Eugen Reiter ist ein bescheidener Mann. Einen kleinen Wunsch hätte er aber: Wenn etwas über sein besonders Hobby in der Zeitung steht, dann sollte "Die Jahre vergehen - jedoch die Erinnerung bleibt" über dem Artikel stehen. So fasst er selbst zusammen, was ihn antreibt. Er besitzt Sterbebildchen von rund 400 Personen, die in Reichenbach gestorben sind, hinzu kommen etwa 80, die wegzogen und in anderen Gemeinden begraben wurden. Alle sind fein säuberlich katalogisiert. "Seit 1972 ist die Übersicht komplett", sagt er. Aber er besitze auch etliche Karten, die viel, viel älter sind. Stolz zeigt er die älteste von Vinzenz Schneider. Er wurde 1846 in Wipfeld geboren und starb 1913 im Münnerstädter Augustiner-Kloster 22 Jahre lang war er Stadtpfarrer von Münnerstadt und 17 Jahre Religionslehrer am Gymnasium. Und er war natürlich einige Zeit in Reichenbach als Pfarrer tätig.

Die erste Karte

Mit dieser Karte beginnt die Sammlung von Rosa Reiter, der Mutter von Eugen Reiter. Er hat sie weitergeführt. Inzwischen ist Rosa Reiters Sterbebildchen ebenfalls Bestandteil der Sammlung, zu finden ist dort auch die Karte seines Sohnes, der im Alter von nur sieben Jahren gestorben ist. Rita Schmitt, die in den Sonnenhof nach Reichenbach geheiratet hat, macht auf eine Tradition im Ort aufmerksam, die sie noch uneingeschränkt kennen gelernt hat: "Aus jedem Haus geht einer mit zur Beerdigung." Das bestätigt auch Eugen Reiter. Seine Mutter sei streng katholisch gewesen und bei jeder Beerdigung dabei. So hat die Sammlung der Kärtchen ihren Anfang genommen. Durch den Zuzug in die Neubaugebiete sei es heute zwar nicht mehr ganz so, trotzdem sei die Anteilnahme an Beerdigungen immer sehr groß. Und so werden nach wie vor viele Sterbebildchen verteilt.

Manchmal gibt es keine

Eugen Reiter hat sie fast alle. Es fehlen lediglich ein paar wenige von Weggezogenen. Aber: "Manchmal gibt es auch keine Sterbebildchen." Das allerdings kommt bei geborenen Reichen bachern nur selten vor. Bei zugezogenen Russlanddeutschen, die meist evangelisch sind, sehe das aber anders aus. Da seien Sterbebildchen nicht so üblich.
Wenn diese Sterbekärtchen auch immer mit dem Tod zu tun haben, so erzählen sie doch Geschichten aus dem Leben. Eugen Reiter schlägt eine Seite in einem seiner drei Alben auf, auf der die Sterbekärtchen von Gefallenen aus dem Zweiten Weltkrieg abgebildet sind. Er zeigt die Karte von Eugen Back, der am 15. Februar 1943 gefallen ist. Sein Bruder, Anton Back, ist heute mit 91 Jahren der älteste männliche Einwohner Reichenbachs.

Alles fein säuberlich

Drei große Ordner umfasst die Sammlung von Eugen Reiter. In einem - der wichtigste - sind die Sterbekärtchen aufgeschlagen eingeklebt. Dort stehen die wichtigsten Informationen. Dazu hat Eugen Reiter auch noch einen Katalog erstellt, in dem alles fein säuberlich aufgelistet sind. Gelegentlich bekommt er Besucher, die etwas über bestimmte Personen wissen wollen. Dann braucht er nur in seinen Katalog zu schauen, sofort weiß er, wo das Sterbekärtchen zu finden ist. Im Katalog ist auch festgehalten, ob die Personen gebürtige Reichenbacher waren, oder beispielsweise Heimatvertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg. Den Katalog - es ist ein Schulheft - hat er mit einer einfachen Handschreibmaschine geschrieben.
Sterbekärtchen haben natürlich auch eine Außenseite mit verschiedenen Motiven der Gedichte. Auch von denen hat er einen Ordner erstellt. Der dritte ist mit Kärtchen von guten Bekannten und früheren Arbeitskollegen gefüllt.

"Das gibt es doch nicht"

Rita Schmitt ist bald nach ihrem Zuzug auch mit zu den Beerdigungen gegangen und begann, die Sterbebildchen zu sammeln. Als sie sich immer mehr dafür interessierte, bekam sie den Rat, Kontakt mit Eugen Reiter aufzunehmen. "Ich habe das damals gesehen und gedacht: Das gibt es doch nicht", sagt sie heute. Die beiden Reichenbacher tauschten Kärtchen aus. Rita Schmitt hatte sogar eine, die Eugen Reiter noch nicht besaß. Und Rita Schmitt hat sich den Hauptordner komplett kopiert. Das außergewöhnliche Zeitdokument des Lebens und Sterbens in Reichenbach soll erhalten bleiben.