Aktuell sind 81 Flüchtlinge im Staatsbad Bad Bocklet in drei Unterkünften amtlich registriert. Sieben weitere Flüchtlinge aus Syrien müssen allerdings noch nachgemeldet werden: Seit November hatte der Kurde Kari Ali (33) in seiner Flüchtlingsunterkunft, dem ehemaligen Hotel Diana, auf seine Familie warten müssen. Letzte Woche Donnerstag durfte er endlich Ehefrau Sabah Khalifa (33) und die sechs Kinder zwischen zwei und zehn Jahren in die Arme schließen.
Die Familie stammt aus Kobanê, der Hauptstadt des syrischen Distrikts Ain al-Arab im Gouvernement Aleppo. Spätestens, seitdem die Milizen des Islamischen Staates (IS) im September 2014 ihre Großoffensive auf das Stadtgebiet begannen, kennt auch jeder Deutsche den Namen dieser kurdischen Stadt. Schon im Oktober machte sich Kari Ali, der zuvor als selbstständiger Lkw-Fahrer sein Geld verdient hatte, mit der Familie auf die Flucht, zunächst in die nahe Türkei.
"Ich hatte keine andere Wahl." Stichwortartig schildert er mit den wenigen erlernten Brocken Deutsch, wie es weiterging: Das große Mietshaus, in dem er mit 300 Nachbarn in Kobanê gewohnt hatte, war völlig zerstört. Auch seinen Lastwagen hatte er verloren. Nach kurzem Aufenthalt in der Türkei machte sich der Familienvater allein auf den Weg nach Deutschland, die Familie musste zurückbleiben, für alle reichte das Geld nicht.


Einer der ersten

Seine Angehörigen, Eltern und Geschwister, die noch immer in Syrien leben, hatten für ihn gesammelt. 8000 Euro musste er den Schleppern zahlen, damit sie ihn mit 200 anderen Bootsflüchtlingen über das Meer nach Italien bringen. Eine Woche dauerte die Überfahrt. Von Italien ging es weiter nach München, bis er schließlich im November 2014 im Bad Bockleter Hotel Diana eine sichere Bleibe fand.
"Er gehörte zu den ersten Flüchtlingen in Bad Bocklet", erinnert sich Gastwirt Paul Beck, der gemeinsam mit den Eigentümern Sara und Paul Hofmann die heute 16 Asylbewerber im Haus betreut. Zwar trägt das Landratsamt die alleinige Verantwortung für alle Flüchtlinge in dezentralen Unterkünften, die sich selbst versorgen und bekochen, und auch die Caritas kommt ins Haus. Aber Beck und die Hofmanns helfen, wo Not am Mann ist, wie zum Beispiel bei Behördengängen oder mit Übersetzungen.
"Sie nennen mich schon Mama Sara", freut sich die Hauseigentümerin. Manchen Flüchtling hat Beck schon zur Kirmes oder auf ein Bier ins Dorf mitgenommen. Einmal haben Hofmanns ein Schaf spendiert, das Kari Ali nach heimischer Sitte ausgenommen und für alle Hausbewohner am Spieß gegrillt hat. Für den heimatlosen Kurden war dies eine hilfreiche Ablenkung. Seit Monaten musste er an seine zurückgelassene Frau und die Kinder in der Türkei denken. Kari begann Deutsch zu lernen, zunächst bei einem ehrenamtlichen Helfer im "Diana", dann in Bad Kissingen. Im Mai wurde sein Asylantrag anerkannt. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, seine Familie aus der Türkei nachzuholen.
Doch erst musste er wieder Geld sammeln - bei Angehörigen, Freunden und Helfern wie den Hofmanns. 5000 Euro musste Ehefrau Sabah den Schleppern für die nur zweistündige Bootsfahrt bezahlen, um mit ihren zwei Mädchen und vier Jungen aus der Türkei wegzukommen.
Vor drei Wochen begann Sabah Khalifa dann ihren Marsch auf der inzwischen berüchtigten Balkanroute. Nachts musste sie mit den sechs Kindern bei Wind und Wetter am Straßenrand, auf Wiesen oder nacktem Steinboden schlafen. Anfangs sorgte niemand für sie. Essen mussten sie sich vom letzten Geld kaufen.


Auf sich allein gestellt

Erst nach Überschreiten der EU-Grenze wurde ihre Gruppe gelegentlich von der Caritas versorgt. Die 33-jährige Mutter war auf sich allein gestellt. Ehemann Kari konnte ihr aus Bad Bocklet nicht helfen, hielt aber ständig über sein Handy den Kontakt. Nach dreiwöchigem Treck kam Sabah mit den Kleinen endlich in Bad Bocklet an.
Doch wie geht es weiter? Kari glaubt nicht an einen Neuanfang in der syrischen Heimat. Er will mit seiner Familie in Deutschland bleiben: "Ich liebe Deutschland." Kontakt mit Bockletern hatte er bisher allerdings nicht. Noch reichen sein Deutschkenntnisse nicht aus. Sobald alle Formalitäten für die Familie erledigt sind, wird er als Hilfskraft in der Küche des Rehazentrums anfangen und seinen ersten Lohn hier verdienen.
Wahrscheinlich wird er als anerkannter Asylant das "Diana" bald verlassen und mit der Familie in eine eigene Wohnung umgesiedelt. "Unser Haus ist nur eine Durchgangsstation für Asylbewerber", gibt Paul Hofmann als Grund an. Die kurdische Familie ist gespannt auf ihre Zukunft in Deutschland.
In Kobanê waren Kari und Sabah noch nie auf einer Schule. "Wir hatten keine Möglichkeit." In Deutschland wollen sie etwas lernen und fangen gleich mit der Fremdsprache an. Während Kari sich in der fremden Welt schon zehn Monate einleben konnte, braucht Ehefrau Sabah noch Zeit, um zu vergessen - um zu verdrängen. Das Lächeln will ihr noch nicht gelingen. Sie denkt ständig an ihre Eltern, ihre Angehörigen, ihre Heimat Kobanê.