Ihre Fenster putzt Birgit Lorz schon lange nicht mehr. Sauber sind sie trotzdem. Sie hat keine Putzfrau, sondern drei Dutzend Freunde und Bekannte, die das für sie erledigen. Im Gegenzug macht sie deren Steuererklärung oder backt ihnen einen Kuchen. "Nachbarschaftshilfe im Großen", nennt sie das System, das hinter der Hammelburger Tauschring-Initiative steckt.

Wer keine Lust hat zu kochen, Unkraut zu zupfen oder zu bügeln, kann solche Tätigkeiten einfach "wegtauschen". Jede Aktion kostet "Blöker" - die Währung des Tauschrings. Wer eine Stunde lang die Hecke eines anderen schneidet, bekommt auf sein Taschring-Konto 20 Blöker gutgeschrieben. Sein Guthaben tauscht der wiederum für eine Tätigkeit eines anderen ein. Zum Beispiel für einen Babysitter, der eine Stunde lang aufs Kind aufpasst. Wer welche Dienste anbietet, ist im "Blöker-Blättle" aufgelistet, das jeden Monat erscheint.

"Hätte ich beim Umzug den Tauschring nicht gehabt, hätte ich ein Unternehmen gebraucht", sagt Cordula Eck. Sie leitet zusammen mit Birgit Lorz und einer dritten Dame seit einem Jahr den Tauschring in der Hammelburger Gegend. Mitglied kann jeder werden. "Räumliche Nähe" sei natürlich sinnvoll, meint Birgit Lorz. Spezialist muss aber niemand sein. "Viele denken 'was soll ich denn anbieten?'" Oft sind es alltägliche Sachen, die jeder kann. Die eigenen Hobbies werden oft unterschätzt." Zuerst bot sie Marmeladen und Kuchen an, heute hilft sie bei Bewerbungen und der Steuererklärung.

Alles ist gleich viel wert

Egal ob Fahrdienste, Nachhilfeunterricht für den Umgang mit dem Computer, Näharbeiten, Hilfe beim Tapezieren oder beim Ausmisten, jede Tätigkeit ist gleich viel wert. "Wir wollen ja keine Marktwirtschaft", sagt Birgit Lorz und lacht. Auch Erzeugnisse wie selbstgemachte Liköre, Schals, Salatköpfe oder Brotaufstriche bieten die Frauen und Männer an. "Man bekommt Torten gebacken, die man so selber gar nicht hinbekommen würde." Selbst mit Leihgaben lassen sich Geschäfte machen: das Kanu für den Familienausflug, das Fondue-Set für die nächste Feier - man kann alles "verblökern". Einmal im Monat gibt´s einen Stammtisch. Der ist gleichzeitig "Verkaufsveranstaltung", um die Werbetrommel für Tätigkeiten oder Selbstgemachtes zu rühren.

Als Konkurrenz für Handwerksbetriebe sehen sie sich nicht. "Wir haben wenig Handwerker bei uns", sagt Birgit Lorz. Auch ein paar mehr Männer könne der Verein vertragen, meint sie. Wie funktioniert das Prinzip des Tauschrings innerhalb einer Gesellschaft, die nie Zeit hat und ständig im Stress ist? "Die Zeit ist dieselbe. Aber ich habe in der Zeit etwas gemacht, das mir Spaß macht", sagt Birgit Lorz.

"Man ist mit bestimmten Aufgaben nicht alleine und man fühlt sich gebraucht", sagt Cordula Eck. Die Gartenarbeit verliert ihren Schrecken, wenn man fünf Mädels um sich hat, die mithelfen und für einen Schwatz zu haben sind, erzählt Birgit Lorz. Für sie macht es die Gesellschaft aus. Schließlich werden nicht nur Tätigkeiten ausgetauscht, sondern auch Telefonnummern.