Man traf sich in fast trauter Runde, erhielt Informationen und tauschte sich aus. Was die traute Runde einte, war die Pflege von demenzkranken Angehörigen. Daniela Wehner von der Caritas-Fachstelle für pflegende Angehörige leitete einen Kurs, der das Ziel hat, "die Pflegefähigkeit von Angehörigen zu fördern, zu unterstützen und zu erhalten", denn auch sie brauchen Hilfe.

Öffentlich möchte man nicht in Erscheinung treten, obwohl man mit dem Thema Demenz offen umgeht. Aber in der Allgemeinheit herrschen doch noch viele Vorurteile. Die Gruppe aber weiß Bescheid. Niemand muss sich lange erklären, alle kennen die Problematik. Es ist ein bisschen wie eine Selbsthilfegruppe.


Hilferufe ohne Grund

Eine Frau schilderte ihre Erlebnisse mit ihrer Schwiegermutter, die im gleichen Haus, aber in ihrer eigenen Wohnung wohnt. Nachts ruft sie um "Hilfe, ohne zu wissen, warum". Morgens wird sie von ihrem Sohn oder ihrer Schwiegertochter gewaschen, angekleidet und bekommt ihr Frühstück sowie ihre Medikamente. Den Tag verbringt sie beim ambulanten Pflegedienst. Um 16 Uhr ist sie wieder zuhause und ruft um "Hilfe, ohne zu wissen, warum". Nach dem Abendessen waschen ihr Sohn und ihre Schwiegertochter sie wieder und bringen sie um 21 Uhr ins Bett. Alle eigenen Termine werden in die Zeit zwischen neun und 16 Uhr gelegt. An Urlaub ist nicht zu denken, selbst Einladungen von Freunden folgen zu können, muss durchorganisiert sein.

Bei dem Ehemann einer anderen Kursteilnehmerin hat die Demenz schon früh zugeschlagen; mit 60 Jahren wurde er frühverrentet. Die Rente reicht für den Lebensunterhalt nicht aus, sie muss halbtags noch arbeiten. "Ich muss 24 Stunden am Tag fit sein und bin inzwischen einfach überfordert", sagt sie. Unterstützung bekommt das Paar zwar, doch muss diese hart erkämpft sein. Die Einteilung in eine (höhere) Pflegestufe ist für manchen Betroffenen ein Hürdenlauf, für den neben der täglichen Pflege kaum Zeit und Energie übrig ist. "Da hat man den Kopf nicht dazu."

Der Bedarf an Unterstützung wird von Mitarbeitern des Medizinischen Diensts der Krankenkassen (MDK) überprüft. Für jede Verrichtung, die der zu Pflegende nicht mehr selbst ausführen kann, wird eine bestimmte Zeit veranschlagt. Für Waschen und Baden beispielsweise 20 bis 25 Minuten pro Tag. In der Zeit ist das mehrmalige Auffordern, Erklären und Überzeugen allerdings noch nicht mit inbegriffen. Die "aktivierende Pflege", das heißt, den Demenz-Kranken noch so viel wie möglich selbst tun lassen, braucht mehr Zeit, weiß Daniela Wehner. "Ein bis zwei Minuten für "Aufstehen/Ins Bett bringen" - das ist lachhaft", empört sich eine Teilnehmerin mit Blick auf die MDK-Tabelle. "Ich bin ja keine versierte Pflegekraft."


Ein Pflegetagebuch ist wichtig

Dabei enthält die Pflege noch viel mehr, als ein Nicht-Betroffener meinen würde. Mancher Demenzkranke verweigert das Essen oder seine Medikamente. Ein anderer platziert sein Hörgerät in der Prothesenschale, ein weiterer fühlt sich von Personenfotos in seiner Wohnung verfolgt. So mancher Angehörige musste schon vorsichtshalber den Strom abstellen.

Eine "eingeschränkte Alltagskompetenz" reicht aus, um eine Pflegestufe und Unterstützung zu beantragen, sagt Daniela Wehner. Dies beginnt schon damit, wenn der Betroffene in der eigenen Wohnung nicht mehr weiß, wo das Bad ist. Man gehe "heute schon auf Demenz ein" sieht Daniela Wehner in der Einstellung des MDK eine Verbesserung. "Die Problematik ist inzwischen angekommen." Dennoch empfiehlt sie, ein Pflegetagebuch zu führen, oder wenigstens ein paar Notizen über die tägliche Pflege zu machen. Nach Antragstellung sollte beim Besuch des MDK eine weitere Vertrauensperson anwesend sein. Auf keinen Fall reicht es aus, den MDK mit dem Demenz-Kranken alleine sprechen zu lassen, da dieser sich selbst für fit hält und keinen Bedarf sieht.
Im Mittelpunkt des Kurses stand die psycho-soziale Dimension. Die Angehörigen erhielten Informationen, um ihre demenzkranken Verwandten besser verstehen können. Wichtig ist auch, sich nicht dem Anspruch von Perfektion stellen zu wollen.
Der Profit des Kurses zeigte sich bei den Teilnehmern schon bald. "Meine Einstellung hat sich geändert. Ich verstehe die Krankheit besser und weiß, dass meine Mutter das alles nicht mit Absicht macht." Der Sohn hat die Krankheit und ihren Verlauf akzeptiert und weiß: seine Mutter wird sich immer weiter zurückentwickeln. "... einfach eine blöde Krankheit." Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit liegt Daniela Wehner am Herzen. "Informationen sind das A und O, damit man etwas besser verstehen kann", betont sie. "Der Bedarf ist da."

Sowohl Betroffene und ihre Angehörigen, als auch Einrichtungen müssen in Sachen Demenz aufgeklärt und geschult werden. Gerade die Angehörigen benötigen mehr Unterstützung, denn diese "können oft nicht mehr und werden selbst krank". Die Möglichkeiten, Unterstützung zu bekommen, sind vielfältig. "Das muss man alles erst mal wissen" , sagt eine Teilnehmerin.

Kontaktmöglichkeiten

Eine Demenz-Hotline gibt es im Landkreis nicht, doch steht Daniela Wehner telefonisch mit Rat und Wissen über den Pflegealltag, Entlastungsmöglichkeiten, der "Aktion Pflegpartner" und allem zum Thema Demenz zur Verfügung. Tel: 0971-72469113 oder E-Mail: angehoerigenberatung@caritas-kissingen.de