"Selbsthilfegruppen sind unverzichtbar im medizinischen Alltag und von hohem Wert für unsere Gesellschaft." Mit dieser Feststellung eröffnete die frühere Hausärztin Sabine Dittmar aus Maßbach, jetzt Bundestagsabgeordnete der SPD, als Schirmherrin den "Tag der Begegnung" im Bad Bockleter Kursaal. Zum vierten Mal präsentierten Selbsthilfegruppen und soziale Einrichtungen aus dem Landkreis Bad Kissingen und naher Umgebung ihr unterschiedliches Leistungsspektrum.

Knapp die Hälfte aller etwa 40 regionalen Gruppen und Vereine von der unterfränkischen Abteilung des 1920 gegründeten Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes bis hin zur neuen Selbsthilfegruppe für Lebensmittel-Intoleranz, die erst vor einer Woche im Bad Kissinger Mehrgenerationenhaus gegründet wurde (wir berichteten), wartete auf die Besucher.

Doch blieben die 30 Ehrenamtlichen meistens unter sich. "Man interessiert sich dafür wohl erst dann, wenn man selbst betroffen ist", vermutete Thomas Heinrich von der Selbsthilfegruppe für Eltern anfallskranker Kinder, der mit Peter Weh ner, Corinna Köth und Karin Knaus sechs Monate lang das Programm vorbereitet hatte. Seit sechs Jahren treffen sich die Ehrenamtlichen alle zwei Jahre im Bad Bockleter Kursaal.

Denn am Geld mangelt es allen Gruppen, zumal nicht jede vom Gesetzgeber anerkannt und von den Krankenkassen bezuschusst wird. Während die Förderung aller gesundheitlichen Selbsthilfegruppen wie die Rheumaliga seit 2008 gesetzlich geregelt ist, sind soziale (Trauerbewältigung) oder Suchtgruppen (Anonyme Alkoholiker) auf Spenden angewiesen.

"Hier ist die Politik gefordert", verlangte Andreas Selig (Paritätischer Wohlfahrtsverband) in der Diskussionsrunde "Ehrenamt - aller Ehren wert?". Denn gerade die sozialen Selbsthilfegruppen "bilden doch einen gesellschaftlichen Mehrwert."

Viele Formulare nerven

Doch "der Feind jeder Selbsthilfegruppe ist der Bürokratismus", ärgerte sich Elisabeth Braun, die schon seit 17 Jahren in Bad Neustadt die Gruppe für Aphasie (Sprachstörung) und Schlaganfall leitet. "Mich nerven die vielen Formulare." Obwohl sie als gelernte Versicherungskauffrau damit gut umgehen könne. "Man kann machen, was man will: Ein Formular fehlt immer." Sie habe zuhause einen Schrank voller Ordner. "Bei vier Zuschussgebern muss ich Anträge stellen."

Das größte Problem wohl aller Selbsthilfegruppen ist aber der fehlende Nachwuchs. "In unserer Gruppe mit 32 Mitgliedern liegt das Durchschnittsalter bei 70 Jahren." Sie selbst ist 74. Gern würde sie ihr Amt in jüngere Hände abgeben. Doch die sind nicht zu finden. Braun: "Ich mache eben, solange ich kann." Es wäre nicht die erste Selbsthilfegruppe, die nach Amtsverzicht des oder der Vorsitzenden aufgelöst würde.

Blinde am Computer

Darüber macht sich Christa Büttner von der neuen Selbsthilfegruppe für Lebensmittel-Intoleranz noch keine Sorgen. Sie ist noch beim organisatorischen Aufbau und bei der Programmplanung. Fast 40 Interessenten seien am 7. Oktober zur Gründungsversammlung gekommen - "aus der ganzen Region bis rauf nach Bischofsheim." Wenn alle mitmachen, will Christa Büttner vier Arbeitskreise zu den Themen Histamin, Gluten, Lactose und Fructose bilden. Mit ihrer Selbsthilfegruppe will sie Gastronomen auf die Probleme solcher Patienten hinweisen.
Der blinde Karl-Heinz Paul kann als Regionalberater des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes auf eine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit zurückblicken. Doch gibt es auch für ihn immer wieder Neues zu tun. Neben den traditionellen Hilfeleistungen wie Schulung in Orientierung und Mobilität, gehört auch bei Blinden und Sehbehinderten der Computer durchaus auch zum Alltag.

Nur müssen die Betroffenen bei der Anschaffung der technischen Hilfsmittel und Zusatzgeräte beraten werden. Alles wird von der Krankenkasse bezahlt. Ist dann der richtige Umgang mit den Geräten erlernt, "können Blinde mit dem Computer arbeiten wie Sehende."