Eine Passantin bleibt vor dem Schaufenster stehen. "Ich will mal gucken, ob die Sonja auf den Bildern zu sehen ist", sagt sie und sondiert die Fotos. Die Bilder hat Josef Keidel in die Vitrinen des leer stehenden Stockheimer-Geschäfts in der Bahnhofstraße gehängt, zusammen mit Orden und Kostümen. Anlässlich des 55-jährigen Jubiläums der Hammelburger Karnevalsgesellschaft (Ha-Ka-Ge) erzählen die Exponate die Geschichte des Faschings in der Stadt.

Die Gründung der Ha-Ka-Ge war eine Idee von Hans Söntgen, einem Bundeswehrsoldaten aus Köln, erinnert Konrad Herold. Die Gesellschaft habe dadurch mit der Bezeichnung Karneval statt Fasching einen rheinischen Einschlag bekommen. Herold ist das letzte Mitglied der Ha-Ka-Ge, das noch seit den Anfängen mit dabei ist. Er erklärt: "Die Ha-Ka-Ge war damals eine der ersten Karnevalsgesellschaften in der Gegend. Die Gesellschaften in den Dörfern kamen erst später dazu."

Der Fasching wächst

Herold tanzte in der ersten Schlossgarde und sitzt seit 54 Jahren im Elferrat. "Der Fasching ist moderner geworden: Die Tänze sind moderner geworden, und es wird viel mehr geboten als früher", sagt Herold. Mit der Ha-Ka-Ge ist der Fasching im Laufe der Jahre auch umfänglicher geworden: Im Januar 1975 fand zum ersten Mal ein Rathaussturm statt, wie die Vereinschronik berichtet. Seit 1981 beginnt der Hammelburger Fasching mit einem Ordensabend.

Zum Abschluss der Faschingssaison wurde der "Arwesbär" als Symbol für den Winter über die Saalebrücke aus der Stadt getrieben. Mit dem Ritual wollte die Ha-Ka-Ge ab 1988 einen Fastnachtsbrauch wieder aufleben lassen. Heute findet dieser in der Form aber nicht mehr statt. Das Fransenkostüm des "Arwesbärs" ist im Schaufenster in der Bahnhofstraße zu sehen. Seit wenigen Jahren gibt es auch keinen Faschingszug mehr.

Allerdings steht die Ha-Ka-Ge heute besser da als in den 90er Jahren, als sie zeitweise keine eigene Garde aufbieten konnte. Der Fuchsstädter Faschingsclub musste damals aushelfen. Anlässlich des Jubiläums soll außerdem nach fünfjähriger Pause wieder der "Narrenspiegel" aufgelegt werden. Mit dem Heft stellte sich die Ha-Ka-Ge früher zu jeder Saison vor. Herold war lange Jahre für den "Narrenspiegel" verantwortlich. "Es war sehr viel Arbeit. Vor Weihnachten habe ich jedes Wochenende daran gesessen", sagt er.

Die alten Ausgaben hat Josef Keidel ebenfalls in den Vitrinen ausgelegt. Der heutige Ehrenvizevorsitzende ist der Archivar der Ha-Ka-Ge-Geschichte. Die Präsentation im Stockheimer ist eine kleine Neuauflage der wesentlich umfangreicheren Ausstellung 2010 im Stadtmuseum Herrenmühle. Es lassen sich aber noch wesentlich ältere Spuren des Narrentums entdecken, wie die Ha-Ka-Ge-Chronik erzählt: So finde sich in den Unterlagen der damaligen "Hammelburger Schützengilde" für das Jahr 1580 der Hinweis auf einen "Pritsdienmeister". Dieser durfte bei Schützenfesten die schlechtesten Schützen verspotten. Ein Stein im Garten des Roten Schlosses zeigt einen Narren mit Schellenkappe.

Für die spätere Zeit sind Faschingsvergnügungen belegt. Und 1953 sowie 1954 gab es Prunksitzungen und Faschingsumzüge, organisiert von einer faschingsbegeisterten Gruppe. Die zerfiel nach den beiden Jahren allerdings wieder.