125 Millionen Euro und 28 000 Tonnen Stahl hat der Erdgas-Fernleitungsbetreiber "Open Grid Europe" in der Rhön vergraben. Zu sehen ist davon in Weißenbach nur eine kleine Schieberstation, die auf einem Feld in Richtung Detter aus der Erde ragt. Von Sannerz in Hessen bis nach Rimpar bei Würzburg fließen mittlerweile bis zu zwei Millionen Kubikmeter Erdgas in der Stunde - zusätzlich, denn: Die so genannte Loop-Leitung mit einem Durchmesser von einem Meter ergänzt eine bestehende Pipeline mit rund 70 Zentimetern Durchmesser.
Ursprünglich war die Leitung auf 110 Millionen Euro veranschlagt. Für zwei der 15 Millionen Euro Steigerung ist vor allem der Zeitlofser Leo Uebel-acker verantwortlich. "Damit muss man leben", sagt Uebel-acker schmunzelnd und ist insgesamt zufrieden über die Änderungen, die Zeitlofser Bürger durchgesetzt haben. "Für die Bevölkerung war das Hauptziel, dass die Pipeline nicht durch das Zeitlofser Wasserschutzgebiet geht", zieht er Bilanz.

Er selbst war vor gut zwei Jahren eher zufällig auf das geplante Großprojekt aufmerksam geworden: Bei einem Spaziergang traf er auf Arbeiter, die mit Vermessungsarbeiten beschäftigt waren. Die Vorplanungen waren damals schon durch den Gemeinderat, ohne dass es größere Einwände gegeben hatte. Uebel-acker und weitere Bürger schalteten sich frühzeitig in das Verfahren ein, forderten mehr Aufklärung, luden Bundes- und Landtagsabgeordnete nach Zeitlofs ein. "Ich denke, das ist ein gutes Beispiel, was man mit Bürgerengagement erreichen kann", sagt der 55-jährige Übersetzer heute. Auch wenn er sich von Anfang an mehr Offenheit von Gemeinde und Behörden gewünscht hätte: "Es ist besser, wenn mit den Bürgern geredet wird", ist Uebelacker für mehr öffentliche Verfahren.

Als "Uebelacker-Variante" wurde die am Ende gebaute Trasse tituliert. Namensgeber Leo Uebelacker verfolgte auch den Bau - und ist zufrieden: "Die haben ordentlich geschafft", sagt Uebelacker. Dem pflichtet auch der Zeitlofser Bürgermeister Wilhelm Friedrich (CSU) bei: "Es gab kaum eine Baustelle, wo es so wenige Beschwerden gab wie hier." Vor allem habe es immer Ansprechpartner gegeben, die sich um die Anliegen der Kommunen und Anwohner gekümmert hätten. Baulärm oder verschmutze Straßen seien keine Belastung gewesen. Laut Friedrich gab es nur bei der Rekultivierung von Wiesen Probleme, weil die Arbeiten heuer witterungsbedingt nicht vollständig beendet werden. "Die Beschwerden wurden zwischenzeitlich bereits wieder ausgeräumt", beschwichtigt er.

"Die Bauarbeiten an der Pipeline wurden termingerecht beendet", berichtet Pressesprecher Helmut Roloff von Open Grid Europe. Lediglich die Eisenbahnunterquerung bei Mottgers habe sich um etwa drei Wochen verzögert: Bis in 22 Metern Tiefe mussten die Arbeiter dort sprengen und bohren.

Nicht nur bei der Eisenbahnuntertunnelung wurde das Projekt mit Problemen konfrontiert. Eine große Herausforderung sei es laut Projektleiter Andre Graßmann gewesen, den geeigneten Streckenverlauf zu bestimmen. Naturschutzgebiete im Sinntal, Trinkwasserversorgung und Biber: "All das unter einen Hut zu kriegen, war schwer", blickt der Diplom-Ingenieur zurück. Der Pipelineverlauf sei zwar nicht der kürzeste, aber der sinnvollste für Mensch und Tier. Er betonte, dass das Unternehmen stets den Kontakt zu Experten vom Naturschutz, Behörden und Anwohnern gesucht habe. "Es war uns wichtig, alle an einen Tisch zu holen."

Entlang der Trasse müssen nun noch Wege wiederhergestellt, Ackerböden benutzbar gemacht und Büsche gepflanzt werden. Allein die Schneisen im Wald werden nicht aufgeforstet, um später Reparaturmaßnahmen an der Trasse vornehmen zu können. "Was witterungstechnisch möglich ist, wird noch gemacht", teilt Pressesprecher Roloff mit. Er rechnet damit, dass die letzten Maßnahmen im Frühjahr abgeschlossen werden. Open Grid Europe wird das Außenbüro in Hammelburg möglicherweise ebenfalls so lange geöffnet lassen. "Damit eine zentrale Anlaufstelle vorhanden ist." Auf jeden Fall sei sie bis Jahresende angemietet.

Daten 67 Kilometer lang ist die Erdgasleitung zwischen San-nerz und Rimpar bei Würzburg, zehn Kilometer liegen auf hessischer Seite, 57 auf bayerischer. Es handelt sich um eine ein Meter dicke so genannte Loopleitung, also eine Parallel-Leitung zu einer bereits bestehenden Pipeline. Ausgelegt sind die Rohre auf einen Druck von bis zu 100 bar. Zwei Millionen Kubikmeter Erdgas können pro Stunde durch die Leitung gepumpt werden. Das entspricht etwa dem Jahresverbrauch von 500 Haushalten. Die zusätzliche Leitung versorgt vor allem Ostbayern.
Akten Alle Aktenordner für das Projekt ergeben laut Betreiber Open Grid Europe eine Länge von über 300 Metern. Der Antrag für das Raumordnungsverfahren wurde im April 2010 eingereicht, ab Frühjahr 2011 wurde gebaut, pünktlich vor dem Wintereinbruch wurde die Pipeline im November fertig.

Arbeiten Für die 125 Millionen Euro teure Leitung kamen 28 000 Tonnen Stahl in den Boden: 18 Meter lange und 7,5 Tonnen schwere Einzelteile wurden vor Ort verschweißt. Der Arbeitsstreifen ist 34 Meter breit, in Waldgebieten wird er auf 24,5 Meter verengt. Zwischenstationen befinden sich in Sannerz, zwischen Detter und Weißenbach, bei Weickers-grüben, Binsfeld und Rimpar.

Unternehmen Open Grid Europe (vormals E.on Gastransport) verfügt über ein 190 000 Kilometer langes Pipelinenetz in Europa, davon 12 000 Kilometer in Deutschland. Jeweils 30 Prozent ihres Erdgases bezieht das Unternehmen aus Russland und Norwegen, 20 Prozent aus Holland, 10 Prozent kommen aus Deutschland und der Rest aus Dänemark und Großbritannien.