Michael Wöhning (48) liebt Herausforderungen der besonderen Art. Nach Extrem-Radtouren durch Südamerika und Alaska war jetzt die indische Region Ladakh sein Ziel, auch "Klein-Tibet" genannt.

Los ging es nach der Landung mit dem Flugzeug in Delhi nachts um 0.35 Uhr. Die späte Zeit war dem Elektroingenieur ganz recht. So konnte er dem "täglichen Wahnsinn auf Indiens Straßen" entgehen. Nach der ersten Nacht im Zelt auf einer Wiese stand morgens um 7 Uhr der Besitzer vor ihm. "Da ich bei einer ähnlichen Gelegenheit in der fränkischen Schweiz von einem Landwirt davongejagt wurde, war ich gespannt, was nun passieren würde", schildert er.

Doch der Mann sagte nur seinem Sohn Bescheid, der kurz darauf mit 2l Flaschen Wasser angeradelt kam. Und kurz danach war die ganze Familie um den Deutschen versammelt und lud ihn zum Frühstück ins Dorf ein. "Diese Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft begleitete mich auf meiner ganzen Reise", erzählt Wöhning, der einige Jahre in Oberthulba gelebt hat und nun in Reckertshausen wohnt.

Weckruf des Muezzins

Nach einer knappen Woche bei Temperaturen bis 40 Grad Celsius und dichtem Verkehr erreichte der Radler sein erstes Etappenziel: Srinagar. Dort bezog er Quartier in einem Gästehaus. "Es war angenehm, mal wieder in einem Bett zu schlafen - bis mich um 6 Uhr der Muezzin weckte", erinnert er sich.

Die weitere Strecke nach Leh, eigentliches Ziel seiner Reise, verlief relativ nah an der Grenze zu Pakistan. Wegen der Animositäten zwischen den beiden Staaten, ist hier sehr viel Militär unterwegs. "Ich hatte ja die Befürchtung, dass ich mal nachts in meinem Zelt aufgespürt, umstellt und als mutmaßlicher Terrorist festgenommen werde", schildert Wöhning. Es ist aber nie etwas passiert.

Auf der Strecke nach Leh gab es ein paar höhere Pässe und so konnte er sich ganz gut akklimatisieren. Nach einem heftigen Graupelschauer auf dem Fatu-Pass und einer eiskalten Abfahrt ins Moon-Valley übernachtete Michael Wöhning im Lamayuru-Kloster. "So hatte ich dann auch die innere Ruhe, mir das Kloster und die Umgebung genauer anzusehen", berichtet er.

Enttäuschung am Ziel

Zwei Tage später traf er in Leh ein und war enttäuscht. Der Stadt vorgelagert ist eine riesige Militärkaserne und das Zentrum besteht hauptsächlich aus Souvenirläden. "Davor sitzen die Besitzer und quatschen jeden, der nach Tourist aussieht, pausenlos an", hat er erlebt.

Nächstes Ziel war der über 6100 Meter hohe Berg Stok Kangri. Wöhning startete frühmorgens Richtung Basislager. "Es waren einige größere Geröllfelder zu überqueren, so dass ich das Rad öfter mal tragen musste, aber für den Fahrspaß auf dem Rest des Weges in dieser grandiosen Landschaft lohnte sich die Mühe", unterstreicht er.

Im Basislager baute er sein Zelt auf und informierte sich, wann die Teams Richtung Gipfel starten. Sein Plan war, als Letzter loszulaufen und dann den Lichtern zu folgen. Um 2 Uhr in der Nacht ging es los. Auf dem Weg nach oben waren ein paar Geröllfelder sowie ein Gletscher zu überqueren. "Der Weg war nicht immer eindeutig erkennbar, aber spätestens, wenn ich ein Energieriegel-Papier fand, wusste ich, dass ich richtig bin", erzählt der Extremsportler.

Ganz allein auf dem Gipfel

Auf halber Strecke holte er die anderen Gruppen ein, und in der Dämmerung des anbrechenden Tages fand er den Weg auch allein. "Pünktlich zum Sonnenaufgang stand ich auf dem Gipfel. Weil es aber so ungemütlich kalt war und ich ganz alleine da oben stand, wollte keine richtige Freude aufkommen", bekennt Wöhning. So machte er sich zügig wieder an den Abstieg.

Das nächste Ziel war das Nubra-Valley-Tal in der Nähe des Dreiländereckes Indien/Pakistan/China. Dort erlebte er eine ganz andere Welt: eine zehn Kilometer breite Sandwüste, in der noch Kamele leben aus der Zeit, als Karawanen durch diese Gegend zogen.

Eine atemberaubende Landschaft bot auch die folgende Etappe, die über einige der höchsten Pässe der Welt quer durch die Himalaya-Hauptkette nach Manali führte. "Die Gegend ist sehr dünn besiedelt, die `Dörfer` bestehen nur aus Zelten, die im Frühjahr auf- und im Herbst wieder abgebaut werden", weiß Michael Wöhning.
In Manali angekommen, entschloss er sich, noch ein paar Tage in den Bergen zu bleiben und dann mit dem Zug nach Delhi zurückzufahren. Auf seiner Karte entdeckte er "Dahramsala - Exil Home Dalai-Lama". Zwei Tage später war er dort und hatte auch noch das Glück, dass der Dalai Lama gerade eine Einweisung über den "Pfad der Erleuchtung" gab.

Auf der Karte fand er einen weiteren sehenswerten Ort: Amritsar - der goldene Tempel der Sikhs. "Es war ein sehr schöner Abschluss meiner Reise", meint Wöhning. Am nächsten Morgen ging es mit dem Flieger nach Frankfurt und im Anschluss mit dem Zug nach Karlstadt.
Für die letzten Kilometer bis Schweinfurt stieg er aber nochmal aufs Rad. "Das habe ich einfach nochmal für mich gebraucht", so Wöhning.

Michael Wöhning hält am 23. April einen Vortrag mit vielen Bilder über seine Indien-Radtour. Beginn ist um 18.30 Uhr bei Bikeworld Brand Euerdorf, der Eintritt ist frei.