Auf eine musikalische Rundreise durch fast 175 Jahre Chorgeschichte der Kissinger Sängervereinigung wurden die Besucher beim Frühlingskonzert in der Wandelhalle in Bad Kissingen mitgenommen. Auch wenn die Sängervereinigung 1845 gegründet wurde und es somit eigentlich noch zwei Jahre bis zum Jubiläum sind, bereitet man sich schon jetzt auf das große Jubiläumsjahr vor. Dabei zeigte man, dass man trotz der vielen Jahre immer noch jung geblieben ist: nicht nur, dass die Sängerinnen und Sänger mit viel Freude bei der Sache waren. Erstmals hatten auch die jungen Damen von Chorisma, die vor kurzem in die Kissinger Sängevereinigung integriert worden sind, gemeinsam mit dieser einen Auftritt.
Zahlreiche Besucher waren erschienen, die sich sich diese musikalische Reise nicht entgehen lassen wollten. Thomas Betzer begleitete bei den Stücken am Klavier, und der Applaus brandete schon auf, als die Sängerinnen und Sänger die Bühne betraten. Das erste Stück kam sehr fröhlich daher, und machte Lust auf mehr. Dies lag auch daran, dass der ganze Chor mit viel Freude bei der Sache war, diese Liebe zur Musik übertrug sich auch auf das zahlreich erschienen Publikum. Die Gesamtleitung des Konzerts lag in den erfahrenen Händen von Hermann Freibott, der seine Sache außerordentlich gut gemacht hatte. Nicht nur, dass die Liedauswahl bunt und abwechslungsreich war, die Stücke waren auch chronologisch sortiert, so dass man einen guten Einblick in die einzelnen Epochen der Chormusik bekam.
Sehr klassisch ging es mit dem "Wir lieben sehr im Herzen" los, einem Stück, das im 16. Jahrhundert komponiert worden war und eine schöne Mischung der unterschiedlichsten musikalischen Temperamente bündelte. Natürlich stellten sich die Sängerinnen und Sänger auch vor, was mit einem musikalischen Scherz, einem Quodlibet geschah, was für die Zuhörer sehr schön war und einen außergewöhnlichen Abend eröffnete.
Die Stellvertretende Vorsitzende der Kissinger Sängervereinigung, Christine Weiß, führte durch den zauberhaften Abend und erzählte dabei auch einiges aus der Geschichte. So wurde die Sängervereinigung am 6. Februar 1845 gegründet, erst 100 Jahre später konnten Frauen dem Chor beitreten. Und natürlich wurde auch die jüngste Entwicklung in der Sängervereinigung explizit gewürdigt: seit Anfang des Jahres verstärkt der Jugendchor Chorisma unter der Leitung von Antje Kopp die Reihen und bringt seine ganz eigene Note ein.
Der erste Teil des Konzerts umfasste die Chorgeschichte von 1845 bis ins Jahr 1900, sehr gefühlvoll kam das "Im Grünen" von Felix Mendelssohn Bartholdy daher, gefolgt vom überaus impulsiven "Zigeunerleben" von Robert Schumann. Gefühlvolle und getragene Stücke wechselten mit wuchtigen Weisen ab, die Liedauswahl war geradezu superb und gab einen schönen Überblick über die Chorliteratur der einzelnen Epochen. Reizvoll war die Einführung beim "Chor der Gefangenen" aus der Oper "Nabucco", die Thomas Betzer am Flügel gab. Mit ganzer Wucht und gleichzeitig viel Gefühl interpretierte der Chor diese allbekannte Weise. Die Mischung aus temperamentvollen und nachdenklich machenden Liedern bot dem Publikum einen ganz besonderen Reiz, die Kissinger Sängervereinigung verstand es dabei, mit der Akustik des Raumes zu spielen, die Töne gekonnt verklingen zu lassen, um sie nur einen Augenblick später wieder zum Leben zu erwecken. Und das trotz der Größe der Wandelhalle, in der das Konzert stattfand.
Zwischen den einzelnen Gesangspassagen spielte Arseniy Strokovskiy pro musikalischer Epoche jeweils ein Stück. Beim "Asturias" von Isaak Albéniz ließ er die fast exotisch wirkenden maurischen Musikeinflüsse spürbar werden. Mit unglaublicher Geschwindigkeit und großer Präzision meisterte er auch die schwierigsten Passagen mit einer Leichtfüßigkeit, die ihresgleichen suchte. Es war ein musikalischer Genuss, welcher dem Publikum sehr gut gefiel. Warum man gerade das Akkordeon als Instrument gewählt hatte, das Stücke abseits des Chorgesangs zum besten gab, erklärte Christine Weiß. Wurde dieses Instrument doch just in der Epoche in Deutschland populär, als die Kissinger Sängervereinigung gegründet wurde. Besonders beim "Toccata Nr. 2" bewies Strokovskiy, dass man auch vor anspruchsvollen Stücken nicht halt machte. Gekonnt spielte er hier hier mit der Erwartungshaltung des Publikums, das sich von seinem Können restlos begeistert zeigte.
Viel Witz versprühte der "Kriminaltango", bei dem die Sängerinnen und Sänger sichtlich Spaß daran hatten, diese lustige Weise zu interpretieren. Dem Stück voraus ging eine kleine, witzige Geschichte, die Schriftführer Carsten Ahlers zum besten gab, nämlich dem "Mord auf der Schnittlauchalm" frei nach Willi Astor. Dies sorgte für Schmunzeln im Publikum und zeigte, dass man Sinn für Humor hat.
Natürlich durfte auch der jüngste Zweig der Kissinger Sängervereinigung nicht fehlen: zum Ende des Konzerts hin begeisterten die Damen von Chorisma unter anderem mit dem "Sound of silence", welchen Monique Junge auf der Ukulele begleitete. Dies brachte eine neue, moderne Facette in den Abend und zeigte, dass man in der Kissinger Sängervereinigung breit aufgestellt ist und für jede musikalische Richtung Raum geboten wird. Sehr witzig ging es dann beim "Küssen verboten" zu, wobei die Mädels von Chorisma zudem mit ihrer Performance beeindruckten und die Zuhörer lautstark eine Zugabe verlangten, die natürlich gern gegeben wurde. Und auch der gemischte Chor sang gern noch zwei Stücke ob der großen Begeisterung aus dem Publikum.
Das Frühlingskonzert war in jeder Hinsicht gelungen. Die Liedauswahl überzeugte, Arseniy Strokovskiy setze am Akkordeon reizvolle Akzente und die Chorismas zeigten, dass die Kissinger Sängervereinigung auch nach fast 175 Jahren ganz am Puls der Zeit ist. Nach all den Jahren hat der Chorgesang nichts von seiner Faszination verloren, wohl auch deshalb, weil er imstande ist, alle Facetten der Musik zu integrieren. Der tosende Applaus und die stehenden Ovationen der Zuhörer zeigten, dass die Kissinger Sängervereinigung auch nach fast 175 Jahren noch verzaubern kann.