Die Befürchtungen, die Gabriele Morath letzte Woche noch hatte, als sie von dem Asylbewerber aus Afrika erzählte, der sterbenskrank noch einmal seine Familie in seiner alten Heimat sehen wollte, haben sich nicht bewahrheitet. Denn sie hatte die Sorge gehabt, dass die Unterstützung der Flugreise, für die sie Gelder an den verschiedensten Quellen gesammelt hatte, so etwas wie eine Neiddiskussion auslösen würde.

Willkomene Bestätigung

Ganz im Gegenteil: "Mich haben erstaunlich viele Menschen angesprochen und angerufen, die das richtig fanden, und die sich Sorgen um den Mann gemacht haben, wie es denn mit ihm weitergehen könnte." Das war für die Sozialberaterin eine willkommene Bestätigung.
Denn wenn sie an 2013 denkt, dann wachsen ihre Sorgen: "Eine grundsätzliche Entspannung wird es auch bei gesetzlichen Neuregelungen in keinem Bereich geben. Sondern die Probleme werden noch zunehmen, und zwar in beschleunigtem Tempo.

Stark anwachsende Altersarmut

Da steht ganz vorne dran die Altersarmut, die stark anwachsen wird - ein Bereich, in dem sie den Gesetzgeber in der Pflicht sieht, allgemeine Modelle zur Hilfe zu entwickeln. "Es sind vor allem die alten alleinstehenden Frauen, die sich keinen vernünftigen Rentenanspruch erworben haben und die finanziellen Dingen gegenüber vollkommen hilflos sind, weil das früher immer ihre Männer erledigt haben." Diese Frauen wissen oft überhaupt nicht, was ihnen zusteht. Und was die Situation verschärft: Sie schämen sich, um Hilfe zu bitten, verkriechen sich lieber in ihrer dunklen, kalten Wohnung und warten, dass ihr Hungergefühl vorübergeht, weil sie sich am Monatsende nichts mehr zu essen kaufen können.

Hilfe auf zwei Wegen

Das klingt dramatisch übertrieben, aber solche Fälle gibt es wirklich, auch vermehrt im immer noch reichen Landkreis Bad Kissingen. Gabriele Morath kann diesen Frauen auf zwei Wegen helfen: zum einen auf der amtlichen Schiene. Sie kann mit ihnen prüfen, ob die gesetzliche Grundsicherung höher ist als die Rente. Wenn ja, dann muss das Sozialamt die Differenz ausgleichen. Das schafft keine Reichtümer, macht das Leben aber ein kleines bisschen leichter.
Die andere Schiene ist die humanitäre Soforthilfe. Gabriele Morath kann die Frauen mit Lebensmittelgutscheinen und kleinen Barbeträgen unterstützen, damit sie sich wenigstens bis zum Monatsende etwas zu essen kaufen können. Von den öffentlichen Stellen können die Bedürftigen da keine Hilfe erwarten, weil es dafür weder gesetzliche Regelungen noch finanzielle Mittel gibt. Wenn die Sozialämter oder Jobcenter derartige Soforthilfen ablehnen, dann tun sie es nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht können und auch nicht dürfen.

Überlebensmittel Spendenaktion

Das ist die Stelle, an der der Spendentopf der Aktion Weihnachtshilfe im eigentlichen Wortsinn zum konkreten "Überlebensmittel" wird, weil da Gelder zur Verfügung stehen, die nicht gesetzlichen Regelungen unterworfen sind, die ohne große bürokratische Zwänge verhältnismäßig spontan an die Bedürftigen nach Sach- und Notlage ausgegeben werden können - und natürlich auch dokumentiert werden.

Härtefall Pflegebereich

Ein Bereich, der Gabriele Morath auch immer mehr Sorgen bereitet, sind Fälle von häuslicher Hilfe für Menschen, die noch zu Hause leben können, aber nur, wenn sie etwas Unterstützung bekommen. Das ist noch kein Fall für die Pflegeversicherung, weil die Pflegestufe I noch nicht erreicht ist. Das So zialamt hat die Möglichkeit, über die Grundsicherung zu helfen. Aber sobald die Rente eines Betroffenen auch nur einen Euro darüber liegt, sind dem Sozialamt die Hände gebunden. Dann kann die Sozialberaterin versuchen, andere öffentliche Geldquellen zu finden und/oder in punktuellen Notlagen unterstüzend einzugreifen. Aber hier, meint sie, gilt dasselbe wie bei den zunehmende Schwierigkeiten der Armen mit den Energiekosten: "Ich kann natürlich mit den Spenden keinen laufenden Bedarf finanzieren."
Ein schönes Erlebnis hatte Gabriele Morath doch noch vor ihrem Aufbruch in die Weihnachtsstimmung: Da stand plötzlich ein Haftentlassener aus der JVA Schweinfurt vor ihr, der von dem dortigen Sozialarbeiter eigentlich schon gut wieder in der Freiheit angemeldet worden war. Etwas Wesentliches hatte er allerdings nicht: "Ich konnte ihm zwei Lebensmittelgutscheine geben. Da konnte er getrost in die Feiertage gehen."