Waldemar Zellhan streckt zum Beweis den Zeigefinger der rechten Hand in die Luft: Das Publikum erkennt sofort, dass zwei, drei Glieder fehlen. Die Arbeit als Müller hatte einst so ihre Tücken.

Als er 1960 in der Dürrmühle in Obereschenbach Mottennester bekämpfen wollte, sei es passiert, erzählt Zellhan. "Bei laufender Maschine habe ich hineingegriffen." Ausgerechnet dann rutschte ein Transmissionsriemen ab und amputierte den Finger. Auch Wilfried Ebert erlebte in der Diebacher Mühle einen Schreckmoment. Unversehrt und um die Lektion reicher, nie mehr einen Riemen mit der Hand aufzulegen, befreite er sich damals aus der Klemme zwischen den Rädern.

Solche persönlichen Begebenheiten, die die Vergangenheit plastisch werden lassen, will die Reihe "erlebt und erzählt" dem Publikum präsentieren. Sie findet anlässlich des Stadtjubiläums nun einmal im Monat statt.
Die Reihe soll dem Geschichtskreis keine Konkurrenz machen, wie Bibliotheksleiterin Karin Wengerter erklärt, die die Idee zu der Veranstaltung hatte. Denn es gehe nicht um historische Fachvorträge. Vielmehr steht das jeweils ganz eigene, subjektive Geschichtserlebnis im Vordergrund. Die Zuhörer dürfen Fragen einwerfen, sodass im besten Fall eine lebendige Diskussion entsteht.

Das Format wird sich mit jeder Ausgabe weiter entwickeln. Verschiedene Themen stehen auf der Liste, zum Beispiel die Badschule oder das Winzerdasein in vergangenen Jahrzehnten. Auch die Historie der Brauereien, die es in der Weinstadt Hammelburg gab, wäre interessant, wie Wengerter meint. Es müssten sich nur erzählwillige Zeitzeugen melden. Die Bereitschaft dazu ist aber offenbar noch nicht sehr groß. Es sei schwierig Referenten zu finden, sagt Wengerter.

Waldemar Zellhan, Wilfried Ebert, Herbert Baus und Gottfried Manger machen daher den Anfang. Sie gehören zu den wenigen in der Region, die das Müllerhandwerk erlernten - auch wenn einige von ihnen später einen anderen Berufsweg einschlugen.

Moderator Ernst Stross versucht ihnen allen Anekdoten zu entlocken. So berichtet Zellhan, dass sein Vater 1944 beim Schwarzmahlen erwischt wurde. Nur durch die schnelle Meldung zur Wehrmacht habe er der Verhaftung durch die Gestapo zuvorkommen können. Zellhans Worte öffnen die Tür zu einem ganz privaten Bereich der Heimatgeschichte. In einem Moment wie diesem zeigt der Abend, wie fesselnd die Gesprächsreihe sein kann. Leider überlagern im Verlauf zu viele technische Details das etwas.

Mühlen waren lange ein fester Bestandteil der lokalen Wirtschaftsbeziehungen. Im 20. Jahrhundert, ab den 1960er Jahren, machten viele dicht. Laut Baus gaben im Landkreis 122 Mühlen ihre Existenz auf. Einige wenige fanden wie in Diebach als Wasserkraftwerk eine neue Funktion.