Was als simple Auftragsvergabe im nicht öffentlichen Teil der Stadtratssitzung gedacht war, ist inzwischen zu einem Politikum geworden: die geplante Abholzung von 106 Bäumen entlang des Münnerstädter Hochwasserdamms in diesem Jahr. Nachdem Umweltreferent Klaus Schebler (Neue Wege) das Problem öffentlich gemacht hatte, lud 2. Bürgermeister Michael Kastl (CSU), der derzeit die Amtsgeschäfte für den erkrankten Bürgermeister leitet, die Behördenvertreter ein. Gab es zunächst Absagen, so hat die für den Landkreis zuständige Abteilungsleiterin im Wasserwirtschaftsamt Bad Kissingen, Birgit Imhof, ihre Teilnahme kurzfristig doch möglich gemacht. Die Übernahme des Themas in den öffentlichen Teil war so reine Formsache, viele der zahlreich Gäste waren genau deswegen gekommen.


Aus der Zeitung erfahren

"Wir haben das Ganze am 13. Januar in der Zeitung gelesen", stieg Michael Kastl in das Thema ein. Zuvor habe der Stadtrat gar nichts gewusst. Beim Hochwasserdamm handele es sich um ein im Dienst befindliches Bauwerk, das inzwischen zu einem attraktiven Erholungsgebiet geworden sei, wozu auch die Bäume beitragen. "Das ist ein sehr schöner Fleck, auf dieses Kleinod wollen die Münnerstädter nicht verzichten." Michael Kastl äußerte aber Zweifel an der von Bürgermeister Helmut Blank (CSU) in der Zeitung getroffenen Aussage, dass die Bäume gerettet seien. Man bräuchte jetzt gute Vorschläge, meinte Kastl.
Wasserwirtschaftlich gesehen handelt es sich nicht um einen Hochwasserdamm, sondern um einen Hochwasserdeich, begann Birgit Imhof ihre Ausführungen. Als der 1,1 Kilometer lange Deich im Jahr 1973 gebaut wurde, war die Lauer noch als Gewässer dritter Ordnung eingestuft, inzwischen ist sie ein Gewässer zweiter Ordnung. Gleich zu Beginn stellte Borgit Imhof unmissverständlich klar, dass bei einer Neuregelung des Hochwasserschutzes der Freistaat der Vorhabensträger ist. Das heißt, eine Deichverbreiterung, wie sie bereits zur Rettung der Bäume in Erwägung gezogen wurde, geht nur, wenn es das Land für notwendig erachtet.


Zehn Meter Abstand

In einer Präsentation zeigte die Expertin Schäden auf, die durch Bäume auf einem Deich entstehen können und belegte dies auch anhand von Fotos gebrochener Deiche in Südbayern. "Wenn ein Deich angeknabbert ist, kann er in wenigen Stunden brechen." Nach der DIN-Verordnung müssten Gehölze einen Abstand von zehn Meter vom Deichfuß haben. Mit dem Fällen der Bäume und dem Ausfräsen der Wurzelstöcke könne der Deich erhalten werden. Wenn man zu lange warte, könne es sein, dass der Deich saniert werden oder sogar neu gebaut werden muss. Birgit Imhof rechnete den Stadträte und Gästen vor, dass das dann rund 2,2 Millionen Euro kosten würde. "Sie haben ein wertvolles Bauwerk, das sie vor Hochwasser schützt", betonte sie. Außerdem seien Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde bei den Deichbegehungen dabei gewesen und hätten dem Abholzen zugestimmt, allerdings nur, wenn Ersatzpflanzungen an anderer Stelle erfolgen. Birgit Imhof gab sich selbst als Baumliebhaberin zu erkennen, mahnte aber eindringlich: "Kommen Sie ihrer Verantwortung nach."


Fünf Jahre Stillstand

In den letzten fünf Jahren sei nichts gemacht worden, erinnerte Michael Kastl daran, dass die Stadt in Unkenntnis der Räte seit 2012 immer wieder zum Fällen der Bäume aufgefordert worden war. "In dieser Zeit wurde auch nicht nach Alternativen gesucht." Und nun solle der Stadtrat innerhalb von drei Wochen über einen Radikaleinschlag entscheiden. Das sei sowohl dem Gremium als auch der Bevölkerung schwer zu vermitteln. "Ich bitte darum, die Auftragsvergabe erst einmal nicht durchzuführen." Er halte aber auch nichts davon zu versprechen, die Bäume bleiben stehen. Man müsse mit Augenmaß an die Sache herangehen.
Auf Nachfrage erfuhr Klaus Schebler, dass seitens des Wasserwirtschaftsamtes seit 2009 verstärkt auf den Bewuchs von Deichen geachtet wird. Er verwies darauf, wie drastisch der Einschnitt wäre, wenn alle Bäume im Abstand von zehn Meter gefällt würden. Das sei die DIN-Vorschrift, das Wasserwirtschaftsamt achte auf drei Meter, bekam er zur Antwort. Die Lauer sei doch nicht mit dem Rhein oder der Donau vergleichbar, legte Klaus Schebler nach, der Birgit Imhof mit Fragen torpedierte.
Man müsse sich schon an die eigene Nase fassen, fand Michael Kastl. Zunächst intern und dann mit den Fachbehörden sollte man nach Lösungen suchen. Auf Nachfrage von Leo Pfennig (fraktionslos), erklärte Michael Kastl, dass er auch einen Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde zur Sitzung geladen, aber eine Absage bekommen hatte. "Haben Sie mit dem Bürgermeister darüber gesprochen", hakte Leo Pfennig nach. "Nein", lautete die Antwort Kastls.


Keine "Hauruck-Lösung"

Dieter Petsch (Forum aktiv) erläuterte, dass in Münnerstadt bei einem Hochwasser der Pegel nur langsam steigt. Man sollte die Bäume mit Bedacht fällen. Zumindest die Tiefwurzler könne man doch stehen lassen. Ein möglicher Kompromiss, den auch Klaus Schebler gut fände. Birgit Imhof regte dagegen an, noch jetzt die Bäume auf der Wasserseite des Deiches zu fällen. "Es wird nicht leichter, je länger man wartet." Doch Michael Kastl lehnte eine "Hauruck-Lösung" ab. Eine Vor-Ort-Begehung des Bauausschusses mit Vertretern der Fachbehörden soll ein erster Schritt sein. Auf Anregung Leo Pfennigs können auch die Bürger mitreden. Der Beschluss fiel einstimmig.


Kommentar

von Thomas Malz

Der Raum war der gleiche, die Uhrzeit passte und auch die Leute kamen mir sehr bekannt vor. Das war es aber auch schon. Die Stadtratssitzung vom Montagabend unterschied sich ansonsten völlig von ihren meisten Vorgängern. Das lag noch nicht einmal so sehr daran, dass sämtliche Beschlüsse einstimmig gefällt wurden. Vielmehr war es die erkennbare Achtung der Stadträte voreinander und das Anerkennen einer anderen Meinung, auch wenn es mal weh tat. Es war ganz offensichtlich, dass die Stadträte auch außerhalb der Sitzungen wieder miteinander sprechen - quer durch sämtliche Fraktionen. Und es sind wegweisende Entscheidungen getroffen worden. Endlich tut sich mal wieder was. Dass selbst beim Thema Hallenbad ein einhelliger Konsens erzielt werden konnte, spricht für sich. Michael Kastls Sitzungsleitung war souverän, fachlich fundiert und gelegentlich sogar humorvoll. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann das letzte Mal so gelacht wurde, auch auf Kommentare der Stadträte. Die Kommunalpolitiker haben beschlossen, noch während der Abwesenheit von Bürgermeister Helmut Blank zwei weitere Sitzungen durchzuführen. Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sage, aber: Ich freue mich drauf.