Der Durchgangsverkehr in der Bahnhofstraße ärgert Hans-Günther Schlüter schon länger. Bereits im Herbst 2012 übergab er dem damaligen Bürgermeister Ernst Stross (SPD) Unterschriftenlisten, um seine Forderung nach Verkehrsmaßnahmen zu untermauern. Seitdem erinnert Schlüter immer wieder an sein Anliegen.

Kurz vor den Sommerferien richteten sich nun auch Anwohner aus dem Kreuzungsbereich Von-Hess-Straße/ Dalbergstraße an Bürgermeister und Stadtrat. Mit rund 100 Unterschriften baten sie darum, der "unbefriedigenden Verkehrssituation nachhaltig entgegenzuwirken". Insbesondere schlugen sie mehr Polizeikontrollen vor.
Denn viele Auto- und Motorradfahrer nutzen die Von-Hess-Straße, eigentlich eine Anliegerstraße, laut den Anwohnern als Durchgangsstrecke. Die Spielstraße im Kreuzungsbereich werde nicht beachtet. Das führe zu gefährlichen Situationen, da die Straßen links und rechts oft zugeparkt seien.

Auch die Geschäftsinhaber haben ihre Wünsche: In der Bahnhofstraße zum Beispiel mahnen sie immer wieder mehr Parkplätze an. Dazu kommen die Interessen von Fußgängern, Rad- und Autofahrern.

Diese Gemengelage soll ein neues Verkehrskonzept lösen. Mit 14:9 Stimmen, sprach der Stadtrat sich grundsätzlich dafür aus. Das letzte, groß angelegte Verkehrsgutachten stammt aus dem Jahr 1988 (Büro Retzko und Topp). Danach gab es weitere Empfehlungen, auch von lokalen Akteuren. Die Meinungen, ob ein erneutes Gutachten notwendig ist, gingen jetzt daher weit auseinander. Die Situation in der Bahnhofstraße mit dem starken Durchgangsverkehr und den vielen Laden-Leerständen bildete die Kulisse für die Diskussion.

"Die Situation in der Bahnhofstraße kann nicht losgelöst betrachtet werden", sagte Bürgermeister Armin Warmuth (CSU) in der Stadtratssitzung. Jede Veränderung habe Auswirkungen auf andere Straßen. "Es ist nicht damit getan, zwei Schilder aufzustellen." Da die letzte Verkehrserhebung fast 30 Jahre zurückliegt, sprach Warmuth sich im Hinblick auf spätere Fördergelder für ein neues Gutachten aus. Er bezog sich dabei auf einen Antrag der Fraktionen CBB, SPD, Junge Liste und H.A.B. vom 21. Juli dieses Jahres.

Darin hatten die vier Fraktionen gefordert, "die Planung für die Sanierung der Bahnhofstraße jetzt in Angriff zu nehmen mit dem Ziel, die Bahnhofstraße im Frühjahr 2017 zu sanieren, um eine Attraktivitätssteigerung zu erlangen". Zwar erwähnte der Antrag, dass die - vor allem förderrechtliche - Notwendigkeit eines Verkehrsgutachtens geprüft werden muss, doch er zielte nicht hauptsächlich auf ein neues Gutachten ab. In der Vierer-Gruppe gibt es dazu schließlich unterschiedliche Meinungen. Den vier Fraktionen ging es vor allem um die Bahnhofstraße.

"Der Zug bezüglich Sanierung der Bahnhofstraße scheint langsam in Fahrt zu kommen. Zumindest dampft schon die Lokomotive", meinte Reimar Glückler (CBB). Doch sah er den angepeilten Termin 2017 in Gefahr, wenn zuvor ein Gutachten erstellt wird. "Alle Interessen unter einen Hut zu bringen wird niemand schaffen", sagte Glückler. Eine echte Lösung könne nur eine - nicht zur Debatte stehende - Nordumgehung bringen.


Lieber lokale Fachleute fragen

Glückler lehnte einen externen Experten ab. Stattdessen sollten lokale Fachleute, zum Beispiel von Behörden, der Polizei, der Gebietsverkehrswacht und vom ADAC, um Rat gefragt werden.

Christian Fenn (Junge Liste) argumentierte ebenfalls für ein Konzept "mit eigenen Mitteln". Fenn betonte: "Wir sind es, die sagen müssen, wie der Verkehr in der Stadt fließen soll."

Er zweifelte den Sinn eines externen Verkehrskonzepts an, weil er befürchtete, dass dieses ähnlich wie beim Entwurf für den Viehmarkt dann sowieso wieder durch eigene Vorstellungen verändert werde. Gegen ein Gutachten waren auch Thomas Reuter und Dominik Sitter (Bürgerliste Obereschenbach). Sitter sprach von "Gutachteritis", die in der Stadt herrsche. Zum möglichen Inhalt eines Konzepts sagte Florian Röthlein (Die Grünen): "Wenn der Durchgangsverkehr komplett wegfällt, wird es die Bahnhofstraße nicht beleben."

Dagegen begrüßte SPD-Fraktionssprecher Norbert Schaub eine fachliche Beratung. "Ich bin froh, dass das Verkehrskonzept heute auf der Tagesordnung steht", sagte er. Sein Konterpart von der CSU, Martin Wende, zeigte sich ebenfalls davon überzeugt, dass es gut sei ein Verkehrskonzept zu erstellen. Viele Knotenpunkte hätten sich verlagert. Wende erwähnte die Tankstellen und das Fachmarktzentrum, die ein Gutachten neu berücksichtigen muss.

Nebenbei versuchte Wende insbesondere Glückler und dem CBB die Rolle desjenigen streitig zu machen, der die Sache in Gang gebracht hat. Wende erklärte: "Ich habe den Antrag für nicht zielführend gehalten, weil wir uns alle bereits zuvor einig waren, die Bahnhofstraße anzupacken."

Nach der jetzigen Entscheidung für ein neues Verkehrskonzept will die Stadt den Auftrag noch in diesem Jahr ausschreiben, um ein Büro auszuwählen. Die Kosten für das Gutachten sollen zwischen 30 000 und 50 000 Euro liegen. Ab Frühjahr 2016, wenn die Viehmarkt-Baustelle weg ist, die die Verkehrsströme aktuell stört, soll die Verkehrszählung beginnen.

Das aktuelle Anliegen der Bewohner aus der Von-Hess-Straße bleibt damit auf die Zukunft verwiesen. Nach der Sitzung, die einige der Unterzeichner besucht hatten, waren sie enttäuscht, dass der Stadtrat auf ihre Bitte nicht konkret eingegangen war.


Lieber externe Fachleute fragen

Aus der Geschäftswelt spricht sich Sebastian Hose vom Verein für Wirtschaft und Stadtmarketing "dezidiert" für ein neues Verkehrskonzept aus. Vorstand und Beirat seien dafür, sagt er auf Nachfrage. Es brauche einen neutralen Experten, der unabhängig von hiesigen Interessen eine Lösung finden könne.

Dass solch ein Konzept auch unangenehme Empfehlungen enthalten kann, weiß Hose. Er sieht es als seine Aufgabe, die Ergebnisse dann zu vermitteln. Hose führt als wichtigstes Ziel an, dass der reine Durchgangsverkehr aus der Innenstadt verlegt werden muss. Dafür sei die Turnhouter Straße da.