Ihre damals 11-jährige Tochter hockt neben ihr auf dem Beifahrersitz. Die jüngere, fünf Jahre alt, hinten auf der Rücksitzbank. Es war spät am Nachmittag, als die Mutter an diesem warmen Sommertag mit den beiden Mädels an dem 39-Jährigen vorbeifährt. Eine "merkwürdige Begegnung" wird sie es später vor dem Kissinger Amtsgericht nennen. Nur wenige Sekunden. Schock. Ekel. Ihr erster Gedanke: "Habe ich mich verguckt?" Vier Wochen später passiert es wieder. "Sowas will man nicht sehen." Sie kennt den Mann aus dem Nachbarort. Doch so genau wollte sie ihn nie kennenlernen. Seine Arbeitshose stand offen: freier Blick auf seinen steifen Penis und seine Hoden.

Die 37-jährige Hausfrau erinnert sich genau: Er trug eine blaue Latzhose, erzählt sie der Richterin. Am Straßenrand hatte der Mann sein Arbeitsauto abgestellt. Beim ersten Aufeinandertreffen im Dorf, beim zweiten am Waldrand zwischen zwei Ortschaften. Beide Male musste die Zeugin runter vom Gas und konnte genau erkennen, wer da um den Firmenbus läuft, berichtet sie der Richterin. "Sein Glied stand raus", sagt sie und macht eine Pause. "Erstmal denkt man, man sieht nicht richtig. Ich wollte es gar nicht wahrhaben." Bei der Begegnung vor einem Jahr erschrickt sich die ältere Tochter neben ihr auf dem Beifahrersitz genauso wie sie, sagt die 37-Jährige. Die Kleine? "Hatte zum Glück nichts gesehen."


Bis zu ein Jahr Freiheitsstrafe

Der Angeklagte stützt sich auf seinen Ellbogen ab. Die Finger ineinander verschlungen; weißes Hemd, dunkle Hose, kurze dunkle Haare. Der 39-Jährige ist Familienvater, verheiratet. Für sein exhibitionistisches Verhalten musste er sich jetzt vor dem Kissinger Amtsgericht verantworten. Bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder eine Geldbuße sieht das Strafgesetz dafür vor.

Man kennt sich von früher, erzählt die Zeugin. Sie kommen aus der gleichen Gegend. Zu Jugendzeiten haben sie auf den gleichen Festen gefeiert. Nichts weiter. Keine Vorgeschichte, kein Ärger zwischen den Familien, antwortet sie.

Über den ersten Vorfall habe sie mit ihrer Tochter geredet. Später mit ihrem Ehemann. Ihre 11-Jährige sei angewidert gewesen, sagt sie. Die Mutter ging davon aus, dass diese Begegnung einmalig bleiben sollte. Sie wollte die Angelegenheit abhaken, verdrängen, erzählt sie. Beim Chef des Angeklagten und schließlich bei der Polizei meldete sie sich erst, als es wieder passierte. Vier Wochen später.


Tochter Aussage ersparen

"Ich war entsetzt und habe nur gedacht: ,Jetzt ist es schon wieder passiert." Dann ging das Kopfkino los, erzählt sie. Was, wenn sie nicht die erste war? "Ich hab' ja auch Kinder." Eines davon, ihre älteste Tochter, sollte bei der Verhandlung als Zeugin vor dem Kissinger Amtsgericht erzählen, wie sie den Vorfall erlebt hatte. Einer kurzfristigen Meinungsänderung des Angeklagten war es zu verdanken, dass sich die 11-Jährige diesen warmen Sommertag des vergangenen Jahres nicht mehr so genau in Erinnerung rufen musste.

Zwei Begegnungen, zwei Geschichten: Beim ersten Mal habe der Angeklagte angehalten, weil er sich mit einem Kollegen treffen wollte, um eine Maschine umzuladen.

Das zweiten Mal im Waldstück? Ja, da sei er gewesen, antwortet er. Kurz vorher kam ein Anruf vom Chef: Notfall. "Ich wollte eigentlich ganz anders fahren." Die Kundschaft wartete schon. Er war spät dran, meint er. Das geladene Material sei im Firmenwagen durcheinandergefallen. Zum Ordnen hielt er am Straßenrand, erzählt er. "Und ich bin ausgetreten. Hinter dem Bus." Dass irgendjemand sein erigiertes Glied gesehen haben könnte, bestreitet er. Noch.

Nach der Aussage der Mutter klopft die Verteidigerin bei der Richterin an, ob die sich vorstellen könnte, das Verfahren einzustellen. "Mit Sicherheit nicht", antwortet sie prompt. Stattdessen redet sie dem Angeklagten ins Gewissen: "Es gibt keinen Anhaltspunkt, warum die Zeugin das erfinden sollte. Ich würde sehr empfehlen, über ein Geständnis nachzudenken." Das würde sich außerdem positiv auf das Urteil auswirken, stellte die Richterin in Aussicht. Die Warnung sollte wirken.

Nach einer viertelstündigen Unterbrechung verkündet seine Verteidigerin: "Er räumt es ein. Weitere Angaben wird er aber nicht machen." Der 39-Jährige presst die Lippen aufeinander, nickt seiner Ehefrau im Publikum zu, schließt dabei kurz die Augen.


Geständnis: Geldstrafe

Die Verteidigerin schließt sich der Forderung des Staatsanwalts an: 70 Tagessätze zu je 35 Euro. Auf die geht auch das Gericht in ihrem Urteil ein. Der Chef und der Arbeitskollege des Angeklagten werden nicht auf die Zeugenbank zitiert.

Auch die heute 12-jährige Tochter muss nach ihrer Mutter nicht mehr aussagen. "Bei einer Verhandlung dieser Art sollte immer das Ziel sein, die Vernehmung eines Kindes zu vermeiden", sagt die Richterin.