Die Entscheidung ist gefallen: Der Gewinner des Kissinger Klavier-Olymps heißt Tomoki Sakata. Die Jury entschied sich für den 26-Jährigen aus dem japanischen Nagoya, der sie mit der besten Beethoven-Interpretation überzeugte, mit seinem strukturbewussten Spiel und durchgängig souveräner Gestaltung. Der 2. Preis ging an Tiffany Poon (22) aus Hongkong. Die Jury würdigte damit ihre durchdachte Gestaltung der Scarlatti-Sonaten und die Klangsinnlichkeit bei Chopin. Dritter wurde der 18-jährige Stuttgarter Robert Neumann. Sein starker Gestaltungswille und die plastisch herausgearbeiteten Charaktere bei Prokofiew waren für die Jury entscheidend.

Urkunden erhielten auch Daunants Liepins aus Lettland, Ninas Gurol aus Deutschland und Yutong Sun aus China. Der Publikumspreis - er wird von den Besuchern vergeben, die alle sieben Konzerte gebucht und mit den Tickets eine Stimmkarte erhalten haben - ging, wie schon öfter in der Vergangenheit, an den Ersten Tomoki Sakata.

Die Jury mit Intendant, Dr. Tilman Schlömp, Musikmanagerin Xenia Groh-Hu (Berlin), Ulrich Hauschild, Musikdirektor des Palais des Beaux Arts in Brüssel und den beiden Journalisten Felix-Mario Vogt (Berlin) und Thomas Ahnert (Bad Kissingen) konnte sich auch bei diesem Klavier-Olymp nicht entspannt zurücklehnen, weil trotz der Altersspanne der Teilnehmer zwischen 18 und 26 Jahren die musikalischen Kompetenzen auf sehr hohem Niveau sehr dicht beieinanderlagen. Auch das Abschlusskonzert machte die Entscheidung nicht leichter, weil sich fast alle noch einmal steigerten.

Alle kommen wieder zurück

Im nächsten Kissinger Sommer wird sich zeigen, ob die Entscheidungen richtig waren, denn alle sechs jungen Leute werden dann wiederkommen zu Klavierrecitals. Nur Tomoki Sakata als Gewinner nicht. Er wird am 18. Juli 2020 im Max-Littmann-Saal mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter der Leitung von François-Frédéric Guy Beethovens 3. Klavierkonzert spielen - das, das viele für sein schönstes halten.

Nicht ganz freie Auswahl

Im Grunde konnten die jungen Leute ihr Programm für den Klavier-Olymp selbst zusammenstellen, weil sie ihre Stärken und Schwächen natürlich selbst am besten kennen. Und für das Abschlusskonzert können sie frei entscheiden, ob sie noch einmal Werke aus ihren Solorecitals spielen, weil sie die Chance der Verbesserungsmöglichkeit nutzen wollen, oder ob sie etwas Neues spielen. Aber zwei Bedingungen müssen sie erfüllen: Zum einen muss jeder ein Werk von Ludwig van Beethoven oder Wolfgang Amadeus Mozart spielen. Da zeigen sich sehr schnell Stärken und Schwächen, und es bieten sich Vergleichsmöglichkeiten.

Wobei es in diesem Jahr auffiel, dass sich niemand für Mozart entschieden hatte. Woran das lag? Vielleicht daran, dass Mozart erheblich schwerer in der gestalterischen Umsetzung ist als Beethoven. Vielleicht aber auch daran, dass sich die Musiker schon auf 2020, das große Beethoven-Jahr, einstellen, in dem sie alle ein paar Werke des Jubilars im Köcher haben müssen. Dafür fehlten aber auch andere berühmte Namen wie Haydn, Schubert, Mendelssohn oder Brahms. Auffallend stark waren in diesem Jahr Sergej Prokofiew und Sergej Rachmaninow vertreten.

Lust an der Gegenwart

Die andere Bedingung - nachdem in der Vergangenheit das romantische Repertoire überhand zu nehmen drohte: Ein Werk nach 1950 musste dabei sein. Das hatte in diesem Jahr den überraschenden Effekt, dass die jungen Leute offenbar Geschmack daran gefunden haben, dass sie nicht nur eine gute Auswahl trafen, sondern auch zu erkennen gaben, dass das ihre eigentliche Musik ist. Da machte bei allen das Zuhören Spaß.

Der erste Gewinner aus Japan

Und noch zwei Beobachtungen für die Statistiker: Es waren ja schon viele junge Pianistinnen und Pianisten aus Fernost beim Klavier-Olymp. Aber Tomoki Sakata war der erste Teilnehmer aus Japan - und somit ist er auch der erste Gewinner aus Japan.

Die andere Beobachtung, ebenso erfreulich, ist die erstaunliche Zahl von Konzerten. Als der Kissinger Klavier-Olymp 2003 aus der Taufe gehoben wurde, gab es zahlreiche skeptische Stimmen, die diesem etwas anderen Wettbewerb keine lange Zukunft prognostizierten. Aber er konnte sich etablieren, sogar international positionieren. Und im 17. Jahr war es jetzt Nina Gurol, die am Samstagnachnmittag das 100. Solorecital spielte. Insgesamt kletterten die Zahlen auf 102 Einzel- und 17 gemeinsame Abschlusskonzerte. Ausgefallen ist kein einziges Konzert: Alle waren rechtzeitig da und mehr oder weniger fit.

Was natürlich neben dem künstlerischen Niveau bei den Verantwortlichen große Freude auslöste, war die Resonanz des Klavier-Olymps beim Publikum. Der überraschend gute Besuch hilft natürlich entscheidend, diesen privat finanzierten und vom Bezirk Unterfranken unterstützten Wettbewerb stabil zu halten. Wobei an sich schon die Zahl von 1100 Besuchern und damit 263 mehr als 2018 ein deutliches Zeichen ist. Aber fast wichtiger ist die Zahl der Abonnenten aller sieben Konzerte: 2018 waren es 34, heuer 51. Das ist eine gute Entwicklung für die Planung.

Noch ein Hinweis: Der Bayerische Rundfunk hat das wieder fast ausverkaufte Abschlusskonzert aufgezeichnet und wird es zu Beginn des neuen Jahres ausstrahlen. Der genaue Sendetermin steht noch nicht fest.

Die Teilnehmer

Der Strukturierte Fragt man sich, was in dem Eröffnungsrecital des KlavierOlymps mit dem jungen Letten Daumants Liepins das beste Stück war, muss man eine doppelte Antwort geben: zum einen Debussys drei Sätze der "Estampes" mit tollen Klangfarben, Stimmungen und Strukturen in einer Bildkraft, wie man sie selten erlebt; zum anderen Rachmaninows b-moll-Sonate Nr. 2, die so viel Strukturbewusstsein und differenzierte klangliche Lösungen brachte, dass man plötzlich das Gefühl bekam, Daumants Liepins könnte auch ein guter Dirigent werden. Den Eindruck hätte man auch bei Beethovens allererster Klaviersonate f-mollop. 2/1 bekommen können - aber nur zu Beginn. Da konnte man den jungen Bonner Sprudelkopf erkennen, der damals die Wiener unangenehm überraschte. Aber Liepins hielt das nicht durch, wurde schablonenhaft und auch ungenau. Die zwei Sätze aus Shchedrins Ballett "Anna Karenina" waren wieder seine pfiffige, emotionale Musik. Aber bei den Sätzen aus de Fallas "Dreispitz" und Granados' "Goyescas" fehlte ihm die Erfahrung, spanisches Kolorit zu gestalten.

Die Begeisterte Sie hatte ein erstaunlich ambitioniertes Programm mit einer enormen stilistischen Bandbreite: Tiffany Poon, die in Hongkong geboren wurde und zurzeit in New York lebt. Und ihr Vergnügen an der Vielfalt konnte sie vermitteln, beginnend mit vier Sonaten von Domenico Scarlatti - auf dem modernen Flügel - nicht überraschend - relativ romantisch, aber in sich schlüssig gespielt mit schön ausformulierten Verzierungen. Mit großem Schwung (auch im Schlusskonzert) und Mut zum Risiko stürzte sich sie in Lowell Liebermanns "Gargoyles" ("Wasserspeier"), vier kleine, aber komplizierte Charakterbilder. Chopins 2 Nocturnes op. 27 waren enorm lyrisch gestaltet, ohne ihren mitunter düsteren Charakter zu verleugnen. In Beethovens Es-dur-Sonate op. 31/3, manuell schon sehr gut bewältigt, war noch gestalterische Luft nach oben, insbesondere bei den Übergängen.

Wunderschöne Lösungen fand Tiffany Poon für Schumanns "Carnaval"; da konnte sie mit ihrem Anschlag punkten. Sie müsste sich nur noch etwas mehr mit den Inhalten auseinandersetzen, um noch näher an Schumann heranzukommen.

Der Zukünftige Er war der Jüngste in dem Sextett: der 18-jährige Robert Neumann aus Stuttgart, der vor vier Jahren schon einmal als Nachwuchstalent der Liechtensteiner Akademie beim Kissinger Sommer war. Wenn man boshaft wäre, könnte man sagen, dass Robert Neumann es sich mit der Uraufführung von "Burlesca", einer eigenen Komposition, mit der Neuen Musik verhältnismäßig einfach gemacht hatte, denn da konnte er spielen, was er wollte. Genau das tat er fabelhaft, aber man merkte, das in der Musik weniger Neumann als vielmehr Prokofiew steckte. Wie sehr er von ihm beeindruckt war, merkte man an dessen 2. Sonate. Die enorm plastische Gestaltung, die er dieser Musik gab und mit der er sie außerordentlich spannend machte, konnte er in Beethovens As-dur-Sonate op. 110 zwar andeuten, aber noch nicht ganz durchhalten. Chopins 12 Etüden op. 25 waren außerordentlich farbig und differenziert gespielt. Nur manchmal ging zwischen den beiden Händen die Mittelstimme verloren. Liszts "Dante-Sonate" im Schlusskonzert wurde zu einem erstaunlich reifen, großen Entwurf.

Die Nachdenkliche Wenn es beim KlavierOlymp einen Preis für spannende Programme gäbe, hätte ihn Nina Gurol verdient. Kein Wunder, denn sie spielt nicht nur Klavier, sondern entwickelt und veranstaltet auch spezielle Konzertformate. Sie hatte den größten Anteil an neuerer Musik im Programm wie die "Shadowlines" von George Benjamin, vier sehr gut gespielte und gut zu hörende kurze Sätze mit raffinierten kanonischen Strukturen, oder die Klaviersonate Nr. 3 ihres Leverkusener "Landsmannes" York Höller, deren Kleinteiligkeit sie ein hohes Neugierpotenzial gab. Höchst wirkungsvoll war die Kombination von Ravels sehr atmosphärischen "Oiseaux tristes" und Janaceks Totenklage "Das Käuzchen ist nicht fortgeflogen" mit seinen volksmusikalischen Anklängen. Da kam ihr ihre eher introvertierte Spielweise entgegen. Nicht hundertprozentig überzeugend geriet ihr Beethovens Es-dur-Sonate op. 27/1 in der strukturellen und auch technischen Auslegung: Chopins Polonaise-Fantaisie p. 61 und Fantaisie op. 49 (letztere auch im Schlusskonzert) waren klug gespielt, aber auch ein bisschen distanziert.

Der Druckmacher Zwiespältig war der Eindruck, den der junge Chinese Yutong Sun hinterließ. Auf der einen Seite spielte er Bachs Präludium und Fuge cis-moll BWV 849 steril und emotionslos wie ein (Meditations-)Automat. Auf der anderen Seite haut er eine phänomenale 8. Sonate von Prokofjew aus den Tasten, der er trotz allen Krafteinsatzes - mitunter ein bisschen verunklärend - auch einige lyrische Seiten abgewinnt. Da zeigte er ein ausgezeichnetes Gespür für gestalterische Linien. Und trotz seiner überschüssigen Kraft blieb seine dynamische Gestaltung letztlich immer schlüssig - was bei Beethovens As-dur-Sonate op. 110 nicht immer der Fall war. Da hätte man sich etwas mehr konzeptionelle Durchdringung gewünscht. Andererseits war Ligetis höllisch schwere Etüde "L'escalier du diable" mit ihrer komplizierten Dauerchromatik sensationell. Mit der Bach-d-moll-Chaconne in der Klavierfassung von Busoni im Schlusskonzert tat sich Yutong Sun keinen Gefallen: Die feinen Strukturen der Mehrstimmigkeit, die auch Busoni wichtig waren, fielen dem zertrümmernden Anschlag des jungen Mannes zum Opfer.

Der Überlegen(d)e Als er die ersten drei Akkorde von Beethovens D-dur-Sonate op. 28, der "Pastorale", anstimmte, hatte man plötzlich das Gefühl, dass der Letzte am Ende der Erste sein könnte. Denn Tomoki Sakata gab den Tönen eine gestaltete Entschiedenheit, die tatsächlich bis zum Ende anhielt. Und noch etwas zeigte sich: Er spielt ausgesprochen präzise, auch in stärksten Verdichtungen, mit gut dosiertem Pedal und kraftvoller Emotionalität, und er kann Entwicklungen und Stimmungen gestalten. Man merkte plötzlich, warum die Sonate ihren Beinamen bekam. Und man war verblüfft, wie viel Melodisches sich in Liszts "Rhapsodie espagnole" hinter dem übermächtig Rhythmischen normalerweise verbirgt, was für eine lustvolle Musik das ist. Toru Takemitsus "Les yeux clos", eine Hommage an den Dichter Shuzo Takiguchi, war eine feine Klangcollage voller perönlicher Erinnerungen. Und auch in Rachmaninows Moments musicaux op. 16 trat das technisch Schwierige zurück zugunsten de Melodischen. Liszts sperrige "Reminiscences de Norma" nach Bellini gab's beim Schlusskonzert. Eine Nummer kleiner hätte auch gereicht.