Das schöne Leben, ein Garant für Langeweile und Phlegma? Oder doch eine ausgefallene Komödie um die eine, große Liebe? Der Zuschauer mag "Leonce und Lena" nach seinem Gusto beurteilen. Die Absicht des Autors, Georg Büchner, ein sozialkritisches Stück seiner Zeit zu inszenieren, in dem versteckt-ironische Angriffe auf die politische Klasse wie auch einer um sich selbst kreisenden Kunst galten, war unübersehbar.

Drei Aufführungen

Im Rahmen des Sommertheaters gewannen die Freunde der Trimburg erneut die Schweinfurter Disharmonie und ihren Regisseur Bernd Lemmerich für drei Abendaufführungen im Erthal-Saal. Das Stück, von Büchner 1836 geschrieben, spielt im nach-napoleonischen Deutschland, das von Kleinstaaten zerrissen ist, die sich alle wichtig fühlen und argwöhnisch versuchen, an ihren winzigen Grenzen festzuhalten - es sei denn, man könnte durch Eheschließungen das Reich vergrößern.
Der kritische Blick in den Spiegel könnte Grund dafür sein, dass "Leonce und Lena" erst 60 Jahre später uraufgeführt wurde, denn es gab nichts, das die bornierten Klein-Herrscher mehr scheuten als die Publizität ihres Treibens und luxuriösen Lebens auf dem Rücken des Volkes. Ein treffender Satz des Prinzen Leonce charakterisiert die weitverbreitete Meinung an den Höfen. "Wer arbeitet, begeht den subtilen Selbstmord. Wer Suizid begeht, ist ein Krimineller. Also ist der, der arbeitet, ein Schuft."
Der Thronnachfolger aus dem Reich "Popo" will sein "dolce vivere", sein süßes Nichtstun, auskosten, nicht aber die Ehe mit Lena aus dem Reich "Pipi" eingehen, die sein Vater eingefädelt hat. "Ich liebe meine Langeweile so wie dich liebe", räumt er beim Malen seiner Geliebten, Rosetta, ein. Während sie unter Tränen versucht, den Königssohn für sich zu gewinnen, bewundert er Rosettas "Scharfsinn", womit er wohl heuchlerisch ihre scharfen, weiblichen Konturen meint, die er zeichnet.
Auf der Suche nach "dem Sinn des Lebens", trifft er auf Valerio, der dem Wein zugetane aber schlaue Schlendrian. Beide überlegen "etwas Großes" zu werden, kommen jedoch zum Entschluss, dass weder Kriegsheld noch Weltgenie das Richtige für sie sind. "Wir gehen nach Italien", lautet der "Weisheit" letzter Schluss.

Suche nach dem Sinn

Lena, Königstochter aus dem Reich "Pipi" geht es ähnlich. Den Lebenssinn suchend, begibt sich die schwärmerische Seele ebenfalls auf eine Italienreise. Das Schicksal will es, dass die sich versprochenen Fürstenkinder gemeinsam reisen, sich aber nicht erkennen. Lena verliebt sich in das melancholische Wesen des Prinzen. Nachdem das Paar sich geküsst hat, will Leonce das empfundene Glück zum Bleiben zwingen. Doch Lena geht und der Prinz will sich in den Fluss stürzen, was Valerio in letzter Minute verhindert.
Leonce verkündet, Lena heiraten zu wollen. Valerio soll ihm helfen diesen Wunsch bei seinem Vater durchzusetzen. Dafür erhält er ein Amt als Staatsminister. Im väterlichen Schloss zurück und maskiert, stellte Valerio das Liebespaar als berühmte Marionetten vor. König Peter glaubt, leblose Puppen zu haben, die getraut werden, die sich aber als der Prinz und die Prinzessin herausstellen.
Erstmals erfahren die Königskinder von ihrer Herkunft. Leonces Vater ist gerührt und übergibt seinem Sohn die Amtsgeschäfte. Der wiederum kündigt an, am nächsten Tag "von vorne zu beginnen" - was immer das heißen mag. Denn der Wunsch des jungen Paars nach einem Land, das von Puppen und Spielzeug besiedelt ist und in dem Arbeit und Ernsthaftigkeit zugunsten von Müßiggang und Genuss verbannt sind, bleibt ein zweifelhafter Weg.
Ob Politsatire, Lustspiel oder feinsinnige Liebesgeschichte mag der Zuschauer entscheiden. Georg Büchner warf in seinem vorletzten Lebensjahr ein grelles Licht auf seine Zeit und erzeugte die Schatten lange nach seinem Tod. Was die schauspielerische Leistung angeht, muss auch ein kritisches Publikum den Darstellern der Disharmonie Schweinfurt - allen voran Maximilian Rückert als Leonce - Respekt zollen. Ein Gast, der das Stück vor einigen Wochen in der Landeshauptstadt gesehen hat, beurteilte es ob seiner Akustik und der Atmosphäre der Trimburg sogar "besser als in München".
Die DARSTELLER Maximilian Rückert, Ivy Haase, Stefan Busch, Erna Rauscher, Maike Schmitt, Christine Hadulla und Peter Hub. REGIE führte Bernd Lemmerich.