von unserem Redaktionsmitglied Paul Ziegler
und Franz-Peter Potratzki

Kissinger Sommer. Kultur satt. Klassische Musik, nicht nur, aber überwiegend. Künstler von Weltruf, die Eintrittskarten für ein Konzert nicht ganz billig. Ist das Kultur für alle in Bad Kissingen?, und wie nimmt "ein durchschnittlicher Kissinger Bürger" dieses Angebot auf? Viele Bad Kissinger besuchen die Konzerte des "Kissinger Sommer", freilich nicht alle. Wie erlebt ein Einheimischer, der mit klassischer Musik nicht viel am Hut hat, das Festival, welche Atmosphäre, welche Eindrücke nimmt er mit beim Besuch eines Konzertes?
Diese Fragen hat die Redaktion der Saale-Zeitung Franz-Peter Potratzki gestellt, der sich selbst nicht zu den "regulären Konzertbesuchern" zählt. Er hat auf unsere Einladung am Montagabend das Konzert "The Chamber Music Society of Lincoln Center New York" besucht, und als Laie seine Eindrücke eines "Kissinger-Sommer"-Konzertes festgehalten. Er schreibt:

"Mir liegt andere Musik"

"Eigentlich sollte man meinen, dass man mit 60 Jahren schon in die Generation gehört, die gerne Klassik hört. Bei mir ist das nicht so. Meine musikalische Welt ist eher Lisa Stansfield, Michael Jackson oder Phil Collins. Aber auch Konstantin Wecker, Reinhard Mey und Haindling finde ich phänomenal und gehe zu deren Konzerten oder auf das Liederfest Song an einem Sommerabend auf dem sie oft gemeinsam auftreten.
Nun habe ich am Montag erstmals mit "The Chamber Society Music of Lincoln Center New York" ein Klassik Konzert beim "Kissinger Sommer" begesucht. Zunächst musste ich mich allerdings daran gewöhnen, dass 90 Prozent der Besucher deutlich älter waren als ich. Zwei Frauen aus den Heiligenfeld Kliniken waren mit ihren unter 40 Jahren zumindest für mich eine freundliche Bereicherung. Schon der schwere Duft von Lavendel und aromatischen Ölen, mit denen sich ältere Leute gerne einsprühen, ist sehr gewöhnungsbedürftig.

Eine gewisse Etikette

Allerdings merkt man bei solchen Konzerten doch die Etikette, die bei anderen musikalischen Veranstaltungen fehlt. Alle Gäste waren dem Anlass entsprechend angezogen, also der Mann im Anzug, die Frau im Kostüm, im Blazer oder Hosenanzug. Nur drei stachen besonders hervor. Zum einem zwei Frauen, die weit unter 40 Jahre alt waren und mit ihrer eigentlichen, schlichten und jugendlichen Mode ein Roter-Teppich-Anwärter und Hingucker waren und zum anderen die Intendantin des Kissinger Sommers, Dr. Kari Kahl-Wolfsjäger, deren eigenwilliger Modestil allgemein bekannt ist und dem man einem Künstler zubilligen muss. Gefallen hatte es mir jedenfalls nicht.

Viola und Violoncello

Um kurz nach 20 Uhr begann dann das Konzert mit Ludwig van Beethoven, ein Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello. Zu Beginn allerdings brach der Notenständer von David Finkel langsam in sich zusammen, was für allgemeine Erheiterung sorgte. Dann aber ging es los, mein erstes Klassikkonzert und nach der Hälfte der vier Musikstücke konnte ich daran Gefallen finden. Vor allem aber an den Musikern, die darin völlig aufgingen. Danach ging es weiter mit Stücken von George Tsontakis. "Knick Knacks" für Violine und Viola. Klang lustig, war es aber nicht. Das war Musik, die zumindest für mich, schwer war. Tonnenschwer! Damit konnte ich überhaupt nichts anfangen. Diese Stücke waren überhaupt nicht musikalisch verständlich für mich.
Die meisten anderen empfanden es wohl besser als zuvor die Stücke zuvor von Beethoven. Sie haben sogar Bravo gerufen. Genauso erging es mir beim nächsten Bereich. Hier wurden nun Stücke von Paul Schoenfield mit Klarinette, Violine und Klavier dargeboten. Das war noch schwerere Musik, die ich so ganz und gar nicht verstehen konnte und das schlimme dabei war, dass ich stets das Gefühl dabei hatte, das die Klavierspielerin Wu Han des Öfteren einen falschen Ton spielte. Bestärkt hatte mich darin auch der wesentlich ruhigere Applaus, oder es war das Stück? Ich weiß es nicht.

Ein wenig begeistert ...

Danach war Pause und ich konnte im Foyer besonders zu diesem Stück positive Meinungen hören, was aber zeigt, dass ich vielleicht doch zu wenig Ahnung habe. Nach der Pause ging es weiter mit Stücken von Samuel Barber aus Souvenirs für Klavier zu vier Händen. Das waren dann Stücke, die mich wieder ein wenig begeistern konnten, aber wohl eher deshalb, weil dort zwei Frauen saßen, die an einem Klavier spielten und die das wirklich toll gespielt haben. Alleine wie sie bei der Sache waren, ihre Gesichtsausdrücke, das Feingefühl mit den Tasten zu spielen, war erlebenswert. Die Musik war auch nicht ganz so die meine, aber dieses Personenspiel hatte es mich ertragen lassen.

"Das hat mir wieder gefallen"

Zum Schluss spielte man dann noch Antonin Dvorák "Quartett für Klavier Violine, Viola und Violoncello". Dies war nun wieder ein Zusammenspiel wie bei Beethoven. Experten würden über meine Aussage sicherlich die Hände über dem Kopf zusammenfalten, aber diese Stücke haben mir wieder gefallen und ich habe am Schluss auch kräftig mitapplaudiert.

"Ja, es war ein Erlebnis"

Mein Fazit zu meinem ersten, richtigen Klassik-Konzert: Ja es war schon ein Erlebnis, allerdings nicht so sehr die Musik, sondern die Akteure, die bis auf David Finkel alle noch sehr jung waren und die mit ihren Gesichtsausdrücken die Musik auch für den "Nicht Klassik-Fan" sicht- und erlebbar machten. Auch Musik in einem solchen Ambiente (Rossini Saal) erleben zu können, ist sicherlich selten in Deutschland zu finden.

Ein bleibender Eindruck

Ich werde wohl kein großer Fan der klassischen Musik werden und wohl auch meinen Musikstil beibehalten, dennoch will ich nicht ausschließen, beim nächsten Kissinger Sommer mal einen Klassikabend mit Beethoven zu verbringen, der dann im Regentenbau und seiner einmaligen und auch bei Künstlern so beliebten Akustik einen noch bleibenden Eindruck, als in dem ohnehin tollen Rossini Saal, hinterlassen wird. Denn von dieser Musik war ich sehr angetan."