Für Fans des Grusel-Genres gab es jetzt genau das Richtige: "Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann, ein immer etwas rätselhaft gebliebenes Werk, das der Dichter der Romantik 1815 herausgegeben hat, nachdem er einige Jahre in Bamberg gelebt und gearbeitet hatte. Der Roman ist vor allem wegen seines Titels bekannt geworden. Bis zu Ende gelesen haben ihn nur wenige, denn er ist nicht einfach zu verstehen, weil sich viele Stränge ineinander verwickeln und zu viele Personen auftauchen, die eigentlich jemand anderes sind oder die eigentlich schon tot sein müssten oder sogar waren.
Die Geschichte widersetzt sich einer Zusammenfassung. Der Mönch Medardus, der Ich-Erzähler, wächst als Findelkind im Bamberger Franziskanerkloster auf, wo er gefördert wird und wo er nicht nur zum gewaltigen Prediger heranreift, sondern wo er auch Verwalter der Reliquienkammer wird. Darin befindet sich ein geheimnisvolles Kästchen mit Flaschen, den "Elixieren des Teufels" die dieser dem heiligen Antonius aufgehängt haben soll. Kosten ist natürlich verboten. Medardus wird nicht nur das Satansgebräu zum Verhängnis, sondern auch die Leidenschaft zu einer Frau, deren Beichtvater er ist. Vom Abt des Klosters wird er zur Abkühlung auf eine Reise nach Rom geschickt, aber die läuft vollends aus dem Ruder, weil Medardus immer wieder mit anderen verwechselt wird und so in Konflikte gerät, die sich nur mit Gewalt lösen lassen. Ständig ist er auf der Flucht, hat nur wenige ruhige Momente des Innehaltens, der Umkehrmöglichkeit. Und erst als alle Doppel- oder Dreifachgänger - man verliert ein bisschen den Überblick - von ihm oder anderen ermordet oder hingerichtet sind, kommt die Geschichte zum Stillstand, kehrt Medardus in sein Kloster zurück. Dort will er Aurelie heiraten, die eigentlich zur Einkleidung in das Kloster kommt. Aber auch sie wird von einem letzten Doppelgänger erdolcht.
Medardus stirbt genau ein Jahr später. Aber vorher erfährt noch die Gründe für die Irrungen und Wirrungen: Er hatte nicht nur einen Zwillingsbruder, sondern auch die anderen Toten waren mit ihm, da Stiefgeschwister, verwandt, hatten denselben Vater, einen Maler.
Was E. T. A. Hoffmann da geschrieben hat, ist ein Schlüsselroman der "Schwarzen Romantik", der heutigen Horrorliteratur. Da kommen alle Elemente zusammen: Doppelgänger natürlich, Nacht, Burgen und altes Gemäuer, Liebessehnsucht, Mord und Totschlag, Besessenheit, eine Femme fatale, das Böse im Allgemeinen und Besonderen, sexuelle Phantasien im Rahmen des damals Zulässigen, Wiedergänger, Hysterie, Tod und vieles mehr. Heute vielleicht nicht mehr die großen Schockauslöser, aber damals auf der Höhe des Gruselns. Angesichts der Toposdichte fragt man sich heute eher, ob der Roman nicht als Parodie der Schwarzen Romantik gedacht war.
Und mit diesem kruden Werk gastierte jetzt das Midnight Story Orchestra im Kurtheater. Man hätte nicht geglaubt, dass so etwas möglich ist, dass man dieses Werk, in welcher Form auch immer, auf die Bühne bringen kann. Aber man kann. Der Komponist, Arrangeur und Gitarrist Andreas Wiersich hat sich ein Herz gefasst und hat die Geschichte erst einmal durchgeackert, um sie dann auf Trinkstärke zu kürzen. Er muss sie sogar kapiert haben, denn das ist ihm ausgezeichnet gelungen. Natürlich sind dabei ein paar Handlungsstränge weggefallen wie zum Beispiel die Rom-Episode, aber das wirkte sich nur quantitativ, nicht qualitativ auf die Horrorstärke aus. Die verbliebenen Episoden in einem etwas lockereren Zusammenhang hatten absolut ausreichende Beweisstärke und Wirkungskraft, um als Hörspiel zu funktionieren.
Und da von E. T. A. Hoffmann der Satz stammt: "Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an", schrieb Andreas Wiersich auch kraftvolle Zwischen- und wirkungsvolle Begleitmusiken für sich und seine Kollegen: Florian Bührich (Vibraphon, Marimbaphon), Toni Hinterholzinger (Keyboard, Orgel, Special Effects und Sounddesign), Tobias Kalisch (Kontrabass, E-Bass) und Stephan Ebn (Schlagzeug). Es ist ein spannender Rockjazz, den das Quintett spielt, eine Musik, die die Stimmungen und Konstellationen der Textabschnitte kommentiert und weiterführt. Wobei angenehm auffällt, dass die Verwendung von Alter Musik von den Troubadouren bis zur Renaissance nicht nur die ganze Geschichte vermittelnd an die Gegenwart ankoppelt, sondern dass sie auch gedankliche Verbindungen zu dem spätmittelalterlichen Bamberg und damit zum Tatort herstellt.
Der große Star ist freilich Dr. Jasper Paulus, der Erzähler. Es wäre schade, dieses Hörspielkonzert wirklich nur im Radio zu hören und nicht zu sehen. Denn ist ein Volldampferzähler, der nicht nur in starken Bedeutungskurven redet oder vorliest (und dabei so gut artikuliert, dass er auch flüstern kann). Sondern er ist auch einer, der die Stimmverstellung bis zur Perfektion treibt, der da eine unglaubliche Bandbreite hat und jeder Person, jeder Situation ihren eigenen Klang gibt. Sollte die Aufmerksamkeit des Zuhörers angesichts der Verwirrungen und etwas überholten Horrorszenarien etwas erlamen (was wegen der guten Komprimierung so gut wie nicht vorkommt), dann ist es Paulus, der sie vom Was auf das Wie lenkt. Er kann mühelos fesseln. Auch wenn man über E.T. A. Hoffmanns schwarzen Eifer immer wieder schmunzeln muss.