Wer in den 90ern musikalisch sozialisiert wurde, kam an der Königin des Pops nicht vorbei. Madonna erschuf sich immer wieder selbst - aber einer blieb sie über 15 Jahre treu: Niki Haris, ihrer Backgroundsängerin. Wenn es stimmen sollte, dass Haris sich damals auf ihre Solokarriere konzentrieren wollte, dann hat sie wohl alles richtig gemacht - meinten zumindest die Fans, die ihr in der Pianobühne Kleinhenz in Oberthulba zu Füßen lagen.

Es war die letzte Station einer Tournee mit dem Tamir-Hendelman-Trio, über London, Brüssel und Paris kamen die vier in die Rhön. Klavier, Bass, Schlagzeug: Tamir Hendelman, Nicola Sabato und Germain Cornet spielen seit einigen Jahren miteinander. Namensgeber Hendelman unterstützt seit 1997 die Großen der Szene bei ihren Audioaufnahmen, darunter Gladys Knight, Diana Krall und Paul McCartney. Der heimliche Star des Trios aber war - bei aller Professionalität der übrigen - der Schlagzeuger Germain Cornet. Ihm gelang es ganz lässig, das Trio samt Sängerin immer als Gruppe zusammenzuhalten, sie anzutreiben und, wenn nötig, zurückzupfeifen.

Erst mal zeigen, was man kann: Es ist das Schöne am Jazz, dass viele Combos auf Gassenhauer zurückgreifen, um bei den Soli die ausgetretenen Pfade von beispielsweise Frank Sinatras "Summerwind" zu verlassen. Fast schien es, als hätten die Zuschauer im proppenvollen Studio von Peter Kleinhenz vergessen, dass da ja noch ein Star angekündigt war.

Als Niki Haris dann erschien, war mit jedem Schritt in Highheels klar: Hier kommt Amerika! Gefühl! Aretha Franklin! Ausdruck! Ganz großes Entertainment! Samt direkter Ansprache der Männer in den ersten Reihen, Flirts mit hingerissenen Frauen. Und ohne Frage: Diese Stimme ist fantastisch. Glasklar, voll, ohne überzogenes Whitney-Houston-Drama-Vibrato, sie schwächelt weder in den Höhen, noch in den Tiefen. Ihre Lieder werden Stoßgebete oder Arien, gesungen von einer Bordsteinschwalbe oder einer Diva, ihr Repertoire an Verwandlung ist groß.

Doch Haris ist nicht nur eine große Soul- und Blues-Sängerin, sie versteht es, mit jeder Faser ihres Körpers Geschichten zu erzählen. Und die handeln meist vom Menschen, vom Straucheln, vom Aufstehen und vom Strahlen eines jeden, das sie an diesem Abend bei vielen Menschen entfachte. Hände, Gesicht, Körper, alles spielt mit, wenn sie von Tränen, Liebe und Verzweiflung singt.

Acht Songs sind nicht viel, die die herzerwärmende Frau in Oberthulba zurücklässt. Aber: Wenn nicht mehr ging, dann ist Klasse immer besser als Masse. So perfekt die Show gewesen ist, so hartnäckig bleibt allerdings zum Schluss eine Frage, die viele gerührt und auch verstört zurückließ: Was war das mit den Tränen im letzten Song? Waren die echt und wenn ja, warum? War sie selbst beseelt vom Abend? Oder einfach nur völlig k.o. von der Tour? Weinend verließ Niki Haris die Bühne, die Zugabe bestritt das Trio alleine. Es wäre schade, wenn auch diese Tränen zum Entertainment gehört hätten.