Heuer wird Dieter Petsch wohl noch keinen Wein keltern können. Er geht sogar davon aus, dass seine Weinstöcke frühestens in zwei Jahren einen nennenswerten Ertrag abwerfen. Es dauert also, bis nach mehr als hundert Jahren wieder einmal Wein von Münnerstädter Hängen kommen wird. Einsteigen will der Biolandwirt in das Wein-Geschäft ohnehin nicht - selbst wenn jetzt die Anbaubestimmungen gelockert werden. "Der Markt ist abgegrast", meint Petsch. Außerdem gibt es in Münnerstadt kaum mehr Hang-Flächen, auf denen Wein wachsen darf.
Dieter Petsch hat an der Südhanglage des Maitals einen kleinen Weinberg mit Trauben der Sorte "Helios" angelegt. Auf 100 Quadratmetern Fläche wachsen 80 Weinstöcke. Damit bewegt er sich im Rahmen der gesetzlich erlaubten Größe. "Ich wollte wissen, ob das überhaupt geht", sagt der Hobby-Winzer und Münnerstädter Stadtrat. Mehr soll es eigentlich nicht sein.
Überrascht hat Dieter Petsch der starke Verbiss. Dass Hasen und Kaninchen die jungen Weinstöcke gerne anknabbern, wusste er und hatte Vorsorge getroffen. Dass aber auch die Rehe den jungen Wein lieben, damit habe er nicht gerechnet. Zwei Jahre hintereinander sorgten die Tiere dafür, dass die Triebe komplett weggefressen wurden. Jetzt hat die kleine Anlage sogar einen kleinen Schutzzaun. Heuer kämpfen die zarten Reben mit der Trockenheit.

Touristisch interessant

Dass Weinbau in der wohl ältesten Weinbaustadt Frankens noch einmal richtig etabliert wird, glaubt Dieter Petsch nicht. Allerdings kann er sich vorstellen, dass ein kleiner Weinberg in Verbindung mit einer Gastronomie durchaus interessant wäre, auch auch in touristischer Hinsicht.
Der Münnerstädter Gastwirt Bernd Wohlfromm hat vor Jahren einmal diesen Versuch gestartet. Er hatte auf Sonnenhang zwischen Münnerstadt und Althausen 99 Weinstöcke gesetzt. Doch nach drei eiskalten Wintern und ohne jegliche Ernte-Aussichten hat er aufgeben. Ein Weinberg erfordere zudem viel Aufmerksamkeit von seinem Besitzer, weiß Wohlfromm aus dieser Zeit. Die hat er nicht. Aber er kann sich vorstellen, dass ein Hausschoppen vom eigenen Weinberg bei den Gästen gut ankommt. Bei einem Most, den er einmal aus Weintrauben gepresst hatte, die in seinem Hof gereift waren, war dies der Fall.

Idee für einen Musterweinberg

Roland Lenhart von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Bad Kissingen hat sogar schon einen Südhang in Münnerstadt im Blick, auf dem sich ein kleiner Weinberg verwirklichen ließe. Seine Idee wäre, einen Musterweinberg anzulegen, wie er auch in Hammelburg existiert. Damit könnte man zeigen, wie die Kulturlandschaft um Münnerstadt früher ausgesehen hat. Ab 2016 sei erlaubt, 1000 Quadratmeter zu bepflanzen, erläutert er. Allerdings bestätigt Roland Lenhart, dass rund um Münnerstadt nur noch wenige Flächen als Weinberg genutzt werden können. Weite Teile der überlieferten Weinhänge sind heute ohnehin bebaut wie der Kämmer oder der Michelsgrund. Und die unbebauten Steillagen sind heute fast alle als Biotop kartiert, so fast das gesamte Maital oder der Goldgrund. Dort darf nichts mehr gepflanzt werden, selbst wenn die Landschaft ihren Charakter einst durch den Weinanbau erhalten hat und auch noch Reste dieser Tradition zu finden sind. Eindrucksvoll findet Dieter Petsch beispielsweise die erhaltenen Steinleseriegel im Maital.

Uralter Rebstock

Auf einem Grundstück des Münnerstädters Karl Mai im Goldgrund steht nach Angaben Lenharts einer der ältesten Weinstöcke Frankens. Es handle sich um einen Rebstock amerikanischen Ursprungs, die im 19. Jahrhundert nach Deutschland gebracht wurden. Roland Lenhart kennt das Grundstück, hat schon einmal vor ein paar Jahren die vereinzelt noch vorhandenen Rebstöcke freigeschnitten. Es sei geplant gewesen, sie als Naturdenkmal auszuweisen. Allerdings ist die Sache irgendwie im Sand verlaufen.

Ein Naturdenkmal im Goldgrund?

Roland Lenhart hätte weiterhin Interesse daran, und Karl Mai hat eigentlich nichts dagegen. Allerdings ist sein Grundstück naturbelassen und soll auch so bleiben. Die betagten Weinreben ranken dort heute wie ein wilder Wein an alten Obst- und Laubbäumen. Meterhoch sind die Triebe. Ertrag werfen sie keinen mehr ab. "Es sind nur noch winzige Beerchen", weiß Mai. Ein Ableger und Nachkomme dieses uralten Rebstocks wächst mittlerweile bei Dr. Johannes Becker im Garten. Der Mediziner im Ruhestand hat sich mit dem Weinbau in Münnerstadt intensiv befasst und vor drei Jahren ein Buch veröffentlicht. 770 wird der Weinbau in Münnerstadt erstmals urkundlich erwähnt. Fast alle steinigen Hanglagen waren mit Wein bepflanzt. Wein hat in Münnerstadt Jahrhunderte eine wichtige Rolle gespielt. Allerdings war der Anbau oft mühselig und immer wieder hat Johannes Becker bei seinen Recherchen Hinweise auf große Missernten gefunden.
Mindestens bis ins späte 19. Jahrhundert hinein wird die Weinbautradition im Ort noch aufrechterhalten. 1852 schreibt der Geistliche Nikolaus Reininger von verbliebenen 50 Tagwerken an Weinfläche, was rund 16 Hektar entspricht. Aus dem Jahr 1874 gibt es von einem Wilhelm Blank die Anfrage, ob er Most aus seinem Weinberg am Michelsberg verkaufen dürfe. 1904 sind im Grundsteuer-Kataster dann keine Weinberge mehr verzeichnet.