Nach mehreren Jahren, in denen die Kanalsanierung das auffälligste Fortschrittssignal war, steht die Stadt plötzlich vor einem geradezu radikalen Umbau. Die Kissinger scheinen der neuen Situation noch nicht so recht zu trauen.

Herr Blankenburg, es ist eine Beobachtung, die auch Außenstehende machen - überspitzt ausgedrückt: Dem Kissinger geht es nur gut, wenn es ihm schlecht geht. Hat sich da eine Jammerkultur verselbständigt, oder liegt's am schlechten Wetter? Wo lässt sich denn in der Stadt Mut zur Zukunft erkennen?
Kay Blankenburg: Ich glaube, der Eindruck der Verzagtheit in dieser Stadt ist völlig falsch. Wir arbeiten auf sehr vielen Baustellen. Wir haben nicht umsonst Michael Wieden als Wirtschaftsförderer beauftragt, der sehr stark damit beschäftigt ist, die Stadt als Gesundheitsstandort zu vermarkten

Zu allererst fällt immer wieder das Stichwort Steigenberger.
Wir haben in Bad Kissingen, auch wenn es immer wieder bestritten wird, auch ohne Steigen berger sehr gute Hotels, und wir müssen sie in der Zukunft noch stärker mit Kongressen, Konferenzen und Tagungen füllen. Und da ist natürlich die Frage: Worüber sollen die Leute hier reden? Eine wichtige Antwort: Gesundheit. Das ist ein Thema, wo ich denke, dass man ganz deutlich einen Aufbruch erkennen kann.

Aber auch eine schwierige Zeit.
Wir haben Neues, was entsteht, auf allen Ebenen. Da ist die Fußgängerzone. Wir haben, hoffentlich bald, die Großbaustelle ehemals Steigenberger. Bis Mitte des Jahres werden wir konkret wissen, was passiert, wann es passiert, und, was die Menschen auch wissen wollen: Wer wird der Betreiber dieses Hotels? Ich kenne den Namen. Bad Kissingen wird zufrieden sein, und die Besorgnis, die wir immer hatten, dass wir uns da downgraden, die wird sich nicht erfüllen. Wir werden hier im High-End-Bereich sein, vom Namen des Betreibers her und vom Anspruch des Hauses.

Es gibt nicht nur das Steigenberger.
Nein. Die ehemalige Medis Vitalis Klinik wird ein Hotel. Wir haben im Bauausschuss, nicht von allen Seiten der Leserbriefecke begrüßt, aber wie ich meine richtig, grünes Licht dafür gegeben, dass, wenn ein vernünftiges Baukonzept dafür vorliegt, das Apolant abgerissen werden und auch hier etwas Neues entstehen kann. Wir haben ganz konkret, davon gehe ich aus, Baubeginn Luitpoldbad noch dieses Jahr. Dann wird entstehen, was mehr sein wird als nur ein Behördenzentrum, weil der Innenhof auch noch für andere Bereiche der öffentlichen Bespielbarkeit zugänglich gemacht werden soll. Im Haus Thea plant der neue Betreiber ebenfalls ein Hotel. Mit den Stadtwerken sind wir dran, zu prüfen, ob wir nicht ein Thermenhotel bekommen. Von Verzagtheit sehe ich nichts.

Skeptisch sind die Kissinger, was den Fürstenhof betrifft. Da hat sich schon lange nichts mehr öffentlich Erkennbares getan.
Die Stimmung war bei mir auch skeptisch. Und zwar deswegen, weil ich einen Kasten Bier verloren habe. Das schlägt aufs Gemüt. Nichtsdestotrotz: Das Problem ist, dass hier die öffentliche Hand nicht beteiligt ist, dass wir keine Einflussmöglichkeiten haben. Wir haben das Unsere getan, wir haben den vorgezogenen Bebauungsplan schnell verabschiedet und die Baugenehmigung erteilt. Was ich weiß, ist, dass es Gespräche mit möglichen Betreibern gegeben hat, dass diese Gespräche abgeschlossen sind, dass ein Betreiber fest steht, aber noch nicht genannt wird. Ich gehe davon aus, dass jetzt mit dem Betreiber das Endkonzept erstellt und umgesetzt wird. Ich bin kein allzu geduldiger Mensch. Mir wäre es lieber, wenn da schon längst die Bagger gerollt wären. Aber abgeschrieben habe ich das noch lange nicht. Die Fürstenhof S.A. hat Geld, davon gehe ich aus. Sie hat ja auch das Grundstück gekauft. Soweit ich sehe, ist es auch bezahlt.

Hat sie auch bar bezahlt, wie man das bei russischen Investoren hier schon erlebt hat?
Da war ich leider nicht dabei. Das müssen Sie andere in der Stadt fragen.

Weder chinesische noch russische Investitionen in der Stadt sind bisher die großen Erfolgsgeschichten. Immerhin: Das Hotel "Kaiserhof Victoria" läuft gut, bräuchte aber dringend Geld für weitere Sanierungen und Modernisierungen.
Das ist kein Problem ausländischen Geldes. Es gibt auch inländische Investitionen, die nicht gelaufen sind. In der globalisierten Welt kann man diese Unterschiede nicht mehr machen. Leichter wird die Sache allerdings, wenn die Investoren vor Ort und täglich mit ihrem Objekt konfrontiert sind.
Ist Bad Kissingen offen für Investoren?
Natürlich. Beim Fürstenhof reden wir von am Ende 70 Millionen. Im Haus Thea wird einiges investiert. Im Victoria ist einiges schon gemacht worden - das ist alles privates Geld. Auch beim Steigenberger wird es außer der Abdeckung für den Denkmalschutz privates Geld sein. Und vergessen wir nicht die, die schon immer da sind, etwa die Heiligenfeld-Gruppe, Medis Vitalis, Hescuro, Frankenland, Sonnenhügel ... Das alles ist privates Geld.

Woher kommt dann in der Stadt der Eindruck, dass nichts passiert - nicht nur beim BTC in Garitz?
Weil es von interessierten Kreisen herbeigeredet wird.

Geht das genauer?
Nein. Es ist doch klar, dass man ein gutes Jahr vor der Wahl das Interesse hat, den Amtsinhaber nicht gut aussehen zu lassen. Wenn man keine richtigen Kritikpunkte findet, dann erzählt man ganz einfach, dass nichts passiert.

Das wird doch schon viel länger erzählt.
Ja, weil man nichts anderes hat. Was ich wirklich nicht mache - das gebe ich gerne zu - ist, dass ich, wenn ich ein halb gelegtes Ei habe, das ich dann rausgehe und gackere. Wenn ich durch die Stadt gehe und mich dabei mit jemandem unterhalte, dann gehe ich nicht hinterher ins Rathaus und sage, dass ich mit einem Investor gesprochen habe, bloß weil der mich gefragt hat, ob er mir eine Currywurst bezahlen kann.

Aber von hohem Tempo kann man auch nicht überall reden.
Ich will nicht den Eindruck erwecken, als würde ich hier sitzen und sagen: Es ist alles super. Mir geht bis auf ganz wenige Dinge alles viel zu langsam. Das ist eine Ungeduld, die ich teile, die ich verstehe. Ich würde gerne nicht nur beim Fürstenhof weiter sein. Manches braucht am Reißbrett zu lange, und manches braucht in der Natur so lange.

Thema Handel und Gewerbe: Im Gewerbepark Sinnberg gibt es eine ganze Menge Betriebe, aber wenig große Gewerbesteuerzahler. Der große Schöpfquell für den Stadtsäckel ist das nicht geworden. Und das scheint sich auch so schnell nicht zu ändern.
Hellweg und Kaufland sind auf riesigen Flächen neu entstanden. Sie sind auch Gewerbesteuerzahler, und die sind für eine Stadt unserer Größe wirklich riesig. Wir hätten Angebote noch und nöcher an Lebensmitteldiscountern. Aber wir haben auch ein ganz klares Einzelhandelskonzept: Derartige Betriebe wollen wir an der Peripherie nicht mehr haben. Da müssen wir nichts mehr dazu bauen. Wir haben in Garitz den Expert, der sich nach Verabschiedung des Einzelhandelskonzepts noch mal vergrößert hat um fast 50 Prozent, der inzwischen wirklich eine ordentliche Fläche hat.

Was fehlt denn tatsächlich noch?
Man muss über Bereiche nachdenken, die noch fehlen. Ob wir noch einen zweiten Baumarkt brauchen, darüber können wir diskutieren. Was ich zum Beispiel gerne noch hätte, und da hat es auch schon Gespräche gegeben, das ist ein Bio-Markt. Ich glaube, das würde sehr gut passen zum Gesundheitsstandort Bad Kissingen. Für mich geht es um die Frage: Was können wir da oben noch machen, und da habe ich Dinge genannt die ich mir vorstellen könnte.
Das andere, aber das hat jetzt nichts mit Gewerbe zu tun, geht um die Frage: Was passiert mit der Housing Area - die auch von vielen als unangenehm empfunden wurde, weil sie lange leer stand. Es ist sehr gut, was da inzwischen vorwärts geht mit der Firma Schaible, die sehr ordentlichen Wohnraum zu sehr akzeptablen Preisen anbietet. Auch da oben bewegt sich was. Wobei ich in dem Zusammenhang hoffe, dass wir in absehbarer Zeit die Grundstücksentwicklungsgesellschaft abwickeln können, wenn wir die letzten Grundstücke da an den Mann gebracht haben, aber eben sinnvoll. Manches Filetstück da oben hat man vielleicht zu lange abhängen lassen.

Noch einmal Gewerbegebiet. Was sich nicht so entwickelt hat, wie es erhofft war, waren Impulse aus dem Gründerzentrum, vor allem Ausgründungen im medizintechnischen Bereich.
Das ist ein wichtiges Thema. Da bin ich auch dankbar, dass Sie es ansprechen, weil das etwas ist, was Michael Wieden und ich verstärkt in den Fokus nehmen wollen. Da gab es vor zehn Jahren schon einmal eine hoffnungsvolle Geschichte, die dann von vielen Seiten nicht so optimal gelaufen ist. Es geht hier darum, Menschen anzuwerben, sie dafür zu begeistern, sie, auch wenn das Gründerzentrum keine rein städtische Angelegenheit ist, auch in der Stadt zu halten. Das ist wichtig, ganz wichtig, weil es auch optimal in unser Profil als Gesundheitsstadt passt.

Dazu fehlen allerdings geeignete Flächen.
Ein Gewerbegebiet muss auch Industriegebiet sein. Und da haben wir natürlich seit etwa 15 Jahren die Festlegung: Kein Industriegebiet in Albertshausen gegen den Willen der Albertshäuser. Das muss man respektieren. Ich will ein Industriegebiet haben, ich will es aber nicht den Albertshäusern überstülpen. Ich werde noch im ersten Quartal 2013 auf sie zugehen. Ich bin optimistisch, dass wir heute eine andere Antwort bekommen werden. Bad Kissingen wird nie eine Industriestadt sein. Aber komplementär mehr produzierendes Gewerbe zu haben, ein weiteres Standbein, das uns stabilisiert, das würde uns gut tun.

Das Gespräch mit dem Bad Kissinger Oberbürgermeister führte
Thomas Ahnert