Es ist Zufall, dass Helmut Schuck jetzt mit einem kleinen Bildband über die gefallenen Soldaten des 2. Weltkriegs aus Steinach, Roth, Hohn und Nickersfelden an die Öffentlichkeit geht. Der einfachste Grund: Das Werk ist jetzt fertig. Aber der Zeitpunkt - gerade hat der Dreiteiler über "Unsere Mütter, unsere Väter" Millionen Menschen vor Augen geführt, was dieser Weltkrieg war - dürfte auch vor Ort jetzt der richtige sein und für Aufmerksamkeit sorgen. Denn, wie das TV-Werk, hat auch der Altbürgermeister von Steinach und Bad Bocklet etwas gemacht, was die Seele berührt: Er hat Opfern ein Gesicht gegeben, er hat es ihnen zurückgegeben.

130 Kriegsopfer hatte die Pfarrei Steinach nach dem 2. Weltkrieg zu beklagen, meist Männer mit einfachen Mannschaftsdienstgraden, viele in ihren 20er oder 30er Jahren, einige starben auch jünger, nur eine Handvoll wurde über 40 Jahre. 77 meist in Russland Gefallene hat Schuck mit Bild in seine Präsentation aufnehmen können. Und es schmerzt ihn, dass er nicht von allen ein Bild hat finden können, und sei es ein Sterbebild. Auch hat er sich bemüht, die Vermissten aus der Pfarrei im Bild zusammenzutragen. Bei 29 Vermissten ist ihm das gelungen, bei zehn weiteren nicht.

Schuck, selbst Jahrgang 1936, war ein vom Krieg geprägtes Kind. Vielleicht ist das auch ein Grund, der ihn sein jüngstes Werk in Angriff hat nehmen lassen. Zum Teil weiß er noch aus eigener Erinnerung, wie nach anfänglicher Euphorie über die allgemeine Mobilmachung 1939 der eine oder andere Bürger vor Hitler warnte oder schon früh im Krieg ums Leben kam. Und er weiß, wie sich Benachrichtigungen über den "heldenhaften Tod" an der Front im Dorf häuften. "Mit der Zeit gab es in der Pfarrei kaum noch eine Familie, die nicht einen Gefallenen oder Vermissten zu beklagen hatte."

Eigene Erinnerungen

Auch erinnert sich Schuck noch an den Bau der Bergkapelle 1946 in Steinach und an das Versprechen, das diejenigen, die den Krieg überlebt hatten, und ihre Angehörigen damals gaben: "Wir werden Euch nie vergessen." Das habe bis heute seine Gültigkeit, sagt der Autor. Aber selbst in der Zeit, als er Bürgermeister war, konnte er nicht viel mehr tun als denjenigen, die die Kapelle ehrenamtlich pflegten, gelegentlich einen Kasten Bier und eine Brotzeit zu spendieren. "Irgendwie hatte ich immer ein schlechtes Gewissen", sagt Schuck. Und seine Idee, mit seiner Publikation alle bisherigen zu ergänzen um die Gesichter der Soldaten, reifte schon vor langer Zeit.

Immer weniger Zeitzeugen

Angefangen hatte es damit, dass er immer wieder mal bei Ausflügen gesehen hatte, dass in Gaststätten Fotos von im Krieg Gefallenen einen Platz hatten. In Steinach gab es das nicht. Aber hier gab es die Bergkapelle. Aber er fand immer, erinnern kann man sich nur an etwas, das man selbst erlebt und gesehen hat. Und dass Erinnerung an Menschen eben auch mit deren Bild verbunden ist.

"Ich war spät dran", räumt der Hobbyheimatforscher ein, "denn die unaufhaltsam fortschreitende Zeit reduziert die Zahl der Zeitzeugen erheblich." Aber er wurde fündig. Bei seinen umfangreichen Recherchen kam ihm zugute, dass er als einstiger Bürgermeister praktisch alle Leute im Ort kennt, dass er weiß, wer mit wem verwandt ist. Und er pflegt, selbst bald 77 Jahre alt, Kontakt zu den wenigen Hochbetagten aus der Kriegsgeneration.

Beim Erinnern mitgeholfen

Dorfälteste wie Albin und Eleonore Freibott, Erhard Bauer, Walter und Emmi Ziegler, Rudolf Heinrich oder Schucks Schwester Resi Voll halfen bei der Beschaffung von Fotos oder Bildern oder sie bemühten ihr Erinnerungsvermögen, um Männer namentlich zu identifizieren, die sie auf Bildern gefunden hatten. Wertvolle Unterlagen für seinen neuesten Band hat Schuck auch von einem Mann bekommen, der ihn als Kind (O-Ton: "immer wegen Dummheit") gelegentlich verprügelt hatte: von seinem früheren Lehrer August Kreller. Der kam 1948 als Kriegsheimkehrer nach Steinach und hat manches, was die 1946 gebaute Bergkapelle betrifft, dokumentiert. Dieses Material ist bei Schucks in guten Händen und diente als wertvolle Ergänzung für sein Werk.

Passagen daraus hat er kursiv gesetzt, und der Leser bekommt dadurch manch ergänzende Informationen über die tragische Zerstörung Steinachs einen Monat vor Kriegsende oder über die fleißigen Helfer, die die Bergkapelle und ihr Areal im Laufe der Jahre gepflegt haben. "In den Gräbern ruhen nicht die auf den Grabkreuzen genannten Soldaten, sondern es handelt sich um Erinnerungsorte, die dem Andenken an die Kriegsopfer dienen sollen", heißt es in Krellers Aufzeichnungen.

Ohne Computer unmöglich

Wie Schuck erzählt, war er erst "reif" für dieses Werk, seit er mit dem Computer umgehen konnte. Ohne den hätte er das Material nicht geordnet und in Form bekommen. Seine Frau Ingrid beschreibt die Recherche, das Zusammentragen zu einem Ganzen und die Arbeit am Computer so: "Ein Jahr hat es unsere Familie viele Nerven gekostet. Es war eine komplizierte Geburt, und ich war die Hebamme dabei." Aber sie war es gern, auch wenn es anstrengend war. Denn das Paar, das sich aus Sandkastentagen kennt und seit 1965 verheiratet ist, macht ohnehin praktisch alles zusammen.
Der Autor hat im Vorfeld für seine Arbeit viel Lob bekommen. Bürgermeister Wolfgang Back würdigt im Vorwort, dass das Werk der Nachkriegsgeneration Mahnung sein kann, alles daranzusetzen, dass so etwas nie wieder geschieht. Pfarrer Michael Kubatko bescheinigt ihm, dem Vergessen entgegengewirkt zu haben. Die Erinnerung an die Gefallenen und Vermissten können so in Erinnerung und Gebet wiederaufleben. Vielleicht heilt die Zeit dann doch die Wunden.