Als Leihgabe wird der sogenannte Marientodaltar der Münnerstädter Stadtpfarrkirche für mehrere Monate dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zur Verfügung gestellt. Dort sind die beiden Bildtafeln Teil der Sonderausstellung "Der Deichsler Altar - Nürnberger Kunst um 1420".
Mit der Leihgabe werden zwei künstlerische Arbeiten aus der Stadtpfarrkirche, die bislang neben den Werken von Tilman Riemenschneider und Veit Stoß eher ein Schattendasein führen, in ein neues Licht gerückt.


Unbekannter Meister

Auf der linken Seite des Münnerstädter Kirchenschiffs befindet sich der Marientodaltar. Seine Geschichte ist bis heute ein Geheimnis umwoben. Doch dank der kunsthistorischen Forschung weiß man mittlerweile etwas mehr über die beiden Kunstwerke, die in Münnerstadt wie eine Einheit wirken, aber früher einmal wohl eher nicht füreinander bestimmt waren.
Belegt ist, dass die beiden Arbeiten durch denselben Künstler bzw. in dessen Werkstatt entstanden sind. Dessen Name ist bis heute nicht überliefert. Zugesprochen werden die Arbeiten dem Meister, der den sogenannten Nürnberger Deichsleraltar geschaffen hat. Dieser gilt zu den Spitzenwerken der Zeitraum 1400 in Nürnberg. Die Predella des Münnerstädter Marientod-Altars ist Teil dieses Altarwerkes gewesen, das heute verteilt auf verschiedene Standorte erhalten geblieben ist. Der Deichsler-Altar erhielt seinen Namen von dem Patrizier Berthold Deichsler, der diesen um 1419 für die Dominikaner-Kirche in Nürnberg gestiftet hatte.


Tafel der Festtagsseite

Zur Münnerstädter Predella schreibt der Ausstellungskurator des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg: "Die jüngsten kunsttechnologischen Untersuchungen untermauern die Herkunft der schmalen, langen Tafel aus der Werkstatt des Deichsler-Meisters und erhärten die vermutete Zugehörigkeit zum gleichnamigen Retabel". Man geht davon aus, dass das Bild mit der Muttergottes und Heiligen einst zur Festtagsseite des Deichsler-Retabels gehörte.


Aus dem 15. Jahrhundert

Die Dominikaner-Kirche wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgerissen. Damals wurde auch der Altar zerlegt. Im Besitz des Germanischen Nationalmuseums sind aus diesem Altar drei Holzfiguren. Die größere Tafel des Münnerstädter Marientod-Altars zeigt die Muttergottes in ihrer Sterbestunde. Dieses Werk kam zeitgleich mit der langgestreckten Tafel in die Stadtpfarrkirche. Beide waren um 1830 im Kunsthandel erworben worden und befanden sich Anfang des 19. Jahrhunderts in der ehemaligen Zisterzienserkirche zu Heilsbronn, so die Auskunft aus dem Germanischen Nationalmuseum. Die Marientod-Tafel dürfte etwas jünger sein als die Predella, konnte aber von den Experten als weiteres Werk des Meisters des Deichsler-Altars identifiziert werden. Die Entstehung datiert man derzeit um das Jahr 1430. Ob sie einst für eine Nürnberger Kirche oder aber schon damals für die Zisterzienserabtei Heilsbronn bestimmt war, sei unklar.


Man kommt gleich ins Gespräch

Der Münnerstädter Kirchenführer Bruno Eckert schätzt die beiden Kleinode in der Münnerstädter Stadtpfarrkirche. An der Predella gefallen ihm vor allem die beiden Heiligen Cosima und Damian, die als Kirchenpatrone der Mediziner und Apotheker gelten. In der Hand halten sie Uringefäße. Die Farbe des Urins gab den Heilkundigen einst wichtige Hinweise auf das körperliche Wohlbefinden der Patienten. In seinen Führungen weise er daraufhin. "Das ist eine Kleinigkeit, mit der man sofort ins Gespräch kommt" (Eckert).


Für einen neugotischen Altar

Aus Veröffentlichungen und aus den Erzählungen des früheren Stadtpfarrers Pater Hugolin Landvogt weiß Eckert, dass der Kauf des Marientod-Bildnisses und der Predella-Tafel wohl mit der Anschaffung eines neugotischen Altars in der Stadtpfarrkirche um das Jahr 1830 zusammenhing. Damals wollten die Münnerstädter ein künstlerisch passendes Altarbild und fanden es in Kunsthandel. Bis zur Zerstörung des neugotischen Altars im zweiten Weltkrieg bildeten der Marientod und die Predella den Mittelpunkt des Altars, an dessen Seiten die in Münnerstadt verbliebenen Riemenschneiderfiguren angebracht waren. Auf alten Postkarten ist das noch zu sehen.


Besonderer Kunststil

Für die Sonderausstellung in Nürnberg werden die zwei Bildtafeln ausgeliehen. Wie Stadtpfarrer Pater Markus betont, habe die Kirchenverwaltung ihr Einverständnis gegeben, nachdem auch das Kunstreferat der Diözese der Ausleihe zugestimmt hatte. Vor rund einem Jahr hatte das Germanische Nationalmuseum erstmals angefragt, ob die beiden Bildnisse Teil der Sonderausstellung werden könnten. Diese Ausstellung ermögliche einen konzentrierten Blick auf eines der wichtigsten süddeutschen Zentren des sogenannten "Schönen Stils", heißt es in Informationen zur Sonderausstellung. Die Zeit um 1400 gehörte zu den Blüteperioden des Nürnberger Kunstschaffens, die mit ihren zierlichen Gestalten und den aufwendigen Gewandfaltungen in der Kunstgeschichte als "Schöner Stil" bezeichnet wird.