Man möchte vielleicht nicht wetten, aber schwören könnte man schon, dass Sir Simon Rattle das Vorbild für seinen Landsmann und jungen Kollegen Robin Ticciati ist. Schließlich hat er ihn ja auch während seines Studiums gefördert. Aber es ist nicht nur das. Sondern es ist auch die Dirigiersprache und vor allem die Optik. Man stelle sich nur Ticciatis Wuschelkopf ergraut vor - und man könnte beide, zumindest von hinten, nicht unterscheiden.

Was muss das für ein Gefühl für den jungen Mann gewesen sein, als sein Vorbild plötzlich hinter ihm saß, wenn auch in der Ehrenloge. Der, wie übrigens auch Jiri Belolahvek schräg hinter ihm, alles genau sehen, hören und einschätzen konnte. Da dürfte es dem jungen Mann schon ein bisschen mulmig geworden sein - und das durchaus aus gutem Grund.

Dabei war Sir Simon nicht wegen ihm gekommen, sondern in Begleitung seiner Frau. Magdalena Kozena sang Hector Berlioz` sechs Lieder der "Nuits d'été". Sie hat für dieses Werk die ideale Stimme mit einem ganz warmen Klang, mit dem sie sehr nuanciert spielt, mit dem sie große Gefühle, abrupte Schwankungen und Umschläge mit vielen aromatisierenden Zwischentönen gestaltet. So konnte sie das fließende Melos dieser Lieder, ihre schwebenden Stimmungen ausgezeichnet strukturieren, ohne das Gesamtgefüge aus den Augen zu verlieren und den Liedern, in denen nicht viel passiert, große Spannung geben.

Man muss aber auch sagen, dass der Große Saal von der Größe und der Akustik her für ihre Stimme ausgezeichnet geeignet ist. Sie kann ihn füllen, ohne forcieren zu müssen und bekommt alles wieder zurück; nichts verfliegt. So wurde die gesamte Aufführung für sie auch ein Experiment mit der Dynamik, das sie in Berlin nicht machen kann. Die Absprachen mit Robin Ticciati und dem Orchester müssen sehr gut gewesen sein, denn die Bamberger begleiteten mit großer Delikatesse und einer interessant gedeckten Farbigkeit, die Stimme und Instrumente zu einer wunderbaren Einheit verschmelzen ließ.

Ansonsten wäre es vielleicht besser gewesen, Sir Simon hätte nicht in der Ehrenloge gesessen. Denn da musste man bei dem jungen Pultstar, der nicht nur in Bamberg stürmisch gefeiert wird, schon ein paar Abstriche machen. Gabriel Faurés Suite aus "Pelléas et Mélisande" war eigentlich sehr gut musiziert, sehr weich, sehr französisch, mit starkem Legato. Aber die große Energie, die Ticciati ausstrahlen wollte, kam nicht ganz beim Orchester an. Der Musik fehlte ein wenig das Knochengerüst, und die Organisation schwächelte an ein paar Stellen.
Über Richard Wagners Vorspiel zu den "Meistersingern" konnte man eigentlich nur schmunzeln. Aber das ist halt das Problem mit den Gastdirigenten, auch mit den Ersten Gastdirigenten: Die Probenzeiten sind viel zu knapp bemessen. Für Wagner war offenbar keine Zeit mehr gewesen. Und so war es vor allem undifferenziert laut. Das war bei Debussys "La Mer" zum Schluss wesentlich anders. Da hatten sich alle darauf verständigt, die Klangfarben sprechen zu lassen und das Fortissimo wirklich nur dann zuzulassen, wenn die überwältigende Kraft des Meeres Gestaltung forderte. Das saß dann aber auch.