So manche Geschichte nimmt ihren Anfang im Wirtshaus. Diese hier beginnt mit einem Wirtshaus, einem neuen Wirtshaus. Mit diesem entstand vor 300 Jahren eine neue Ortschaft: Neuwirtshaus.

"Die, die hier aufgewachsen sind, haben einen starken Bezug zum Ort", sagt Kurt Hornung. Er, Lothar Bold und einige weitere Mitstreiter wollen die Ortsgeschichte zum Jubiläum in Erinnerung rufen. So bereiten sie eine kleine Ausstellung und eine Feier vor. Und Brenner Bold verkauft 300 Flaschen eines speziellen Jubiläumsbrands aus Roggen, dem Getreide, das schon immer in der Gegend angebaut wurde, wie er erklärt.

Wann die Feier stattfindet, soll allerdings nicht in der Zeitung stehen. Die heutigen und früheren Neuwirtshäuser wollen bei dem Fest mit den Schwärzelbachern unter sich bleiben und keinen Besucheransturm erleben. Schließlich hat das Dorf, Haupt- und Zweitwohnsitze zusammengenommen, nur etwa 100 Einwohner. "Zu meiner Jugendzeit in den 1970er Jahren waren es noch etwa 160 Einwohner", sagt Bold. Ihm und Hornung ist es dennoch wichtig, dass die Öffentlichkeit zum Jubiläum zumindest von der Geschichte von Neuwirtshaus erfährt.

Denn Neuwirtshaus - heute wohl am ehesten ein Begriff durch den Hühnerhof der Familie Vogler oder das Sägewerk Baier - hatte für seine Größe einst doch einiges zu bieten. Es gab mehrere Handwerksbetriebe wie Schreinerei und Schmiede. Auch einen Laden zählt Hornung auf, und sogar eine Tankstelle, da früher viel Verkehr durch den Ort zog.

Bis zum Bau der Autobahn Ende der 1960er Jahre lag Neuwirtshaus auf der Hauptachse zwischen Hammelburg und Fulda. Als Kind habe er 70, 80 Autos ohne Unterbrechung zählen können, erzählt Bold. Mit der Eröffnung der Autobahn waren die weg - und der Lärm. Weil das so ungewohnt war, habe man die ersten paar Nächte nicht schlafen können.

Einmal im Jahr bekommt Neuwirtshaus heute noch kurz großen Zulauf: Es hat eine sehr lange Tradition, dass die Walldürn-Wallfahrer aus Fulda dort Station machen bei Kaffee und Kuchen.

Viel Trubel gab es auch 1971 und 1991 bei den Gauschützenfesten zum Jahrestag des 1921 gegründeten Schützenvereins Almrausch Neuwirtshaus. Der Verein ist 1978 nach Schwärzelbach gezogen. Dort hat er seine Schießanlage.

Eine eigene Schule gehörte bis Anfang der 1970er Jahre zum Dorfbild. "Mein Jahrgang war der letzte, der noch acht Volksschuljahre machen musste", sagt Bold. Die ganzen acht Schuljahre absolvierte er in Neuwirtshaus. Auf dem Schulgebäude war eine Glocke aufgesetzt. Sie habe um 6, 12 und 18 Uhr geläutet, da in Neuwirtshaus keine eigene Kirche steht. Die ist in Schwärzelbach zu finden. Sowieso war Neuwirtshaus schon immer Schwärzelbach zugeordnet. Die Ortsgründung geht auch auf einen Schwärzelbacher Bürger zurück: Stophel Bohlig. Im Jahr 1719 erteilte die Fuldaer Regierung ihm die Erlaubnis, nordöstlich von Schwärzelbach ein Haus zu bauen und dort eine Wirtschaft einzurichten.

Originalquellen dazu lassen sich heute nicht mehr auftreiben, wie Roland Heinlein erklärt. Der Kreisheimatpfleger versuchte die Neuwirtshäuser mit einer Recherche zu unterstützen. Doch aus den Staatsarchiven in Marburg und Würzburg erfuhr er, dass keine Akten mehr vorhanden sind. Sie sind wohl im Krieg oder der unmittelbaren Nachkriegszeit verloren gegangen. Als einzige Quelle bleibt ein Aufsatz des Heimatforschers Heinrich Ullrich. Der habe die Originaldokumente noch studieren können, sagt Heinlein.

In dem Aufsatz heißt es über Bohlig: "Dieser vermutete mit Recht, dass eine Wirtschaft an der etwa 20 Minuten östlich seines Heimatortes vorbeiziehenden Straße Fulda-Hammelburg gute Erträgnisse abwerfen würde, da auf der 12 Km langen Strecke Geiersnest-Untererthal keine einzige Gelegenheit geboten war, sich an Speise und Trank zu laben oder gar zu nächtigen." Bohlig begann noch 1719 mit dem Bau.

Es habe aber gedauert, bis sich ein Nachbargebäude dazu gesellte: Ab 1764 diente ein Jagdhaus den Fuldaer Bischöfen, ihrem Gefolge und ihren Jagdgästen als Quartier. Später wurde das Jagdhaus zum Forstamt.

"Im Jahre 1832 hatte die Siedlung 9 Wohnhäuser, die von 13 Familien und 71 Seelen bewohnt wurden", ist bei Ullrich zu lesen. Im Laufe der Zeit entstanden weitere Häuser und sogar eine Gendarmeriestation.

Das Wirtshaus war bis zum Ersten Weltkrieg geöffnet. Es gab dann bis 1963 im Nachbarhaus eine Wirtschaft und dann noch einige Jahre lang eine Wirtschaft etwas weiter die Straße rauf. Heute gibt es in Neuwirtshaus kein Wirtshaus mehr. Aber das Gebäude, mit dem alles begann, steht noch: Über dem Eingang zum Kellergewölbe des mit Schindeln bedeckten und denkmalgeschützten Hauses ist im Stein die Jahreszahl 1719 zu entziffern.