Viele Klischees gibt es über Norwegen, Josch Richter hat sich ein Jahr lang sein eigenes Bild vom Land der Wikinger gemacht: "Zumindest ist es das Land der schönen blonden Frau", sagt der 20-Jährige schmunzelnd. Er lebte ein Jahr lang in Stavanger, an der Westküste Norwegens, und leistete einen europäischen Freiwilligendienst, etwa 1200 Kilometer nördlich von Bad Brückenau.

"Wenn ich aus der Tür trat, stand ich nach drei Minuten Fußweg am Fjord. Das war wie in einem Neckermann-Katalog. Links und rechts Gras und Bäume, ein idyllischer Weg führt zum Wasser, und in der Ferne erkennt man auch noch weiße Bergspitzen." Das Klischee der schönen Natur trifft also auch zu. Das Bild vom ganztägig dunklen Himmel dagegen stimmt nicht überall: "Da muss man genauer hinsehen", verweist Josch Richter auf die Landkarte. "Stavanger liegt zum Glück sehr weit im Süden, das heißt, die Sonne schien hier im Winter immerhin sechs bis sieben Stunden am Tag. Dafür ging sie im Sommer aber auch nicht vor 23 Uhr unter."

Auch wenn man in der Stadt spazieren geht, erinnert nichts an das Klischee der frühmittelalterlichen Wikingersiedlung: Stavanger ist eine moderne Stadt und mit 120.000 Einwohnern die viertgrößte Norwegens. So finden sich, wie überall, Fast-Food-Ketten an jeder Ecke, Parkhäuser voller Autos, H&M und IKEA. Auffallend fand Josch Richter auch, dass schon fast jeder 12-Jährige, der das Jugendzentrum, in dem er arbeitete, betrat, ein Smartphone besaß.

Von Montag bis Freitag arbeitete der 20-Jährige täglich etwa sieben Stunden in dem Treffpunkt für 12- bis 17-Jährige. Die meisten seiner Tätigkeiten dort hatten mit Musik zu tun: Er lernte zum Beispiel in dem hauseigenen Musikstudio Lieder aufzunehmen und zu bearbeiten. "Im Dezember fing ich an, mich mit einer jungen Songwriterin zu treffen und nahm bis zum Sommer etwa acht ihrer Lieder auf."

Daneben betreute er die Jugendlichen während der Öffnungszeiten, kochte zwei Mal wöchentlich, gab Gitarrenkurse und leitete Kinder- und Jugend-Zeltager. Josch entschied sich, als Sommerprojekt eine Kurzreportage über das Jugendzentrum zu drehen. Daran arbeitete er etwa zwei Monate und ist sehr froh, dadurch so viel übers Filmeschneiden gelernt zu haben.

Neben der Arbeit versuchte er auch so viel wie möglich, das Land zu bereisen. Im Juni besuchte ihn Stephan Heil (Oberleichtersbach), zusammen radelten sie in einer Woche 500 Kilometer durch Südnorwegen. "Wobei Stephan auch die ganze Strecke von hier bis nach Norwegen mit dem Fahrrad zurückgelegt hat", berichtet er.

Im Winter wohnte Josch eine Woche mit anderen internationalen Freiwilligen in einer einsamen Holzhütte. Gemeinsam hatten sie im Sommer auf Norwegens größtem Musikfestival gearbeitet. Im September reiste er mit seinem italienischen Mitbewohner zehn Tage über die Lofoten, eine einzigartige Inselgruppe nördlich des Polarkreises. Mit jeweils 20 Kilo Gepäck machten sie Bergwanderungen, trampten über die Inseln, und schliefen mal in Wäldern, mal an Stränden. Josch wohnte mit dem 20-Jährigen Giuseppe Pisano aus Italien zusammen, in dem er einen guten Freund fand. Im Juli reisten die beiden gemeinsam nach Neapel, um Giuseppes Familie zu besuchen. Josch fühlte sich beherbergt wie ein zweiter Sohn. "In der Woche nahm ich vier Kilo zu. Ich glaube, ich habe selten so gut gegessen wie dort im Süden."

Der ganze Freiwilligendienst kostete Josch und seine Eltern so gut wie keinen Cent und unterscheidet sich somit von anderen Auslandsprogrammen. "Ich glaube, viele Jugendliche in meinem Alter wissen nicht, welchen Nutzen sie aus der Europäischen Union ziehen können", sagt Josch Richter, und: "Wenn ich die Nachrichten so verfolge, frage ich mich manchmal, wie lange solche EU-Förderprogramme noch existieren werden. Ich bin unglaublich froh über dieses gigantische Jahr im Norden."