Einmal in der Woche hat der 17-jährige Hamodi eine Gitarrenstunde. Seit drei Monaten übt er fleißig Akkorde. Jetzt will er ein kurdisches Lied einüben und via Facebook zu seiner Familie nach Syrien schicken. Hamodi ist einer von acht unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen, denen das Netzwerk für soziale Dienste in seinem im August eröffneten Haus "Akwa Aba" in Münnerstadt ein zuhause auf Zeit gibt. "Es war von Anfang an eine sehr familiäre Atmosphäre", sagt Maria Herleth, Betreuerin im Haus.
Man spürt es gleich, wenn man das Gebäude betritt. Hier kommt der Besucher in eine Einrichtung, die den jungen Leuten nach Flucht und schlimmen Erfahrungen eine neue Lebensperspektive geben möchte. Erfahrung, wie Kinder und Jugendliche in einer kleinen, einer Familie ähnlichen Struktur betreut werden, hat man beim Netzwerk für soziale Dienste bereits seit 20 Jahren. Doch die Arbeit mit den unbegleiteten Jugendlichen aus Syrien und Eritrea ist auch für die erfahrenen Betreuer des Netzwerkes eine völlig neue Herausforderung, aber eine schöne, wie Maria Herleth festgestellt hat.
Das Netzwerk habe diese Wohngruppe förmlich "aus dem Boden gestampft", betont Netzwerk-Vorsitzender Karlheinz Friedel. Der Verein sei gefragt worden, ob er nicht auch in der Flüchtlingshilfe aktiv werden könne. Man habe den Sprung gewagt. Der Start sei nicht einfach gewesen. "Wir hatten ein leeres Objekt mit nix drin." Und die Jugendlichen besaßen nur das, was sie am Körper trugen.
Doch nach aufregenden Anfangswochen gibt es jetzt für alle schon eine gewisse Alltagsroutine. Langsam beginnen die Jugendlichen mit Freizeitaktivitäten. Einige trainieren beim TSV mit, Hamodi lernt Gitarre, Mohamad hat Klavierstunden an der Musikschule. Dem stillen musisch begabten Mohamad hilft die Musik auch, schlimme Erlebnisse aus der Vergangenheit zu bewältigen. Abends, nach dem gemeinsamen Essen, werde im Wohnzimmer schon mal musiziert und getrommelt, erzählt Maria Herleth.


Strukturierter Alltag

Der Alltag ist für die Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren klar strukturiert. Früh besuchen sie die Schule, entweder in Münnerstadt die Mittelschule oder in Bad Kissingen die Berufsschule. Jeden Tag verstehen sie ein bisschen besser deutsch.
Der Nachmittag läuft ab wie bei ganz normalen Jungs in diesem Alter. Sie verbringen ihre Zeit in den Zimmern, hören Musik, lernen oder haben Termine - Sport, Zahnarzt oder Friseur beispielsweise. Dank der Betreuung lernen sie Schritt für Schritt, mit einer für sie völlig fremden Kultur zu leben.
Selbständigkeit lernen heißt, Pflichten im Haus zu übernehmen. So kochen die Jungs selbst. In der Diele liegt ein Kochbuch "Arabische Küche". Die Betreuer haben sich damit befasst, was in Syrien gerne auf den Tisch kommt.


Talente helfen der Gemeinschaft

Schnell haben die Betreuer entdeckt, dass in ihren Schützlingen ganz unterschiedliche Talente schlummern, die der ganzen Gemeinschaft im Haus nutzen. Hamodi kann recht gut nähen und übernimmt Ausbesserungsarbeiten an der Kleidung. Der 17-jährige Abdulrazzak hat daheim gelernt, wie Fleisch zubereitet wird. Das ist hilfreich, denn die jugendlichen Flüchtlinge kochen selbst. Weihnachten gibt es Lamm. Das steht schon fest. Die meisten der Jugendlichen im Haus sind Muslime, kennen also das Weihnachtsfest gar nicht. Gefeiert wird trotzdem, wie auch im Haus das muslimische Opferfest begangen wurde. Im Haus "Akwa Aba" sind Morgen- und Abendland willkommen.


Hilfe bei Arztbesuchen

"Sie haben Glück gehabt", sagt Hassan Bel Mahdi und meint damit nicht nur, dass die Jugendlichen - zumindest äußerlich unversehrt - die Strapazen der Flucht und die Wirren des Bürgerkriegs überstanden haben. Glück sei für die Jugendlichen, dass sie jetzt in einem solchen familiären und behüteten Umfeld leben können. Hassan Bel Mahdi arbeitet seit einigen Monaten beim Netzwerk und stammt ursprünglich aus Marokko, lebt aber seit vielen Jahren in Deutschland. Der Oberebersbacher ist manchmal auch eine Art Nothelfer, denn er dolmetscht bei Behördengängen und Arztbesuchen oder dann, wenn die Verständigung im Haus selbst mit Händen und Füßen ins Stocken gerät.
Der 17-jährige Hamodi hat auch Angst, dass für er schon bald die ihm vertraute Umgebung und Sicherheit verlassen muss. Denn im Januar wird der junge Mann 18 Jahre, also volljährig. Ursprünglich sollten unbegleitete Jugendliche bis zum Abschluss ihrer Schulzeit oder Ausbildung in den betreuten Unterkünften bleiben können. Das hat sich mittlerweile geändert. Nun hat Hamodi Angst, dass er wieder zurück in eine der Gemeinschaftsunterkünfte muss. Der junge Syrer fürchtet, dass dort das Lernen darunter leidet."Es ist zu laut", sagt er ganz leise. Hamodi ist aber nicht der einzige Jugendliche der Gruppe, der Angst vor dieser ungewissen Situation hat. Drei weitere Mitbewohner werden 2016 volljährig und wissen nicht, ob sie weiter vom Netzwerk betreut werden können.