Alle vier Minuten versucht in Deutschland ein Mensch, sich das Leben zu nehmen; alle 47 Minuten gelingt es." Mit dem Theaterstück für Jugendliche "norway.today" von Igor Bauersima wagt sich das Ensemble des "Fränkischen Theaters Schloss" Maßbach an ein heikles Thema und holt es aus der Verschwiegenheit - dem Suizid junger Menschen.
"Das Einzige, was Bestand hat, ist Langeweile", sagt August. Julie kann Langeweile nicht ausstehen. Auf einer Internetseite für Todessüchtige haben sie sich kennengelernt. Alleine zu leben, findet Julie pathetisch, aber auch alleine zu sterben. "Möchte jemand mit mir in den Tod gehen?", fragt Julie im virtuellen Reich des Chatrooms. Mit sinnstiftenden Hirnkonstrukten wie Vermehrungswahn mag sie nichts anfangen und sucht im weltweiten Web nach Gleichgesinnten.

Der Freitot als eine "echte" Aktion

Auch August hadert mit der Frage, was echt ist und was nicht. Der gemeinsame Freitod soll endlich die echte Handlung sein in einer Welt, die sie als unecht empfinden. Wie der Hilfeschrei einer ganzen Generation klingt ihr Empörtes: "Hier geschieht nichts Echtes". Mit Johanna Seitz als Julie und Carsten Stier als August feierte das Stück in einer Inszenierung von Laura Linnenbaum am Osterwochenende im Maßbacher "Theater im Pferdestall" Premiere. Inspiriert durch eine Notiz im "Spiegel" - Norweger sucht jemanden für gemeinsamen Selbstmord - hat Igor Bauersima das Zwei-Personenstück "Norway.today" geschrieben, eine Selbstmordstory und Liebesgeschichte mit offenem Ende. Das Stück mit den grundlegenden Fragen an das Leben und dessen Sinn taucht tief in das Innenleben zweier Jugendlicher ein, die sich auf den Weg gemacht haben, zu sterben.

Raus aus der Tabuisierung

Das Thema Suizid wird durch "norway.today" aus der Verschwiegenheit geholt. Denn wenn man sich die Statistiken anschaut und erkennt, wie viele Jugendliche sich mit Selbstmord beschäftigen, oder sogar einen Selbstmordversuch begehen, auch wenn man sich die Selbstmordquoten unter Jugendlichen ansieht, muss man eingestehen, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Suizid für Jugendliche wichtig ist.
Ohne großartige Kulissen kommt die Inszenierung aus. Es gibt lediglich zwei schiefe Ebenen, zwei Podeste und eine Videoleinwand als künstlerischen Rahmen. Darin bewegen sich die beiden Prota gonisten . Mit viel Gefühl schuf Regisseurin Laura Linnenbaum einen Ort zum Kuscheln, der aber nicht ablenkt vom Selbstmord.
Mit brillanten Lichtspielen und Videoeinspielungen beleuchtet die Regisseurin Julie und August von allen Seiten und erlaubt einen voyeuristischen Blick in das Innere ihrer Gefühlswelten. Brillant und überzeugend sind Johanna Seitz und Carsten Stier in ihren Rollen. Durch ihre schauspielerischen Leistungen ging das Stück und die Thematik trotz mancher lustiger Dialoge und Lacher im Publikum tief unter die Haut. Man nahm es den beiden Schauspielern ab, als ständen sie schon vor dem Abgrund, als machten sie sich schon zum Sprung in den Abgrund bereit. Dabei jagen sie einem Schauer über den Rücken, wenn sie debattieren, was ihnen während des zehn Sekunden dauernden Sturzes bis zum Aufschlag auf den Felsen im Fjord durch den Kopf gehen würde. Wie Bauersima lässt auch die Regisseurin hoffen, dass die Liebe stärker ist als Egotrip und Todessehnsucht.
Ein überaus beeindruckendes Theaterstück, diesen Eindruck nimmt man am Ende mit, und eine spannende Inszenierung, dessen Besuch man nur nicht Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen empfehlen kann.