Kann eine Novelle von 1886 so spannend sein, dass sie auch heute noch fesselt? Ja, das ist möglich. Zu verdanken ist dies Schauspielern wie Markus Grimm aus Würzburg. Kulturbunt hat ihn eingeladen, um "Den seltsamen Fall von Dr. Jekyll und Mister Hyde" von Robert Louis Stevenson zu schildern.

Anwalt Utterson beobachtet, wie ein rüpelhafter Mann, Mr. Hyde, ein Kind umrennt. Im Laufe der Zeit stellt er eine seltsame Beziehung zwischen diesem Mann zu seinem alten, ehrbaren Freund Dr. Jekyll fest. Nach einem Mord und dem merkwürdigen Tod eines gemeinsamen Freundes kommt der Anwalt der seltsamen Wahrheit auf die Schliche.

Das Geheimniss wird gelüftet

Am Schluss enthüllt Jekylls Brief, dass er es in seinen Experimenten geschafft hat, das Böse vom Guten in der menschlichen Seele zu trennen. Durch einen selbst hergestellten Trank verwandelt er sich in den gewissenlosen Hyde. Nachdem es Jekyll nicht mehr gelingt eine weitere Charge des Medikaments herzustellen, läuft sein Leben auf eine Katastrophe zu.

Ohne Requisiten und Kostüme, allein auf der bis auf einen Stuhl leeren Bühne schaffte es Grimm, das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute in seinen Bann zu ziehen. So minimal die Bühnenausstattung, so maximal der Hör- und Sehgenuss für das Publikum.

Im dunklen Anzug und weißen Hemd schlicht gekleidet, fesselt Grimm mit seiner Präsenz in Wort und Mimik. Der Träger des Würzburger Kulturförderpreises und des Sprachbewahrerpreises bringt die Geschichte nur mit diesen Mitteln bildreich vor Augen. Man könnte eine Nadel fallen hören, wenn Grimm sich vom ehrbaren Bürger Jekyll in den verrufenen Mörder Hyde verwandelt. Der Wechsel in die verschiedenen Rollen der Erzählstränge - in die Rolle der eingeschüchterten Augenzeugin, des geschockten Freundes oder des tattrigen Buttlers - lassen das Geschehen im Erzähltheater vor dem inneren Auge lebendig werden.

Es ist dabei nicht die Sprache allein, mit der Grimm die unterschiedlichen Stimmungen und Menschen darstellt. Körperhaltung und Gestik vermitteln das Geschehen so direkt, als wäre das Publikum Teil der Handlung. Abrupt dreht Grimm sich gebückt um, verbirgt sein Gesicht und schlüpft in die Rolle des bösen Hyde. Knisternde Spannung liegt über dem vollbesetzten Bocksbeutelkeller. Die Intensität, mit der Grimm spielt, begeistert.

Wie immer haben sich die Kulturbunt-Frauen etwas Passendes für die Bewirtung ausgedacht: Wärmende Suppe wird unter der Bezeichnung "Dr. Jeyll" angeboten, eine kalte Rote-Beete-Kreation heißt "Mr. Hyde".

Die Geschichte über den ehrbaren, angesehenen Bürger Dr. Jekyll und seine Verwandlung in einen bösen Mr. Hyde, das Thema der Persönlichkeitsspaltung, hat schon 1908 zu einer ersten Verfilmung geführt. Bis heute gibt es zahlreiche Remakes, die die Geschichte des Doppelgängers im eigenen Ich aufnehmen. Die verschiedenen Seiten der menschlichen Persönlichkeit, die in jedem Individuum stecken, faszinierten schon immer.