Vor der Kommunalwahl hat der Grünen-Kreisverband ein bereits entschiedenes Thema wieder belebt: Der Hammelburger Kreis-Vorsitzende Tobias Eichelbrönner und Landratskandidatin Manuela Rottmann stellen den Grundsatz-Beschluss in Frage, einen neuen Schulcampus am Sportzentrum zu bauen. Sie fordern, zunächst aus ihrer Sicht noch offene Fragen zu klären, bevor weiter geplant wird. "Ich kann das nicht nachvollziehen", reagiert der Hammelburger Bürgermeister Armin Warmuth (CSU). Und auch CSU-Landrat Thomas Bold stellt sich hinter die Umzugspläne für die Schulen: "Ich bin überzeugt, dass es die beste Lösung ist."

Selbst innerhalb der Grünen sind die Meinungen offenbar gespalten: Die Kreisräte stellen den neuen Campus wohl nicht mehr in Frage: "Die Grünen-Fraktion steht hinter dem Beschluss", sagt die stellvertretende Landrätin und ehemalige Kreisvorsitzende Monika Horcher auf Anfrage. Die Entscheidung sei demokratisch gefallen. Aber: "Der Kreisverband kann ja anderer Meinung sein."

Nicht nur Baukosten betrachten

"Für die Grünen sind einige Fragen noch offen, insbesondere was die langfristigen Auswirkungen auf die Stadtentwicklung in Hammelburg angeht", heißt es in einer Mitteilung des Kreisverbandes. Die Grünen bemängeln eine "bloße Betrachtung der Baukosten" als Entscheidungsgrundlage. Zudem befürchtet Eichelbrönner, dass "Leben aus der Stadt abgezogen" werde: Zum einen würde der Schulweg vom nördlichsten Ende der Kernstadt auf mehr als drei Kilometer verlängert. Damit müsste der Landkreis für die Schüler sogar einen Busverkehr anbieten. Zudem werde der Fußweg in die Innenstadt länger: "Junges Leben, das die Schulen jeden Tag in die Stadt bringen, drängen wir dann nach draußen."

Nutzungskonzept gefordert

Den Grünen fehlt auch ein Nachnutzungskonzept für die jetzigen Schul-Standorte: "Ist es wirklich realistisch, dass die ganze Fläche bewohnt und belebt werden wird?" Eichelbrönner sieht "enormen Klärungsbedarf". Vor allem wehren sich die Grünen gegen die Pläne, den Architekten-Wettbewerb bald auszuschreiben: "Nachdem die Sanierung für viele Jahre am alten Standort geplant wurde, wird jetzt beim Neubau ein Zeitdruck aufgebaut, welcher der Tragweite der Entscheidung nicht gerecht wird." Aus Sicht der Grünen müssten zunächst die Kosten für den Abriss der Gebäude samt Schutzbunker und die Erschließung des neuen Campus auf den Tisch.

Die Hammelburger Bundestagsabgeordnete und Landratskandidatin Manuela Rottmann kann nach eigenen Worten die Gründe für einen Umzug zwar nachvollziehen, insbesondere den Bau ohne Beeinträchtigung des Schulbetriebs. "Wir können aber in unserer Region nicht mehr immer weiter den einfacheren Weg gehen und uns immer mehr in die Fläche ausbreiten." Zum einen verweist sie auf steigende Kosten für die Erhaltung der Infrastruktur, zum anderen habe der Landkreis eine Vorbildfunktion: "Es ist kein gutes Signal, wenn die öffentliche Hand sich nicht traut, im Bestand zu sanieren, aber gleichzeitig solche Initiativen von privaten Investoren wünscht."

Strikter Widerspruch kommt von Landrat Bold: "Der neue Schulcampus ist ein Glücksfall für die Stadt", kommentiert er die städtebaulichen Möglichkeiten. Der Campus sei auch kein Verbrauch neuer Flächen, weil die Stadt das Gebiet bereits im Flächennutzungsplan als Wohn- und Gewerbeflächen vorgesehen hat. Eigentlich gehe es um einen Tausch: "Die Schüler sind vielleicht weiter weg, aber dafür entstehen Wohnungen näher an der Innenstadt", betont Bold.

"Die Entwicklung des Bereichs Hochstein wird seit Jahrzehnten diskutiert", bestätigt auch Bürgermeister Warmuth. Es handle sich um "die einzige echte Entwicklungsmöglichkeit der Stadt." Bold und Warmuth sind sich einig, dass die drei Schulen am neuen Standort kürzere Wege ins Sportzentrum haben und die pädagogischen Konzepte dort besser verwirklicht werden können.

Weil der Campus nur rund 500 Meter von den aktuellen Schul-Standorten entfernt ist, befürchtet Warmuth keine Gefahr, Leben aus der Stadt abzuziehen. Für die Flächen am bisherigen Standort (alleine am Gymnasium werden zwei Hektar frei) sieht der Bürgermeister große Chancen. Aber: "Da können wir uns in aller Ruhe Gedanken machen." Der Bürgermeister schlägt einen städtebaulichen Wettbewerb für das Gebiet vor.

Mehr Sicherheit

Landrat Bold verweist darauf, dass selbst bei einer Sanierung der Busbahnhof vermutlich ans Sportzentrum verlegt worden wäre. Der neue Campus mit neu gebauter Straßenanbindung erhöhe die Verkehrssicherheit erheblich. Auch während der Bauarbeiten sei ein Neubau sicherer: Den Bestand in vier Abschnitten zu sanieren würde viele Baustellen und den Verkehr dorthin bedeuten. Zudem wären laut Bauverwaltung teure Provisorien und Container notwendig.

Das Konzept für den neuen Campus soll im Rahmen des Architektur-Wettbewerbs entstehen: Im städtebaulichen Teil geht es um die Lage der drei Schulen und der Sportstätten, konkret gestaltet werden vorerst nur Gymnasium, Mensa und die Zweifach-Turnhalle. Bereits bei der Vorstellung des Konzepts war klar, dass es noch mindestens fünf Jahre dauert, bis das neue Gymnasium den Unterrichtsbetrieb aufnimmt. Während des Baus könnte dann laut Bold die neue Realschule geplant werden. Trotz Erweiterungen und des Anbaus von vier Klassenzimmern sieht der Landkreis bei der Realschule aus den 1970er Jahren Handlungsbedarf. Aber: "Diese Entscheidung ist dann in zehn oder 15 Jahren zu treffen."

Keine Kritik lässt der Landrat am Entscheidungsverfahren zu: Über den neuen Schulcampus und den Umzug der Schulen sei zwar nicht explizit öffentlich abgestimmt worden, bestätigt er auf Nachfrage, aber der dazugehörige Grundstückserwerb sei mehrfach beraten worden: Bereits im Mai 2019 nichtöffentlich im Kreisausschuss, im Juli habe der Kreistag dann einstimmig - also auch mit den Stimmen der Grünen-Fraktion - dem Kauf der notwendigen Grundstücke für insgesamt rund zwei Millionen Euro gebilligt.

Auch hinter die Aussagen der Bauabteilung in der Dezember-Sitzung des Kreistages stellt sich die Führung des Landratsamtes: "Das war nicht falsch, sondern es war der Eindruck nach dem Besuch der Schulbau-Messe", kommentiert Jurist Thomas Schoenwald die Aussagen zum Passivhaus-Standard. Unabhängig von der offiziellen Stellungnahme der Stadt Frankfurt (wir berichteten), sei die Verwaltung in zahlreichen Gesprächen mit Experten zur Empfehlung gekommen, "dass wir uns bei der Ausschreibung des neuen Schulcampus' nicht von vornherein durch die Festlegung auf den Passivhaus-Standard selbst zu sehr beschränken sollten".

Verhandlungen stehen noch aus

Klar ist auch für den Landrat, dass noch etliche Fragen zu klären sind: Mit der Bauleitplanung müsse die Behörde jedoch zunächst auf das Ergebnis des Architekten-Wettbewerbs warten. Beschlossen und vertraglich geregelt sei, dass der Kreis die Kosten übernimmt, die Planungshoheit aber bei der Stadt bleibe. Wer am Ende die Erschließung zahlt und zu welchen Konditionen die Flächen der jetzigen Schulen an die Stadt übergeben werden, sei noch völlig offen. "Das müssen wir alles noch aushandeln, aber dafür ist ja auch noch viel Zeit", sagt Bold. Auf den Grundsatz-Beschluss habe das jedoch schon alleine deshalb keine Auswirkungen, weil die Kosten deutlich niedriger seien als die geschätzten Baukosten von 30 Millionen Euro alleine für ein neues Gymnasium.