In früheren Zeiten waren Spinnstuben etwas ganz alltägliches. In der kalten Jahreszeit trafen sich die Frauen, um gemeinsam Handarbeiten zu erledigen. Die Münnerstädter Künstlerin Mia Hochrein hat diese alte Tradition in abgewandelter Form wieder belebt. Sie lädt in der Adventszeit einmal wöchentlich zur Stopfstube ein. Dort wird tatsächlich gestrickt, gestopft und gehäkelt. Doch genauso wichtig wie die Handarbeiten ist dabei das gemütliche Plauschen.

Roland Schoch hat in diesem Jahr seinen Antiquitätenladen für die Treffen der Stopfstube zur Verfügung gestellt. Die Stopfstube ist eines der künstlerischen Projekte, die Mia Hochrein mit ihrer Galerie auf Zeit verbindet. Doch eigentlich ist die Stopfstube aus der Not geboren. Seit ihr Sohn Milan auf der Welt ist, gibt es immer irgendetwas zu stopfen oder flicken. Und Mia Hochrein hat festgestellt, dass es mit Freunden einfach besser geht. "Stopfen alleine finde ich blöd", betont die Münnerstädterin. Zum fünften Mal ist sie Organisatorin dieser Einrichtung. In der Runde zeigt sie ihre Lieblingsstrickjacke herum. Die hat schon viele Jahre hinter sich. Mittlerweile wird sie von vielen bunten Stopfflecken verziert. "Es ist schon eine richtige Künstlerjacke", finden die anderen.

Mit Abstand die Älteste in der Runde ist Lotte Hochrein, Mia Hochreins Mutter. Mit knapp 88 Jahren schätzt sie noch immer die gesellige Runde. Sie selbst hat ein angefangenen Strumpf mitgebracht. "Zehn Paar Socken habe ich schon daheim", sagt Hochrein. Das jetzt begonnene Paar will sie noch bis Weihnachten fertig haben.
Lotte Hochrein kennt solche Stopfstuben noch aus ihrer Jugendzeit. In Pfändhausen, ihrem Geburtsort, hätten sich früher die Familien in der Winterzeit getroffen - zum Stricken und zum Spinnen, kann sie sich erinnern. Von Haus zu Haus gingen die regelmäßigen Treffen.

Claudia Koch nutzt die Stopfstube als gute Gelegenheit, ihre Näharbeiten zu erledigen. Sie hat eine ganze Tüte mit mit Pullovern mitgebracht, an denen Nähte oder sonstiges genäht werden müssen. Dringende Hilfe hat auch der Teddybär Stefan nötig. Er ist Thomas Seuberlings Kuscheltier aus Kindertagen. "Mein Teddy ist arg abgeliebt", sagt der 37-jährige und will deshalb retten, was noch zu retten ist. Ein hängendes Ohr näht er an diesem Abend an. Auch der Teddy-Schlafanzug wird ausgebessert.

Strickbegeistert seit 30 Jahren

Weiterer Mann in der gemütlichen Handarbeitsrunde ist Rainer Mößner, ein echter Profi. Er strickt und häkelt seit seiner Münchner WG-Zeit. Das sind jetzt 31 Jahre her. "Weil alle Frauen gestrickt haben, habe ich mir gesagt, das ist nicht schwer". Seitdem strickt und häkelt er: In der Stopfstube begann er mit einer Mütze. Auch Bärbel Fürst arbeitet an einer Mütze für ihre Nichte. Die Münnerstädterin macht begeistert Handarbeiten. "In den letzten drei Wochen habe ich eine Jacke und zwei Schals gstrickt".

Mode der 50er Jahre

Während die einen Stricken und Stopfen, sind andere gekommen, um einfach einen gemütlichen Abend zu verbringen. Auf dem Tisch stehen mitgebrachte Plätzchen, Kuchen, Knabbereien. Wein, Bier, Wasser, Tee und Eierlikör machen die Runde.

Mia Hochrein zeigt ihre neuste Errungenschaft - alte Handarbeitszeitschriften aus den 50er Jahren. Die hat sie im Tierheimlädle in Bad Kissingen entdeckt. Manche dieser alten Mustervorschläge könnte man bis heute gut tragen. Andere wären eher weniger geeignet, wie die Badeanzüge und Badehosen aus Strick, sind aber gut für die Stimmung beim Stopftreff.

Gezeigt hat sich auch, dass Stopfstuben gar nicht so ungefährlich sind. Eine Teilnehmerin hat sich nämlich in ihre eigene Stricknadel gesetzt.Glücklicherweise gab es nur einen ordentlichen Pieks.