Weit mehr als reine Frauenunterhaltung, wie ihn sogar der Verlag selbst unverständlicherweise einordnet, ist der im September im List-Verlag erschienene Roman "In einem anderen Licht" der Schriftstellerin Katrin Burseg (46). Die seit 2008 durch einige historische Romane bekannt gewordene Hamburgerin widmet sich in ihrem neuen Buch dem "deutschen Herbst" und der Thematik des RAF-Terrorismus.
Wo liegt die Wahrheit? Sind die Menschen wirklich so, wie sie uns erscheinen? In Bursegs berührender und einfühlsam geschriebenen Geschichte um die junge Witwe Miriam, Redakteurin einer Frauenzeitschrift, und ihren fünfjährigen Sohn Max wird bald deutlich, dass Wahrheit und Wahrhaftigkeit recht subjektive Ansichten sind.
Zwar geht es auch hier vordergründig um Liebe und Verrat. Aber dennoch finde ich das Buch "unter Wert verkauft", wenn man es als "Frauenunterhaltung" einstuft. Bursegs Roman ist viel mehr als das und sollte auch gern von Männern gelesen werden. Und dies, obwohl ausnahmslos Frauen die Hauptpersonen sind, Männer eher nur Randfiguren bleiben.
Neben Miriam werden im Roman die großherzige Reeders-Witwe Dorothea und ihre Freundin Elisabeth aus kämpferischer Jugendzeit gegenüber gestellt. Elisabeth hat damals schon, nach den dem Leser anfangs noch unbekannten Geschehnissen in kämpferischen Studentenjahren, mit der Gesellschaft abgeschlossen, sich in ein Kloster zurückgezogen und hadert seitdem mit sich und der Welt.
Dorothea hat die andere Richtung gewählt, hat sich der Welt geöffnet und mit den Millionen ihres verstorbenen Mannes Gutes getan und helfende oder Hilfe suchende Menschen unterstützt. Sie wird in der Öffentlichkeit als glorreiche Heldin gefeiert. Doch schon nach Miriams ersten Recherchen zeigt sich ein von der Mäzenin bisher gut verborgenes Stück Vergangenheit.
Dorothea muss sich im Alter dem Vorwurf ihrer früheren Kameradin stellen: "Sie hat uns verraten. Sie hat alles verraten, was ihr heilig war."


Leben mit der Vergangenheit

Müssen wir also die hochgelobte Mäzenin jetzt - nach Kenntnis ihrer unrühmlichen Vergangenheit - plötzlich verurteilen, sie "in einem anderem Licht" sehen? Beurteilen wir einen Menschen nach seinen längst verjährten Jugendsünden oder nach dem, was er seitdem geleistet hat und der er heute ist? Darf man einen Menschen auch nach 40 Jahren für etwas verurteilen, was er längst bereut hat und wieder gutgemacht hat?
Bursegs Roman zeigt anschaulich, wie Menschen mit ihrer Vergangenheit leben, leben müssen und unterschiedlich umgehen. "Wie verändert die Zeit die Perspektive, aus der heraus wir Gewalt wahrnehmen und beurteilen?", fragt die Autorin in ihrem Nachwort.
"In einem anderem Licht" ist ein aktueller Roman in Zeiten des internationalen Terrors und nicht nur deshalb auch für Männer absolut lesenswert.

Katrin Burseg: "In einem anderen Licht", List-Verlag, Hardcover, 320 Seiten, 18 Euro, ISBN 9783471351406