Den Spaß will den Euerdorfern niemand nehmen. Sie sollen im kommenden Jahr ruhig feiern, wenn sie wollen. Doch zugleich wissen alle, die die Geschichte der Saaleregion kennen, dass der Bezug auf 1300-Jahre Euerdorf auf wackligen Füssen steht.

Denn es gibt keinen urkundlichen Beleg für die Jahreszahl - anders als es für Hammelburg der Fall ist. Die Stadt kann sich auf eine Schenkungsurkunde aus dem Jahr 716 berufen. Damals vermachte Heden II., Spross eines ostfränkischen Adelsgeschlechts und Herzog des Herzogtums Thüringen, sein Erbgut an Erzbischof Willibrord vom Kloster Echternach.

Das Originaldokument existiert nicht mehr. Der Text ist aber als Abschrift in dem auf Pergament geschriebenen Band "Liber aureus Epternacensis" erhalten. Diese Urkundensammlung bewahrt heute die Forschungsbibliothek Gotha in ihren Beständen auf.

Der lateinische Text erwähnt Hammelburg gleich zweimal: Als Eingrenzung des Schenkungsgebiets "ad hamulo castellum" (bei Hammelburg) und als Ort des urkundlichen Akts selbst "Hamulo castello" (in Hammelburg). Euerdorf kommt in der Urkunde nicht vor, auch nicht in einer seiner frühen Bezeichnungen wie "Urithorpe". Darauf weist Dieter Vogler hin. "Es ist unbegreiflich, wie man in Euerdorf behaupten kann, eine Ersterwähnung des Ortes fand im Jahre 716 statt", sagt er.

Vogler hat aus Gotha digitale Kopien zweier Seiten des "Liber aureus Epternacensis" besorgt. Sie sind samt Übersetzung auf der Hammelburger Jubiläumsseite 1300-jahre-hammelburg.de für jeden zugänglich. "Der Leser wird feststellen, dass in der Schenkungsurkunde Euerdorf in keiner Weise erwähnt wird", meint Vogler.

Auch in der Fachliteratur, in der der Urkundentext besprochen wird, werde in keiner Weise auf Euerdorf hingewiesen. Wie Vogler erklärt, habe bereits im Jahre 1977 der damalige Kreisheimatpfleger Franz Warmuth in der Festschrift zu "Pfarrei und Kirche Euerdorf" geschrieben, dass außer "Hamulo castellum" kein anderer Ort in der Schenkungsurkunde genannt werde. "Zusätzlich schreibt er weiter auf Seite 10, dass ,Urithopfe‘ erstmals 780/796 schriftlich genannt wird."

Euerdorf sei das Festjahr 2016 gegönnt. Doch wünscht sich Vogler, dass die Gemeinde die historischen Zusammenhänge klarer herausstellt. Zumal auf der Internetseite der Gemeinde immer noch steht: "Am 18. April 716 wird Euerdorf - Urithorpe - in einer Schenkungs- urkunde des Herzog Hetan II. von Thüringen an den hl. Willibrord genannt."

Dass Euerdorf in der Schenkungsurkunde von 716 nicht vorkommt, bestätigen Historiker ebenfalls. Sie halten sich ansonsten lieber aus der Sache heraus. Vogler, der sich hobbymäßig mit der Hammelburger Geschichte befasst - "man kennt seine Heimatregion erst dann richtig, wenn man um die historischen Zusammenhänge weiß" - traut sich als Einziger an die Öffentlichkeit.


Interpretation der Geschichte

Das 1300-jährige Jubiläum von Euerdorf geht auf eine Interpretation zurück: Aus späteren Erwähnungen beziehungsweise aus einer späteren Schenkungsurkunde, die Besitztümer an der Saale Fulda zuschlug, wird rückgeschlossen, dass Euerdorf schon 716 existiert haben muss.

Dass das 1300-jährige Jubiläum auf einer Festlegung beruht, räumt Bürgermeisterin Patricia Schießer (CSU) auf Nachfrage ein. Es gebe Hinweise, dass es diese Jahreszahl sei. Schießer ergänzt: "Wir haben nie gesagt, dass wir 1300-Jahre ersturkundliche Erwähnung feiern."

Jubiläen, wie das Hammelburger, wurzeln normalerweise auf der frühesten urkundlichen Nennung eines Ortsnamens. Das heißt nicht, dass der Ort nicht schon früher existiert haben kann. Eine Urkunde bietet nur das erste fassbare Datum.

Die Mär von der frühen Ersterwähnung von Euerdorf kam wohl Ende des 19. Jahrhunderts in einer Ausarbeitung zur Geschichte des Marktes in die Welt. Euerdorf kann aber durchaus 1300 Jahre alt oder noch älter sein. Der Ort hatte unbestritten historische Bedeutung. Er stand im Laufe seiner Geschichte mehrmals vor der Entwicklung zur Stadt. Trotzdem beruht die 1300-Jahr-Feier auf einer Deutung und nicht auf einem Dokument.