Bayernweit ist der Übertritt nach der Grundschule laut Kultusministerium sehr stabil: gut 30 Prozent wechseln in die Mittelschule, knapp 30 Prozent an die Realschule und knapp 40 Prozent ans Gymnasium. Genauso stabil ist aber auch ein anderer Trend: In vielen ländlichen Regionen wird den Schülern seltener die "gymnasiale Eignung" zuerkannt und sie gehen noch seltener ans Gymnasium: Zwischen 40,7 (im Jahr 2016) und 47 Prozent (2018) lag im Landkreis Bad Kissingen der Anteil der Viertklässler, die mit dem Zeugnis sofort ans Gymnasium hätten wechseln können. Der tatsächliche Übertritt lag aber nur zwischen 31,2 (2017) und 36,2 Prozent (2013). In Statistiken zum Übertritt ans Gymnasium landet der Landkreis deshalb seit Jahren unter den letzten zehn Prozent. Zum Vergleich: Im Kreis Starnberg erhalten 71 Prozent, in der Stadt München 61 Prozent der Kinder mindestens die Note 2,33 im Übertrittszeugnis.

Rückgang von 84 auf 56

Matthias Ludolph, seit Februar Leiter des Hammelburger Frobenius-Gymnasiums, hat den direkten Vergleich, weil er aus München nach Unterfranken kam. "In der Stadt ist die Frage: Wie kriege ich den Schnitt? Hier haben die Kinder den Schnitt und fragen: Soll ich aufs Gymnasium?" Seine Schule hat den deutlichsten Rückgang zu verkraften: Aktuell gibt es 84 Fünftklässler, für das kommende Schuljahr haben sich nur 56 angemeldet. Ludolph hofft, in Zukunft mehr Kinder mit der entsprechenden Übertrittsnote ans Gymnasium holen zu können, denn: "Die Grundschul-Lehrer können das gut einschätzen." Zum Probe-Unterricht, also dem Umweg, wenn der Notenschnitt eigentlich nicht reicht, hat sich heuer am Hammelburger Gymnasium kein einziger Viertklässler angemeldet.

Lediglich am Münnerstädter Gymnasium stieg die Zahl der Anmeldungen von 56 im Jahr 2018 auf heuer 59. In Bad Kissingen sanken sie von 100 auf 93, in Bad Brückenau von 41 auf 38. "Wir könnten mehr Schüler gebrauchen", gibt der Bad Brückenauer Schulleiter Stefan Bub offen zu. Dort gab es immerhin ein Kind, das den Probe-Unterricht besucht und bestanden hat.

Trotz eines Rückgangs der Anmeldungen wollen die Leiter aller vier Gymnasien am jetzigen Verfahren festhalten: "An den Grundschulen wird eine ordentliche Arbeit gemacht", betont etwa Markus Arneth, Chef des Bad Kissinger Jack-Steinberger-Gymnasiums. Auch das Maß an Mitsprache der Eltern findet er passend: "Man sollte die Meinung der Lehrer als Experten nicht einfach in den Wind schlagen." Einig sind sich alle vier Schulleiter, dass die Rückkehr zum G 9 keine Wirkung zeigt: "Bei der Einführung des G 8 war die Aufregung groß, umgekehrt spiegelt sich das noch nicht wider", sagt Arneth. "Bei uns konnten wir bisher noch keine spürbare Änderung bei der Anmeldung zum G9 bemerken", wundert sich auch Joachim Schwigon, Leiter des Münnerstädter Gymnasiums.

"Kinder nicht minderbegabter"

"Das G 8 hat viele Eltern abgeschreckt", sagt Schulamtsdirektorin Cornelia Krodel. Wichtig ist ihr, dass aus den schlechteren Noten-Durchschnitten in den Übertrittszeugnissen keine falschen Schlüsse gezogen werden: "Das heißt nicht, dass auf dem Land die Kinder minderbegabter sind." Eltern in ländlichen Regionen würden aber eher die Schwierigkeiten sehen, die der Besuch des Gymnasiums mit sich bringen könne. Und: "Das Handwerk und der Mittelstand haben hier goldenen Boden, viele Eltern schätzen die gute Berufsorientierung an der Mittelschule." Krodel verweist auf die Praktika ab der 7. Klasse: "Viele Mittelschüler haben in der 8. Klasse schon ihren Ausbildungsvertrag in der Tasche."

Ein großes Lob gibt es von der Schulrätin vor allem für die Grundschullehrer: "Das ist oft ein hartes Brot in der 4. Klasse." Trotzdem würden die Potentiale der Kinder immer richtig eingeschätzt, das bestätigten auch die Lehrer der weiterführenden Schulen. Zudem gebe es im Landkreis keine größeren Beschwerden oder gar Klagen gegen ein Übertrittszeugnis.

Lob für Grundschul-Lehrer

Obwohl die Zahl der Viertklässler von 764 auf 785 stieg und weniger ans Gymnasium gehen, konnten die drei Realschulen so gut wie gar nicht zulegen: 234 Schüler meldeten sich dort im vergangenen Jahr insgesamt an, heuer waren es 243, also 31,0 Prozent aller Schüler. Rund 70 Kinder kamen an allen drei Realschulen zusammen zum Probe-Unterricht, etwa ein Drittel bestand ihn erfolgreich. An der Bad Kissinger Realschule haben laut Schulleiter Torsten Stein im Schnitt 45 Prozent einen Noten-Schnitt von mindestens 2,33. Auch die Realschulleiter loben die Einschätzung der Grundschul-Lehrer.