Die Heiligenfeld-Kliniken sind mit 950 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber in der Region. In den vergangenen Jahren hat sich Mit-Begründer Dr. Joachim Galuska nach und nach aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, im Juni löste ihn Dr. Jörg Ziegler als Ärztlicher Direktor ab. Ziegler hat als Chefarzt die Orthopädisch-unfallchirurgische und onkologische Rehabilitation in der Luitpoldklinik aufgebaut. Die Einrichtung erhielt vor kurzem das Focus-Siegel "TOP-Rehaklinik 2017".

Herr Dr. Ziegler, Sie kommen eigentlich aus der Orthopädie und Unfallchirurgie, wie hat es Sie in den Reha-Bereich verschlagen?
Mich hat schon immer die konservative, also die nicht-operative Orthopädie interessiert. Dieses Feld wurde im Krankenhaus leider weitgehend durch die operativen Behandlungsansätze verdrängt. Also blieb entweder eine Niederlassung als ambulanter Orthopäde oder die Arbeit in einer Reha-Klinik. Weil mir schon immer wichtig war, in und mit einem Team für Patienten zu arbeiten, und mich gereizt hat, dieses auch zu leiten, habe ich mich für die Reha-Medizin entschieden. Diesen Schritt habe ich bis heute nie bereut.

Was ist das Schöne daran?
Der ganzheitliche Therapieansatz, das heißt, nicht nur die Erkrankung selbst zu behandeln, sondern auch die Krankheitsfolgen im sozialen und beruflichen Kontext zu reflektieren und individuelle Hilfestellungen anzubieten, macht viel Freude.

Was hat Sie 2010 am Standort Bad Kissingen besonders gereizt?
Primär war es das Interesse an Heiligenfeld, also nicht eine Standortentscheidung. Die Stellenausschreibung für die Chefarztposition der Luitpoldklinik hat mich interessiert, weil Heiligenfeld in seiner Unternehmensphilosophie die Mitarbeiterorientierung wichtig ist. Nach jetzt sieben Jahren kann ich aber mit wirklicher Überzeugung sagen, dass Bad Kissingen beziehungsweise Garitz sowohl mit seiner Infrastruktur als auch mit seiner Umgebung ein attraktiver und lebenswerter Standort für Familien ist.
Heiligenfeld wird von außen für den Laien eher als psychosomatische Klinikgruppe wahrgenommen, wie passen Sie da ins System?
Das ist überregional so zutreffend. Das Kerngeschäft von Heiligenfeld ist und bleibt die stationäre psychosomatische Akut- und Reha-Behandlung. Aber regional und insbesondere in Bad Kissingen wird Heiligenfeld über die Luitpoldklinik auch als Kompetenzzentrum für die orthopädisch-unfallchirurgische und onkologische Rehabilitation wahrgenommen. Vor genau zehn Jahren hat Heiligenfeld durch die Übernahme der damals insolventen Luitpoldklinik seine Geschäftsbereiche erweitert. Dadurch wurde zum einen die somatische, also die körpermedizinische Versorgung der Patienten in den psychosomatischen Kliniken optimiert, zum anderen ist es mit dem neuen Geschäftsfeld gelungen, sich in Bad Kissingen und in der Region stärker zu integrieren.

Das bedeutet konkret?
Eine psychosomatische Erkrankung ist ja leider immer noch oft mit einer Stigmatisierung verbunden. Das ist nach wie vor ein gesellschaftliches Problem, auch wenn sich das langsam wandelt. Psychosomatische Patienten gehen typischerweise nicht nahe des Heimatortes in eine Klinik. In der Luitpoldklinik dagegen wurden im vergangenen Jahr knapp 2300 Patienten rehabilitiert, über 80 Prozent kamen aus den Landkreisen Bad Kissingen, Rhön-Grabfeld, Schweinfurt, Würzburg und auch aus dem Raum Bamberg. Heiligenfeld ist so für die regionale Bevölkerung zugänglicher geworden.

Welche Rolle spielten Sie dabei?
Als Chefarzt der Luitpoldklinik war es meine Aufgabe, die Therapie- und Behandlungskonzepte für unsere Reha-Patienten mit dem gesamten Team weiterzuentwickeln und die Luitpoldklinik in die Strukturen von Heiligenfeld zu integrieren. Rückblickend scheint dies gut gelungen zu sein.

Ist die Stelle als Ärztlicher Direktor eine ganz neue Welt?
Es ist eine andere Welt. Als Ärztlicher Direktor bin ich zuständig für die medizinisch-therapeutischen Bereiche aller Heiligenfeld-Kliniken mit Ausnahme der in Bad Grönenbach. Konkret sind dies die vier Kliniken in Bad Kissingen sowie die Kliniken in Uffenheim, Waldmünchen und ab September Berlin. Dafür ist es notwendig, mich in Managementaufgaben weiter einzuarbeiten, etwa die komplexen Kostenträgerstrukturen im Gesundheitssystem, das ärztlich-therapeutische Personalmanagement oder das betriebliche Gesundheitsmanagement.

Was ist die größte Herausforderung dabei?
Was letztendlich die größte Herausforderung sein wird, ist schwer zu sagen. Dafür ist das System zu komplex und viele Bereiche sind eng miteinander verzahnt. Eine wichtige Aufgabe wird sein, die Arbeitsbedingungen an den sich wandelnden Ärzte- und Psychologen-Markt anzupassen. Wir haben den Generationswechsel von X auf Y. Junge Menschen haben oft eine ganz andere Einstellung zum Beruf. In der Medizin sind mittlerweile 70 Prozent der Studienabgänger weiblich. Familie und Beruf müssen sich in Einklang bringen lassen. Wie können wir zum Beispiel hoch qualifizierte Mütter in Führungspositionen entwickeln? Heiligenfeld war hier sicher schon immer Vordenker, aber dieses Feld ist dynamisch und wir müssen weiter daran arbeiten.

Haben Sie überhaupt noch mit Patienten zu tun?
Im operativen Geschäft habe ich in der Regel keinen direkten Kontakt mehr mit Patienten. Dr. Paraschou, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, ist seit 2014 Oberarzt in der Luitpoldklinik und hat als Leitender Arzt die orthopädisch-unfallchirurgischen Abteilung übernommen. Weil wir schon drei Jahre eng zusammenarbeiten, fällt mir das Loslassen leichter. Die Abteilung ist bei ihm in guten Händen.

Ihr Vorgänger war Heiligenfeld-Mitbegründer Dr. Galuska, flößen diese großen Fußstapfen nicht Ehrfurcht ein?
Das bin ich schon mehrfach gefragt worden. Es ist aber nicht mein Anspruch, in seine Fußstapfen zu treten. Dr. Galuska hat die Heiligenfeld Kliniken nicht nur mit Fritz Lang gegründet, sondern als Gesellschafter, Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor visionär entwickelt. Ich habe ja nur einen Teil seiner Verantwortung übernommen. Ich kann und werde als neuer Ärztlicher Direktor andere Akzente setzen. Ich sehe mich als Struktur- und Impulsgeber. Die Kliniken müssen sich differenzierter weiterentwickeln. Dies ist erforderlich unter Berücksichtigung der Expansion von Heiligenfeld mit bald acht Kliniken und der komplexer werdenden Rahmenbedingungen im Gesundheitssystem.

Gibt es Unterstützung und Tipps vom Vorgänger?
Die Luitpoldklinik Heiligenfeld habe ich in enger und vertrauensvoller Abstimmung mit Dr. Galuska geleitet, das verbindet. Als Vorsitzender der Geschäftsführung wird er mich weiter begleiten und beraten.

Das nächste Einzelprojekt ist Berlin, wie weit sind Sie dort?
Im September wird die Heiligenfeld-Klinik Berlin offiziell eröffnet. Die ersten Patienten werden in der zweiten Septemberhälfte erwartet. Die Klinik befindet sich auf dem Gelände des Unfallkrankenhauses Berlin und wurde für die Bedarfe einer modernen Psychosomatischen Klinik ausgerichtet. Es werden vornehmlich Privatversicherte und Selbstzahler behandelt. Zudem werden Versicherte der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, also der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen, aufgenommen.

Und Ihre Aufgabe dabei?
Das medizinisch-therapeutische Leitungsteam in Berlin um unseren neuen Chefarzt Sven Steffes-Holländer steht bereits. Ich bin in engem Kontakt mit ihm, um ihn zu unterstützen und mit den heiligenfeldspezifischen Strukturen vertraut zu machen. Grundsätzlich ist eine Klinik-Neueröffnung ein dynamischer Prozess, der einer engen Abstimmung bedarf.

Was steht zudem strategisch an?
Da gibt es jede Menge, worüber ich heute nicht sprechen kann und möchte. Ganz aktuell ist das ambulante Therapieangebot der Luitpoldklinik Heiligenfeld um den Bereich "Reha-Sport" erweitert worden. Dadurch sind in der Klinik künftig neben ambulanten Physiotherapien auf Rezeptbasis auch Gruppentherapien über eine Verordnung für Rehabilitationssport möglich.

Und was würden Sie sich von der Politik wünschen?
Dass Patienten auch im Reha-Bereich ein uneingeschränktes Wunsch- und Wahlrecht hinsichtlich Auswahl der Reha-Klinik haben sollten. Der Patient ist ja eigentlich ein Kunde, dessen Bedürfnisse und Wünsche in seiner Krankheit begründet liegen. Im Akut-Bereich können sich Patienten glücklicherweise noch frei entscheiden, welchem Arzt oder welchem Krankenhaus sie vertrauen. Warum ist das nicht im Reha-Bereich so? Auch dort ist doch das Vertrauen der Patienten die beste Basis für eine erfolgreiche Therapie.

Privat Dr. Jörg Ziegler ist 42 Jahre alt und stammt aus Waiblingen bei Stuttgart. Der "württembergische Schwabe", wie er sich selbst bezeichnet, wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Garitz.

Ausbildung Nach dem Medizinstudium in Ulm folgte er seinem Doktorvater nach Dresden und machte am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus den Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. Danach leitete er in Dresden den Bereich Tumororthopädie.

Stationen Im Jahr 2009 wechselte Dr. Ziegler als Oberarzt einer orthopädisch-onkologischen Reha-Klinik nach Bad Oeynhausen. Eineinhalb Jahr später, im August 2010, wurde er Chefarzt der Luitpoldklinik Heiligenfeld. Zum 1. Juni dieses Jahres trat er zusätzlich die Stelle des Ärztlichen Direktors der Heiligenfeld Kliniken an. Zusatzqualifikationen hat sich Ziegler unter anderem in den Bereichen Sozial- und Sportmedizin, Manuelle Therapie sowie Physikalische Therapie und Balneologie erworben.