Eine Agentur vermarktet gerade den Landkreis Bad Kissingen mit dem Slogan "Hier gehts besser". Die Plakate beispielsweise hängen auch in München, darunter steht der Satz: "Mega Metropole. Aber warum wollt Ihr am Wochenende alle raus hier?", oder "Coole City. Aber wie viel Geld ist am Ende des Monats noch übrig?" Es geht um den wundesten Punkt der Großstädte: Preise für Wohnungen oder Häuser, die den Gegenwert einer linken Niere haben. Da ist das Leben auf dem Land doch lohnenswerter, meint das Landratsamt Bad Kissingen, das hinter der Kampagne steckt. Pia Ratzesberger von der Süddeutschen Zeitung hat unter dem Titel "Wie die Provinz versucht, die Münchner zu locken", über die Kampagne geschrieben und angemerkt, dass es "gute Argumente" geben müsse, um einem Großstädter zu erklären, warum "er sein weiteres Leben in Münnerstadt" verbringen sollte. Denn für sie stellt sich die Frage, "was man in Münnerstadt soll, außer wohnen".

Hier ist die Antwort.

"Liebe Kollegin Pia Ratzesberger,

Sie fragen, was man in Münnerstadt soll, außer wohnen. Ich wohne dort. Für eine Miete, die Münchnern vermutlich die Tränen in die Augen treiben würde, habe ich eine Wohnung in einer Gründerzeitvilla mit Fußbodenheizung und neuen Fenstern mitten im Grünen mit einem Bach drumrum, an dem der Eisvogel über die Oberfläche flitzt. Nachts brauche ich Ohrstöpsel, weil mich sonst das Gebrüll der Vögel zu früh wecken würde. Zur Arbeit habe ich 15 staufreie Autominuten oder eine Stunde mit dem Rad durch Felder und Wälder.

Neidisch? Das würde ich verstehen.

Provinz ist keine Ausrede

Und das Beste ist: Ich wohne da nicht nur. Ich lebe dort auch. Denn in Münnerstadt ist Provinz keine Ausrede. In Münnerstadt heißt Provinz: Wenn der coole Club fehlt, grooven wir open air an der Autobahn, da stören wir keinen. Wir organisieren Filmabende mit rotem Teppich. Wir machen unsere Disco selbst. Wir holen die Kunst und die Künstler ins Dorf. Ihr habt Petra Perle und ihre Hot Wollée? Wir haben Rainer Mößner, den häkelnden Heilpraktiker.

Wenn Sie, liebe Frau Ratzesberger, nach Redaktionsschluss ins Gärtnerplatztheater fahren, sind Sie doch sicherlich eine Stunde im Stadtverkehr unterwegs. Das nervt bestimmt. Wir sind in 15 Minuten im Theater Maßbach; in 30 Minuten am Schweinfurter Stadttheater; in 45 Minuten im Theater Meiningen; in 60 Minuten in den drei Theatern in Würzburg und das sogar mit Bahnanschluss.

Ihr habt die Alpen? Wir haben die Rhön mit Skiliften, an denen wir selten anstehen müssen, und die Kissinger Hütte, aus der jeder rausfliegt, der Helene Fischer auch nur pfeift.

Ihr habt Karl Valentin? Wir haben Karl Beudert. Und der lebt.

Ihr habt die Mariensäule? Geschenkt, die ist nichts gegen unseren Verlobungstempel.

Und eine Maria Magdalena haben wir sogar gemeinsam. Die Kopie der Riemenschneider-Dame hängt bei uns prominent und öffentlich in der Stadtpfarrkirche, bei euch das Original versteckt im Nationalmuseum. Wenn es bei jungen Münchnerinnen hip ist, den "Januhairy" zu feiern, in dem sie sich vier Wochen nicht rasieren, sind wir hier schon viel weiter: Unsere Mary ist komplett behaart. Immer.

Jedes Jahr ein Schweden-Krimi

Ihr habt Internet? Wir auch. Meistens jedenfalls. Also oft.

Ihr habt Kultur? Die Provinz auch. Ein Schloss samt Museum, dazu Riemenschneider und Veit Stoß und natürlich das packende Heimatspiel: ein ziemlich großartiger und handgemachter Krimi über die wunderbare Rettung der Stadt vor den fiesen Schweden, bei dem 200 Menschen mitspielen. Ohne Gage, versteht sich.

Ein Taxi braucht hier keiner

Ihr habt Wohnungsnot? Wir sind derart gesegnet mit leerstehenden Gebäuden, dass wir sie nach unseren Vorstellungen bespielen können. Umsonst. Mit Unterstützung der Stadt. Wie im Sommer 2018 den alten Bahnhof. Vier Monate Konzerte, Ekstase, Disco, Lesung, Häkelkurse, Kunst (auch aus dem Ausland!) und Musik samt nächtlicher Performance vor staunenden Pendlern. Und ums Heimkommen braucht sich hier keiner sorgen: Wer dreimal umfällt, ist daheim. Ein Taxi braucht hier keiner. Es würde auch keins kommen.

Unsere Arbeitslosenquote im Landkreis liegt bei um die drei Prozent, ähnlich wie in München. Und Münnerstadt liegt mitten zwischen zwei Bäderlandkreisen mit vielen Stellen im Gesundheitswesen und auch in der nahen Industrie.

Beim Metzger gibt's Gelbwurst und Gerüchte

Wir haben in Laufweite Bäcker, Metzger, Schulen, Gymnasium, Berufsbildungszentrum, Kindergarten, Ärzte, Apotheken, Altenheime, Sportanlagen, Lebensmittelläden, Bioladen, Blumenhändler, Barbier-Shop, Bestatter, sogar eine Bestatterschule, Antiquariat, Frisöre, Cocktailbar, Wirtshäuser. Dazu kommen über 100 Vereine. Und überall könnten wir anschreiben lassen, weil wir uns hier alle kennen. Okay, vielleicht nicht gerade beim Bestatter. Dafür kennen wir die Namen in den Todesanzeigen.

Und während ihr die Metzgerei Boggensagg nur aus dem Radio kennt, haben wir die samstags live, wenn sich alle an den Fleischtheken treffen: die Kinder kriegen Gelbwurst, die Alten gut abgehangene Gerüchte. Den Käse dort gibt es extra für die Vegetarier, damit sie samstags nicht vom Klatsch abgeschnitten sind.

Ein leer stehendes Hallenbad haben wir auch und unter anderem wegen ihm eine politische Kultur, die unseren Bürgermeister öfter in die Zeitung bringt, als ihm oft lieb sein dürfte. Auch bereits in die Süddeutsche, aber das war ein anderes Thema.

Ihr habt Biergärten, wir haben offene Gartentüren. Ihr habt Feinstaub, wir haben das Unesco-Biosphärenreservat. Ihr zahlt für den Liter Bier fast 10 Euro, dafür trinken wir hier zwei Liter Frankenwein.

Und das Beste an Münnerstadt ist: Die Provinz ist großzügig, nicht nur, was die Weite der Natur und Maria Magdalena angeht - wir würden sogar an Münchner vermieten.

Liebe Grüße aus Münnerstadt,

Susanne Will

PS: Wenn Sie das mal erleben wollen - kommen Sie einfach vorbei. Wir haben nämlich sogar Hotels."