Seit 1986 steht Urban Priol als Kabarettist auf der Bühne und im Rückblick stellt er fest: "Die alten Texte sind noch gültig! Das ist alles was du erreicht hast!" Von daher ist die aggressive Verzweiflung verständlich, die in seinem Programm "gesternheutemorgen" zum Ausdruck kommt und die im ausverkauften Max-Littmann-Saal sowohl für Betroffenheit als auch für herzhafte Lacher sorgte. Mit wilder Struwwelfrisur markanter Brille, schrillem Hemd und einem alkoholfreien Weißbier in Hand stürmte der Aschaffenburger auf die Bühne. Die wird trotz ihrer Größe von dem wortgewaltigen Priol vollständig ausgefüllt.

Den Fachleuten am Mischpult gehört ein Kompliment dafür, dass die stimmlichen Eskapaden Priols bis auf den letzten Platz des Balkons zu hören und zu verstehen waren. Dagegen hatten die Lichttechniker weniger Arbeit: die Bühne war vollständig ausgeleuchtet, so dass der 57-Jährige vom Stehtisch rechts - mit Manuskript - bis hin zur Tisch-Stuhl-Kombination links immer im besten Licht erschien. Zwischen diesen beiden Bühnen-Punkten wanderte er stetig hin und her.

"Wir leben in unsicheren Zeiten"

"Wir leben in ....." - Mehr brauchte es nicht, um die 900 Gäste auf das einzustimmen, was kommen sollte. Denn jeder ergänzte für sich im Kopf: "... in unsicheren Zeiten." Und diese unsicheren Zeiten verband er mit den Herrschenden und Mächtigen dieser Welt, denen er so richtig die Leviten las. Dabei darf man bei Priol keine Ausgewogenheit erwarten. Angela Merkel kassifiziert er als "Lady Pattex", die CSU tituliert er CSU als "Alpen-Taliban", die Grünen sind für ihn "FDP mit Fahrrad", Jens Spahn ist "träger als jede Hoffnung" und für Trump empfiehlt er "betreutes Regieren". Für Alexander Dobrindt schreibt er in das Lebenszeugnis: "Er hat sich nicht einmal bemüht."

Priol braucht die Feindbilder, die er in mühevoller Recherchearbeit aufbaut und denen er sarkastisch verzerrt ihre Äußerungen um die Ohren haut. Beispiele findet er genug: Das Maut-Debakel des Verkehrsministeriums zum Beispiel, das mit einem 3,3 Milliarden Euro Vergleich zwar als politischer Erfolg für die beteiligten Firmen gelten darf, aber nicht für den Staat, der auf die doppelte Summe verzichtet. Ein gefundenes Fressen ist für ihn auch wenn "Rolex-Kalle und Steuerhinterziehungs-Uli" den Artikel 1 des Grundgesetzes für den FC Bayern reklamieren.

Den AFD-Pegida-Sumpf reduziert er auf "die Flüchtlinge sind an allem Schuld" und kritisiert mangelndes Geschichtsbewusstsein - doch dabei belässt er es nicht, denn letztlich gilt in unruhigen Zeiten: "Wenn wir was können, dann ist es hysterisch!" Das belegt er mit dem geplanten Spessart-Nationalpark sowie der Gefahr, dass der Spessart zum "Wildschwein-Puff" verkommen könnte. Doch statt mit Kompetenz dagegenzuhalten, wird uns das Gegenteil vorgeführt: Finanzen versus CumEx-Geschäfte, Verteidigung versus Mängelverwaltung, Ingenieurskunst versus Großflughafen. "Wir können - ja was eigentlich?" lautet Priols Frage. Fast drei Stunden entblößt er die inhaltsleeren Sprechblasen der Politik-Prominenzer; mit einer Flut aus Ironie und Sarkasmus, quittiert von archaischem Gelächter und überschäumenden Applaus.

Im Anschluss wünscht sich Priol ein frisch gezapftes Pils im Foyer. Doch vorher gibt es noch einen Einblick in sein Gemütsleben nach mehr als drei intensiven Kabarett-Jahrzehnten: "Don Corleone wollt ich werden, Don Quijote bin ich geworden und täglich kommen neue Windmühlen dazu."