden. Später wurden die Flaschen zwar kleiner, doch die Patienten blieben zuhause immobil. Erst mit der Entwicklung von tragbaren Sauerstoffgeräten in den 1990er Jahren gab es die Möglichkeit, am Leben teilzunehmen. "Das war eine neue Freiheit", so Röhlinger.

Was aber blieb, waren die Sorgen der Patienten. Deshalb war es Wolfgang Röhlinger und seiner Frau Manuela - auch sie kommt aus der Pflege - wichtig, dass es eine Selbsthilfegruppe gibt, die den Menschen Mut macht, trotz ihrer Behinderung aus dem Haus zu gehen und aktiv zu sein.


Markenzeichen in der Nase

Manuela Röhlinger, die die Gruppe in den letzten Jahren federführend geleitet hat, ist froh, dass es für die Mitglieder der Gruppe kein Problem ist, mit ihrem Sauerstoffgerät in die Öffentlichkeit zu gehen.Denn anders als bei Diabetes oder Herzerkrankungen sehe man den Lungenpatienten ihre Krankheit an, sagt Wolfgang Röhlinger. "Sie haben ihr Markenzeichen in der Nase". Es ist die Sauerstoffbrille.

Die Selbsthilfgruppe sei wichtig, dass die Menschen diesen Schritt in die Öffentlichkeit wieder wagen und merken, dass es trotz aller Einschränkungen Möglichkeiten gibt, Dinge zu tun, die einem wichtig sind, so Röhlinger. So lässt sich Dieter Hippler nicht nehmen, auch bei Auftritten der Waldberger Sänger mit dabei zu sein, natürlich nur, wenn es an diesem Tag auch seine Lunge mitspielt.


Neuer Vorsitzender

Dass die Mitglieder den Nachmittag schätzen, merkt der Besucher. Der Tisch ist hübsch dekoriert, alle begrüßen sich herzlich. Die Atmosphäre ist locker und ungezwungen. Auch Detlef Langer, der künftig als Vorsitzender der Gruppe den organisatorischen Bereich übernehmen wird, freut sich immer auf diesen Mittwoch.

Doch es sind nicht nur die Sauerstoffpatienten, denen die monatlichen Treffen sehr am Herzen liegen. Seit bald zehn Jahren begleitet Christine Brandt aus Fuchsstadt ihren Mann zu den Treffen. "Das Treffen ist so wichtig für die Angehörigen", sagt die Fuchsstädterin. Sie schätzt den Austausch. Die Teilnehmer erzählen von ihren Erfahrungen und geben damit oftmals wichtige Hinweise, was man anders und damit besser machen könne. Helmuth und Christine Brandt sind von Anfang an in der Selbsthilfegruppe dabei. Obwohl sie berufstätig sei, nehme sie sich jedes Mal für die Treffen frei, erklärt Frau Brandt.


Infobörse

Die Luftikus-Treffen sind einerseits ein gemütliches Beisammensein, andererseits eine Informationsbörse. Es gibt Vorträge, daneben Ausflüge oder Feiern. Komischerweise hat es in all den Jahren aber nie einen Ärztevortrag gegeben, obgleich der Kontakt, das betont Manuela Röhlinger, zu den Lungenfachärzten der Region und zum Thoraxzentrum sehr gut sei.

In den ersten Jahren fanden die Treffen im Münnerstädter Thoraxzentrum statt. Zwischenzeitlich trifft man sich in der Haarder Bärenburg. Dort fühlen sich die Besucher wohl, zumal die Teilnehmer froh sind, ihre Freizeit nicht im Krankenhaus verbringen zu müssen.

Fünf bis sechs Stunden hält im optimalen Fall ein mobiles Sauerstoffgerät. Dann muss Trude Krieger wieder an einer großen Station auftanken. Üblicherweise macht sie das daheim. Im Gasthaus "Bärenburg" ist das aber ebenfalls möglich. Die Bärenburg ist seit einigen Jahren ein Sauerstoffhotel und damit in Deutschland eine Besonderheit.
Zehn solcher Häuser gibt es bundesweit, erklärt Wolfgang Röhlinger beim zehnjährigen Jubiläum der Selbsthilfegruppe "Luftikus"; die Bärenburg war seinerzeit das zweite Haus in Deutschland, das diesen Service bot. Das Angebot gibt es dank der Firma Linde Healthcare. Für das Unternehmen war Wolfgang Röhlinger in den vergangenen Jahren tätig. Die Idee kam von Wolfgang und Manuela Röhlinger, nachdem sie in der Bärenburg die Treffen der Selbsthilfegruppe organisierten Linde Healthcare zog mit.
Die Bärenburg bot gute Voraussetzungen Sauerstoffhotel zu werden, erläutert Manuela Röhlinger. "Wichtig ist, dass es in der Gastwirtschaft keine Treppen zu den Sanitäranlagen gibt", erklärt Trude Krieger, die auf eine Sauerstoff-Langzeit-Therapie angewiesen ist. Die Fremdenzimmer im Obergeschoss sind über Aufzug erreichbar. Wichtig sei zudem die Nähe zum Thoraxzentrum oder zu Fachärzten in der Region, falls unerwartete gesundheitliche Probleme auftreten, erklärt Manuela Röhlinger.
Im Obergeschoss der Bärenburg steht der Sauerstofftank. Hausgäste können dort ihre mobilen Sauerstoffgeräte unentgeltlich aufladen. Man habe oft Angst, dass der Sauerstoff nicht reicht", erklärt Trude Krieger. Der Tank im Haus beruhige. Wer im Haus übernachten will und auf künstlichen Sauerstoff angewiesen ist, kann den Tank nach vorheriger Anmeldung mit aufs Zimmer nehmen, um nachts gut versorgt zu sein. "Viele wissen noch gar nicht, dass wir so etwas anbieten", sagt Bärenburg Chefin Tanja Virnekäs. Doch es spricht sich langsam herum. Es kommen auch bereitsÜbernachtungsgäste, weil das Haus diese Versorgungsmöglichkeit bietet, erzählt Tanja Virnekäs.


Zur Info

Was
Luftikus ist eine Selbsthilfegruppe für Sauerstoff-Langzeit-Therapie-Betroffene und deren Angehörigesowie Therapeuten, Ärzte und Interessierte.

Treffen Jeden 2. Mittwoch im Monat laufen die Treffen zwischen 14 und 16 Uhr im Gasthaus Bärenburg in Haard.

Info Auskünfte gibt Vorsitzender Detlef Langer (Tel. 0971/7852291).