"Im Gedenken an unseren Großvater, schon 1914 gefallen". Das hat ein Unbekannter aus Deutschland erst vor wenigen Tagen in das Besucherbuch des Kriegsgräberfriedhofs Noyers-Pont-Maugis im Norden Frankreichs geschrieben. Hier, bei Sedan, ruhen über 26 800 deutsche "Landser" der letzten beiden Weltkriege. Auch wenn sie vor vielen Jahren gefallen sind, sind sie doch noch nicht vergessen.

Das zeigt auch das Beispiel der Hammelburgerin Petra Richter. Für sie war es einst ganz wichtig, einmal am Grab ihres (Groß-)Onkels Bruno Schneider zu stehen. Denn der war und ist in ihrer Familie auch nach seinem Tod vor fast genau 72 Jahren präsent. Man sprach über ihn, an der Wand hingen Bilder von ihm, seine Fotos und Feldpostbriefe werden noch aufbewahrt und in Ehren gehalten.


"Für mich ganz wichtig"

Petra Richter war noch ein junges Mädchen, als sie mit ihrer Familie einen eintägigen Ausflug nach Andilly in Nordfrankreich unternahm. Dort hat Onkel Bruno mit 33 122 anderen Gefallenen eine letzte Ruhestätte gefunden. Dazu durfte die Schülerin sogar ausnahmsweise den Unterricht schwänzen.

Man habe das Grab auch gleich gefunden. Petra Richter heute: "Mich hat immer interessiert, wo Omas Zwillingsbruder liegt. Ich wollte das wissen; das war für mich ganz wichtig." Damals habe sie ein "ganz kommisches Gefühl" gehabt. Aufgefallen sei ihr, wie gepflegt die Anlage des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge war. Das habe sie gut gefunden.


Viele "putzen Klinken"

Das hat aber auch seinen Preis. Denn der Volksbund ist zur Finanzierung seiner Aufgaben - die Friedhöfe und deren Unterhalt ist nur eine von vielen - auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen. Deshalb schwärmen die Sammler in den nächsten Wochen wieder aus: Soldaten und Reservisten, Bundespolizisten, Schüler und Mitglieder von Traditionsverbänden gehen - alle Jahre wieder - "Klinken putzen".

Nach Angaben des bayerischen Landesgeschäftsführers Gerd Krause sind diese Sammlungen "unverzichtbar". 2015 seien alleine im Freistaat so 2,1 Millionen Euro zusammengekommen - ein Drittel des bundesweiten Aufkommens. Der Volksbund finanziere rund 70 Prozent seiner Ausgaben aus Spenden. Das zeige auch die Verbundenheit der Bevölkerung mit der Organisation und ihrer Arbeit. Die Bereitschaft, ein paar Euro zu geben, sei "ungebrochen". Allerdings fehle es mittlerweile immer mehr ans Sammlern. Auch müsse man abwarten, ob sich die neue Arbeitszeitregelung bei der Bundeswehr negativ auswirke.


Wichtige Mahnfunktion

Krause trat vehement Gerüchten entgegen, dem Volksbund drohe eine finanzielle Schieflage; er sei "absolut nicht in Bedrängnis". Zum einen überweise die Bundesregierung 13 Millionen Euro pro Jahr. Zum anderen seien 2015 bundesweit 14 Millionen Euro alleine aus Erbschaften geflossen. So erfreulich das ist, eine solide Finanzplanung ist damit allerdings nicht möglich.

Das sieht Landesvorsitzender Dr. Wilhelm Weidinger genauso. Er wies zudem auf eine weitere, nach seiner Ansicht besonders wichtige Aufgabe hin: Der Volksbund und die vom ihm betreuten Anlagen hätten gerade jetzt eine "Mahnfunktion": Auch gegen den aufkeimenden Fremdenhass und gegen "übersteigerten Rechtspopulismus".


Kleine Soldaten ganz groß

Viele besuchen die Region Verdun aus ganz anderen Gründen. Ein Ex-Soldat aus dem Landkreis Main-Spessart etwa will alles wissen über die furchtbare Schlacht vor 100 Jahren.

Martin Bek-Baier aus Rothenburg frönt seinem durchaus exotischen Hobby. Der Pastor fotografiert naturgetreue Miniatursoldaten und andere Puppen im Maßstab eins zu sechs vor einem realen Hintergrund. So kommen der kleine Infanterist "Max Müller" und sein französisches Gegenstück "Francois Dupont" bei Foto-Shootings ganz groß raus. Anders als ihre großen Vorbilder müssen sie nicht aufeinander schießen. Sie "wohnen" vielmehr - friedlich Seit' an Seit' - in Bek-Baiers Rucksack.

Der kam über seine Frau, die um die 300 Puppen besitzt, zu seiner nicht alltäglichen Freizeitbeschäftigung. Es handele sich nicht um Spielzeuge, sondern um hochwertige und entsprechend nicht ganz billige Sammlerfiguren, "an denen stimmt alles". Ihn, so Bek-Baier, fasziniere schon immer Geschichte. Die wolle er so für sich und auch für andere transparent machen. Hinzu komme noch der "künstlerisch-kreative Aspekt".


Friedhöfe und Gedenkstätten

An Gelegenheiten mangelt es nicht: In den Departements Meuse und Marne erinnern viele Friedhöfe, Gedenkstätten und Museen an das schreckliche Massaker vor 100 Jahren. Am bekanntesten ist wohl das Gebeinhaus von Douaumont bei Verdun. Hier haben mehr als 130 000 nicht identifizierte deutsche und französische Gefallene eine letzte Ruhestätte gefunden. Ein Besuch auf den blutdurchtränkten Schlachtfeldern oder auch in einer der Festungen lässt nur erahnen, was sie mitmachen mussten. Noch heute künden Granattrichter, Gräben und Sperren von den schrecklichen Ereignissen.


Verdun - die Hölle auf Erden

Geschichte Verdun war das Stalingrad des Ersten Weltkriegs - nur schlimmer. Es war die Hölle auf Erden. Die Schlacht im Norden Frankreichs begann am 21. Feburar 1916 und endete am 19. Dezember des selben Jahres. Es gab keinen "Sieger", der Frontverlauf wurde nur unwesentlich verändert. Beteiligt waren auf beiden Seiten 125 Divsionen und mehrere Tausend Geschütze aller Kaliber. Die Verluste addierten sich auf fast 720 000 Menschen. 167 000 Franzosen und 150 000 Deutsche fielen. Die Soldaten machten Schreckliches mit. Sie waren oft permanentem Trommelfeuer ausgesetzt, mussten stundenlang Gasmasken tragen, litten Hunger und - vor allem - Durst. Viele tranken aus Verzweiflung verseuchtes Wasser und erkrankten.

Spuren Noch heute ist die Region geprägt von den Kriegshandlungen. Rund 50 Millionen Granaten haben Spuren hinterlassen. Der Nachwelt erhalten sind Sperranlagen, Granattrichter, Schützengräben und massive Festungen. Noch heute finden sich dort Hinterlassenschaften der Gefechte.

Versöhnung Die Region steht aber auch symbolhaft für die Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Am Soldatenfriedhof Consenvoye legten 1984 Staatspräsident Francois Mitterrand und Kanzler Helmut Kohl gemeinsam einen Kranz nieder. Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande trafen sich Ende Mai 2016 zu Gedenkfeierlichkeiten in Verdun.

Ruhestätten Der Volksbund unterhält zwischen Sedan, Verdun und Reims mehrere Soldatenfriedhöfe für Gefallene der beiden Weltkriege. Ihre Pflege kostet Geld. Deshalb findet vom 21. Oktober bis 6. November die alljährliche Herbstsammlung statt. Ingesamt kümmert sich die humanitäre Organisation um 832 deutsche Soldatenfriedhöfe mit 2,7 Millionen Toten in aller Welt.