Wo Tatjana Baranov geboren wurde, kochte man mit dem, was da war. Weil das nicht besonders viel war, lernte sie, viel daraus zu machen. Ohne Rote Bete läuft nichts in der osteuropäischen Küche. Tatjana Baranov verrät, worauf es ankommt.

Die 61-Jährige kocht nicht gern nach Rezept, sagt sie. Handschuhe in der Küche? Geht gar nicht! Zwar färbt die rote Rübe recht, aber mit Handschuhen verliert sie das Gefühl, sagt sie. Und das ist es, was Tatjana Baranov in ihre Gerichte steckt - ob Suppe, Reis, Salat, Muffins oder Marmelade. Richtig gelesen: Rote Bete kann auch süß.

In der Anfangszeit hat ihr hierzulande der Pfiff gefehlt. Das Essen war nie würzig genug. Von Sibirien über Kirgisien nach Deutschland: Vor 25 Jahren konnte sie nicht mehr als ihren Namen sagen. "Ich wollte mich schnell integrieren", sagt sie. Sie fand, was sie suchte. "Ich habe so viel Liebe von anderen Menschen gespürt." Singen, basteln, Kultur - das Essen. Wie das verbindet, heilt und belebt, erfährt sie jeden Tag aufs Neue. Tatjana Baranov kocht nicht nur für ihre Familie.

An den Wochenenden wird in der Russisch-Orthodoxen Kirchengemeinde gekocht. Tatjana Baranov schnibbelt, knetet und köchelt, damit es allen schmeckt. Sie hilft gern aus: Ältere und Alleinstehende kommen auf einen Teller Suppe zu ihr an den Esstisch oder sie bringt ihnen etwas vorbei. Rote Bete kommt bei ihr jede Woche auf den Tisch, erzählt sie. Immer anders - vor allem in der Fastenzeit.

Da ist die 61-Jährige streng: keine Eier, kein Fisch, keine Milchprodukte. Manche traditionellen Gerichte fallen in diesen 40 Tagen etwas anders aus. Tatjana Baranov weiß sich zu helfen, sie experimentiert gern, probiert immer wieder Neues aus und ist erfinderisch. Auch, weil sie es früher musste.

Die 61-Jährige reibt eine Knolle Rote Bete. Zwiebel, Karotten, Kartoffel, Paprika, Kohl und geschälte Tomaten dünsten im Topf. Daraus wird der Klassiker: Borschtsch, die Rote-Bete-Suppe. Etwas Salz, frischer Pfeffer und wer mag mit Rindfleisch- oder Rippchen-Einlage. Tatjana Baranov hält sich nicht an Muster. Sie kocht russisch, chinesisch, kirgisisch, karsachisch und deutsch. Und gerät ins Schwärmen: "Haxn, Sauerkraut, Klöße ... lecker! Ich koche mit Liebe, egal was."

Zum Beispiel den typischen Schichtsalat, der besonders zu feierlichen Anlässen aufgetischt wird. Insgesamt zehn Lagen aus Hering, Zwiebel, Mayo, Kartoffeln, Karotten, Rote Bete und Ei - reich verziert. Für ihre Rote-Bete-Bratlinge wird eine rohe Knolle gerieben und mit eingeweichten Haferflocken und Knoblauch vermischt, Salz, Pfeffer, ein Ei dazu, in Paniermehl oder gemahlenen Walnüssen wenden und ausbacken. Walnüsse wandern auch in diesen Salat: Nüsse hacken und unter eine geriebene gekochte Rote Bete heben. Außerdem Rosinen und Sonnenblumenöl dazu. Für einen anderen Salat würfelt Tatjana Baranov Rote Bete, Karotten, Kartoffeln und Gewürzgurken zu gleichen Teilen. Dazu gehacktes Sauerkraut und Kidneybohnen oder Erbsen, Öl und frischer Pfeffer. Wichtig: ziehen lassen. "Dann wird er umso besser", sagt Tatjana Baranov. Beim Kauf der Knollen achtet sie auf eine glatte Schale. Die kleineren Gewächse sind ihr lieber - "die kochen nicht so lange". In ihrem Garten hatte sie heuer ausnahmsweise keine angepflanzt. Dreiste unbekannte Diebe hatten im Vorjahr zum Beweis nur ihre Bissspuren hinterlassen. Leckermäuler eben!