Die Saalestadt bemüht sich mit zahlreichen Attraktionen um Touristen und Gäste aus der Region. Weinfestivitäten, Konzerte, das "Höflesfest", der Altstadt-Advent, Kunstausstellungen und "Hammelburg moves" locken viele Besucher in die Stadt. In ereignisarmen Wochen bleiben die Interessenten allerdings aus.


Am Abend ist nur wenig los

"Hammelburg ist tot", stellt ein Gast verdrossen in seiner Stammkneipe an einem tristen Novemberabend fest. Zu Recht. Die Straßen sind leergefegt, in den Gaststätten geht meist wenig. Von gelegentlichen Live-Events im "Irish Pub", der "Wandelbar" oder der "Wirtschaft am Viehmarkt" abgesehen, läuft in diesen Tagen nicht viel in der ältesten Weinstadt Frankens.
Der Weißbiertrinker, Jahrgang 1951, erinnert an frühere Zeiten. "Mann, damals ging noch die Post ab - in den 60er und 70er Jahren. Weißt du noch? In der Eisdiele, der Kupferkanne und im Bayerischen Hof?" In der Tat. Mit drei Diskotheken war die Saalestadt ein begehrter Treff für eine Fan-Gemeinde aus der ganzen Region.
Gleichaltrige pflichten dem Stammgast bei. Hammelburg war in der damaligen Musikszene der "Nabel von Unterfranken", die Bahnhofstraße am Freitag- und Samstagabend die "Flaniermeile". Selbst zu den GIs - den in Bad Kissingen, Schweinfurt und Würzburg stationierten US-Soldaten - drang die Kunde vom "Musik-Mekka H-Town" (Hammelburg). Sie scheuten weder Wege noch Geld, um "ihren" Sound zu hören.
An diese Zeiten will die "Eisdielen-Revival-Party" erinnern, die immer wieder mal im Bocksbeutelkeller stattfindet. Die Musik, die die DJs präsentieren, ist zwar nicht immer identisch mit dem "typischen Eisdielen-Sound", doch die Ansätze sind klar erkennbar: Woodstock und die Vorbilder der sechziger und siebziger Jahre.
Welche Vorbilder denn? Rebellische Jugendliche suchten seinerzeit nach Motiven für ihren Protest gegen "das Establishment" - in der Musik wie in der Politik. Joan Baez, Bob Dylan oder Franz-Josef Degenhardt hießen die Idole im musikalischen Bereich. Politisch Orientierte wählten Fidel Castro, "Che" Guevara oder Mao Tse-tung zu ihren Favoriten. Jeder wusste, wer der 18-Jährige war, der Freitagabends - die "Mao-Bibel" schwenkend - in die Eisdiele kam und die hehren Worte des "großen Vorsitzenden" verkündete. Und jeder kannte den wilden Kerl an der Bar, der nach dem dritten "Jack-Cola" mit in die Luft gestoßener Faust den Schlachtruf Fidel Castros schmetterte: "Hasta la victoria para siempre, Companeros - der Sieg gehört für immer uns, Kameraden." Den Background lieferten Led Zeppelin, Pink Floyd und Carlos Santana.


"Kanne" erreichte Kultstatus

Weitaus mehr "gesittet" ging es in der Kupferkanne zu, dem Ex-Kino der Familien Alberti-Förderer zwischen Marktplatz und Bahnhofstraße. Gut eineinhalb Jahre vor der Eisdiele eröffnet, legte Inhaber Arthur Welch in seinem Tanz-Café Wert auf gediegenes Erscheinen. Turnschuhe und Jeans gingen hier gar nicht. Und wer ohne Schlips kam, konnte sich einen an der Garderobe ausleihen.
DJ Peter G. - heute noch aktiv - holte mit deutschen Schlagern, Pop und Rockmusik, Rock 'n' Roll, Soul und Oldies die Gäste in die "Kanne". Der strenge Dressing-Code weichte in den 80er Jahren auf, als übende, ausländische Soldaten vom Lager Hammelburg Eintritt begehrten mit dem Befehlshinweis, dass sie nur im Kampfanzug ausgehen dürfen. Die "Kanne", die - wie die "Eisdiele" - einen Kultstatus erreichte, schloss Mitte der 90er Jahre. Der "Holzwurm" im Bayerischen Hof zog als zuletzt eröffnete Diskothek in den 70er Jahren nach. An der Endstation des Hammelburger "walk of fame" waren die Liebhaber von Foxtrott aber auch Mainstream, Classic Rock und Schmuse-Musik zuhause. Songs von Abba, der Goombay Dance Band, Dschingis Khan und ähnlicher Gruppen bildeten die Favoriten eines bunt gemischten Programms, das vorrangig die DJs Brian und Joe bestritten.
Kneipen wie das "Schnauferl", die "T-Stube", die "Alte Bank" und der "Check Point" flankierten die Szenerie in Hammelburg, das damals als "Sound-City" in die Annalen einging. Hier fanden sich Hochzeitspaare, Bundeswehr-Soldaten erlebten das Nachtleben hautnah, und die "68er" denken mit Wehmut an diese Tage zurück.
Die Revival-Party im Bocksbeutelkeller bildet den Ausschnitt einer Ära ab, von dem Insider behaupten: "Wer nicht dabei war, hat etwas verpasst."