Dass das Schreinerhandwerk ein körperlich anstrengender Beruf ist, aber auch für das weibliche Geschlecht geeignet ist, bestätigt Janina Becker. Die 21-Jährige aus Hessen hat sich nach dem Fachabitur mit Schwerpunkt Gestaltung ganz bewusst für den Beruf des "Tischlers" entschieden.

Fündig wurde sie bei der Seuffert GmbH in Niederlauer, wo sie ihre Kreativität im Möbelbau umsetzt. Als Gesellenstück hat sie sich frühzeitig für ein Sideboard für das Wohnzimmer entschieden. "Gerade ist langweilig", war dabei ihr Grundsatz. Deshalb wurden die Seitenteile schräg angeordnet.

Mit eigenständigem Charakter

In Kombination mit hell lackierten Hartfaserplatten und dunklem Eichenfurnier ergibt sich die Spannung, die dem Möbelstück den eigenständigen Charakter gibt. Für die Schubladen hat sie massive Eiche genommen, für das Querstück hat sie das Furnier mit dem Bunsenbrenner bearbeitet, damit der Hell-Dunkel-Kontrast stärker zum Vorschein kommt. Als "Kick" hat sie eine indirekte LED-Beleuchtung eingebaut, die sie per Funk steuern und nach Stimmung einstellen kann.

Knapp 1500 Euro an Materialwert stecken im Gesellenstück und deshalb wird das "Schmuckstück" im Wohnzimmer einen Platz bekommen.

Über Praktika zum Wunschberuf

Über Praktika kam Jens Wagner zum Schreinerberuf, mittlerweile ist es sein Wunschberuf. Der 19-Jährige aus Rothhausen absolvierte nach seinem Realschul-Abschluss bei der Schreinerei Klöffel (Thundorf) eine Lehre. In dem kleineren Betrieb mit fünf Mitarbeitern müsse man alles machen, dadurch mache man immer etwas anderes: "Es ist immer wieder etwas Neues dabei - das gefällt mir."

Sein Gesellenstück entstand aus "einer leeren Ecke im Wohnzimmer meiner Eltern." Es sollte etwas Praktisches sein, Stauraum enthalten und durch seine Form individuell sein. Den hohen Anspruch hat er mit einem Möbelstück umgesetzt, das auf der linken Seite Staufächer und rechts eine drehbare Glasvitrine hat. Weil er die beiden Teile versetzt hat, nutzte er den Leerraum durch zwei Schubfächer, die sich seitlich öffnen lassen. Die obere Schublade hat einen Glasboden, "damit man wenigstens von unten sieht, was drinnen ist", bei der unteren geht mit dem Öffnen ein Licht an.

Fernsteuerung und LED

Auch Jens Wagner nutzte den Hell-Dunkel-Effekt: einerseits eine hell lackierte Spanplatte für die Außenflächen, andererseits eine Spanplatte mit "geräuchertem Eichen-Furnier" für die tiefer liegenden Elemente. Noch ein bis zwei Jahre will er seinem Betrieb die Treue halten, "und dann geht es nochmals auf die Schule, bevor ich zu alt werde und keine Lust mehr habe."

Schreibtische mit Schubläden, die sich per "Tip-On" öffnen, Vitrinen, deren LED-Beleuchtung per Funk gesteuert werden, Garderoben-Schränke, die für den Flur zu schade sind, Wohnzimmer-Elemente mit drehbaren Vitrinen oder Bar-Teile, die durch unterschiedliche Farbgebung beeindrucken - die Schaustücke von 24 Schreiner-Prüflingen beeindrucken die Gäste bei der Präsentation.

Vor allem die "Fachbesucher" - Meister, Betriebsinhaber und Eltern - waren begeistert. Den Lohn präsentierte Prüfungsvorsitzende Anja Broux: Alle 24 Schreiner haben bestanden.

In den Gesellenstücken spiegele sich der "moderne Zeitgeist" wider, meinte Anja Broux. Optik und Gestaltung seien wichtiger als früher.

Handwerk im Vordergrund

Trotzdem dürfe die Funktionalität nicht in den Hintergrund treten, sagte Fachlehrer Thomas Kiesel: "Was bei den Plänen nicht durchdacht ist, zeigt sich in der Umsetzung. Dann ist immer interessant, welche Lösungen gefunden werden."

Wichtig ist den beiden, dass bei den Gesellenstücken noch handwerkliche Arbeit zu sehen ist, wobei der Einsatz von CNC-Maschinen "normal" sei. Das handwerkliche Element könne gut bei der Arbeitsprobe bewertet werden, hier musste eine Garderobe nach einem vorgegebenen Plan, mit vorgegebenen Materialien und in einer gewissen Zeit hergestellt werden.


Abheben vom Massengeschmack

Kreishandwerksmeister Werner Paltian freute sich über die gute Resonanz bei der Ausstellung. Er bescheinigte den Jung-schreinern eine "super Leistung", wobei einige Werkstücke tatsächlich schon "Meister-Niveau" hätten. Ziel der Ausbildung, was sich im Gesellenstück widerspiegeln sollte, sei die "individuelle handwerkliche Leistung." Nur dadurch könne man sich vom "Massengeschmack" abheben.

Bruno Werner, Kreishandwerksmeister aus Rhön-Grabfeld, würdigte die Arbeit der Berufsschule Bad Kissingen: "Wir wurden hier gut aufgenommen und sind sehr zufrieden." Gemeint war die Auflösung der Holzabteilung der Berufsschule Bad Neustadt und das "Umsiedeln" nach Bad Kissingen. An die Jungschreiner appellierte er: "Bleibt nicht stehen in eurem Beruf. Nutzt die Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten auf den verschiedensten Ebenen."

Lehrlingswart Thomas Schuhmann informierte über den Wettbewerb "Gute Form", für den neun Gesellenstücke ausgewählt wurden. Sie werden demnächst in der Schalterhalle der Sparkasse präsentiert.

Ausbildung Der Weg dauere drei Jahre und am Ende stehe eine umfangreiche Prüfung. Neben der Theorie, müssen die Auszubildenden im praktischen Teil nachweisen, was sie können. Dieser Part bestehe aus vier Teilen: dem Plan für das Gesellenstück, seinem Bau, Arbeitsprobe und Fachgespräch.

Vorgaben Dem liegt ein Anforderungskatalog zugrunde, den die Prüflinge erfüllen müssen. Unterstützung erhielten sie durch ein Gestaltungsseminar der Innung. Ziel ist ein maßstabsgetreues Modell des Gesellenstücks. Die Besprechung des Plans ist der erste Teil des Fachgesprächs, der zweite Teil erfolgt am fertigen Gesellenstück. Dann geht es an die Umsetzung. Diese geschieht in den Betrieben und man sollte maximal 80 Arbeitsstunden investieren. Vor allem muss es selbständig gefertigt werden. kws