Genaue Zahlen sind schwer zu bekommen, wie viele sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer es in Bad Kissingen gibt. Die 31.053 Arbeitnehmer - dazu kommen noch 9236 Geringfügig Beschäftigte, die die Agentur für Arbeit in ihren Statistiken ausweist, gelten für den Arbeitsamtsbezirk Bad Kissingen, nicht für die Stadt. "Die Zahlen, die ich kenne, sind alt", meint Oberbürgermeister Kay Blankenburg (SPD), "so um die 10.000, bei einem Schwund von 1000 Arbeitsplätzen in den letzten 20 Jahren." Der sei vor allem dem Rückzug der Telekom geschuldet.

Wie kann man gegensteuern? Das ist die Frage, sie sich Bad Kissingens Wirtschaftsförderer Michael Wieden jeden Tag stellt, nachdem vor seinem Dienstzimmer im Rathaus keine Stuhlreihen mit wartenden Unternehmern stehen. Das Problem liegt zunächst einmal gar nicht so sehr im Wirtschaftlichen: "Bad Kissingen wird außerhalb durchaus sehr positiv gesehen, aber zu allererst mit der Kur in Verbindung gebracht." Das ist für das entwickelnde und vor allem produzierende Gewerbe nicht ausreichend attraktiv, um eine Ansiedlung in Erwägung zu ziehen. deshalb ist die engere Vernetzung des heimischen Gewerbes nur ein Aspekt der Arbeit des Wirtschaftsförderers: "Wichtig ist es, die strategisch langfristige Entwicklung der Stadt zu definieren." Denn die Industrie braucht Daten und Konzepte, auf deren Basis sie planen kann. Wieden: "Ich komme aus dem Marketing. Wir müssen der Stadt für die nächsten zehn Jahre und darüber hinaus ein zukunftsfähiges Gesicht geben."

Was er mit dieser zukunftsfähigen Entwicklung meint, lässt sich am Beispiel des seit zehn Jahren leer stehenden Schlachthofs zeigen. Da hat Wieden vor zwei Monaten im Wirtschaftsausschuss das Konzept eines "Baues im Bau" vorgestellt: In einen Säulenrahmen können je nach Bedarf Stockwerkmodule eingehängt werden. Die Hülle des denkmalgeschützten Gebäudes bleibt dabei völlig unberührt. Baubeginn kann natürlich erst dann sein, wenn es dafür Interessenten gibt.


Zwei Optionen der Nutzung

Wieden: "Es gibt für den weiteren Fortgang zwei Optionen. Entweder wir gestalten das Gebäude zu einem Zentrum zum Thema Gesundheit und Chronobiologie, wobei letztere natürlich nicht alles ist, aber ein Alleinstellungsmerkmal." Dazu gibt es schon konkrete Kontakte. "Oder wir stellen das Gebäude anderen Unternehmen zur Verfügung, die sich thematisch ergänzen." Das Gebäude ließe sich als Marketinginstrument mit großer medialer Wirkung nutzen und könnte Bad Kissingens Leuchtturmfunktion greifbar machen.

Genauso wichtig ist allerdings auch die Außendarstellung Bad Kissingens. "Wir haben noch keine zentrale Plattform. Kultur und Staatsbad stellen sich im Internet konzentriert da. Aber der Rest, vor allem der wirtschaftliche Bereich ist sehr diffus." Und dann sieht Michael Wieden als einen weiteren kurzfristigen Schritt, gemeinsam mit den Albertshäusern zu definieren, "was wir unter einem Industriegebiet in einer Gesundheitsstadt verstehen." Das soll noch im ersten Quartal dieses Jahres geschehen.

Das Rhön-Saale-Gründerzentrum in der ehemaligen Kaserne, dem heutigen Gewerbepark Sinnberg, das vor 16 Jahren von den Landkreisen Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld unter Beteiligung mehrerer Banken eröffnet wurde, konnte die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen. Und es startete auch gleich mit einer Hiobsbotschaft. Die Fima "eucatech", die als erste an der Sieboldstraße ihren Betrieb aufnahm, gründete nicht aus ins benachbarte Gewerbegebiet, sondern ist heute in der Produktion von Geräten der Gefäßchirurgie auf dem internationalen Markt erfolgreich, allerdings vom baden-württembergischen Rheinfelden aus. Dr. Michael Giese, der Inhaber der Firma, wäre auch in Bad Kissingen geblieben, aber die Pläne scheiterten nach seiner Aussage damals an den unvereinbaren Vorstellungen über den Grundstückspreis. Die Firma hätte sich gut als Ankerpunkt für eine ansiedelungswillige Gesundheitsindustrie geeignet.

"Nein, da ist schon ein Potenzial da", betont RSG-Geschäftsführer Dr. Matthias Wagner. Es sei immer wieder zu Ausgründungen in Bad Kissingen, am Sinnberg gekommen. Neben Firmen der Computerbranche sei vor allem "LABOklin" mit heute 180 Mitarbeitern zu nennen, deren Anfänge im RSG lagen. Dort haben zurzeit neun Firmen Obdach gefunden. Die größten Hoffnungen auf einen Verbleib in der Stadt setzt Wagner auf das Zentrum für Telemedizin, das vor gut einem Jahr seinen Betrieb aufgenommen hat: "Die größeren Chancen sind in den Bereichen Medizintechnik und Gesundheitswirtschaft. Biotechnologie ist schwieriger zu betreiben." Das wären alles überschaubare Einheiten.


Ein neues Silicon Valley

Trotzdem träumt Mattias Wagner weiterhin von der Firma, die das RSG verlässt und in der Stadt einen Betrieb mit 1000 Mitarbeitern eröffnet. Die Verluste an sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen wären mit einem Schlag ausgeglichen.

Und Michael Wieden würde Bad Kissingen gerne zu einem Silicon Valley der Gesundheitswirtschaft machen mit einer Kompetenz, die an anderen Orten nicht umsetzbar ist, die die Unternehmer geradezu dazu zwingt, dazu gehören zu wollen: "Eine neue Hautevolée".