Über Grigory Sokolov berichten heißt bei András Schiff beginnen. Nicht, dass man die beiden vergleichen könnte. Sie sind vom Typ und vom Spieltyp her vollkommen unterschiedlich. Aber wer am Dienstag Schiff erlebt hatte, der musste doch an ihn denken, als Sokolov zu spielen begann. Denn Vergleiche drängten sich natürlich trotzdem auf.

Zum einen war es der Steinway-Flügel des Großen Saals, der sicher kein schlechtes Instrument ist, der aber gegen Schiffs Bechstein-Flügel mit seinem warmen Klang den Kürzeren zog. Und durch Sokolovs kompromisslose Spielweise kam bald der Punkt, an dem man vor allem den Diskant als nervig hart und aggressiv empfinden konnte. Durch die Konkurrenz fiel das natürlich besonders auf.

Zum anderen war es Sokolovs Neigung zum Mystischen, zur Verklärung des Virtuosen. Warum muss denn der Saal so dunkel sein, dass das Publikum nicht einmal nachlesen kann, was er gerade spielt? Warum darf auch er selbst nur in einem trüben Lichtfleck sitzen? Soll sich die Aufmerksamkeit des Publikums, von nichts abgelenkt, ausschließlich auf die Musik fokussieren, weil der Interpret völlig in den Hintergrund tritt? Das tut Sokolov doch ohnehin schon. Es gibt kaum einen Pianisten, der so analytisch distanziert, so unpersönlich neutral spielt wie er, der nichts über sich selbst rauslässt, was über die Musik hinausweist. Über den zweiten Satz seiner 1. Klaviersonate hat Robert Schumann die Spielanweisung "Senza passione, ma espressivo" geschrieben. Sokolov scheint das für sein Spiel verallgemeinert zu haben.

Natürlich ist Grigory Sokolov ein großartiger Pianist und ein kompromissloser dazu. Er findet Mittelstimmen, wo andere nur schwarze Notenpunkte sehen. Und wenn er sich für ein Konzept entschieden hat, dann zieht er das durch. Franz Schuberts Impromptus D 899 und die Drei Klavierstücke D 946. Sokolov hatte sich für einen durchgehend pointierten bis harten Anschlag, der in seiner Gleichartigkeit nicht sehr einladend war, der aber Strukturen glasklar verdeutlichte. Nur, gehen die Menschen in einen Klavierabend, um zwei Stunden Strukturen zu erkennen? Wollen sie die Sehnsuchtsmotive, die Schubert in seine Musik komponiert hat, als Struktur oder vielleicht doch als Emotion erfahren?

Noch kantiger, noch bruchstückhafter, erschreckender stieg Sokolov in Beethovens Hammerklaviersonate ein. Wofür sich das Kommen auf jeden Fall aber gelohnt hat, das war der langsame Satz der Sonate. Die spielte Sokolov in einer schier unerträglichen Langsamkeit, wie es Ivo Pogorelich gerne könnte, aber nie schaffen wird. Denn da entstand eine ungemeine Spannung, weil man als Zuhörer begann, dem nächsten Ton entgegenzufiebern, sich selbst in Spannung zu versetzen.

Und da blitzte plötzlich auch ein bisschen Sokolov durch die Klänge. Aber dann die dreistimmige Fuge des abschließenden Allegro risoluto (Allegro heißt heiter) - "con alcune licenze" ("mit allen Lizenzen") hat Beethoven noch dazugeschrieben. Sokolov hat das als Lizenz zum Rasen, zum Prestissimo, gedeutet. Handwerklich war das fantastisch, aber es war sehr schnell der Punkt erreicht, wo von der Form der Fuge und dem Reiz der nachlaufenden Stimmen nichts mehr zu hören war. Es klang wie der Applaus, der direkt danach aufbrandete.
Die üblichen sechs Zugaben.
Was bleibt?