Die Pfarreiengemeinschaft St. Georg ist nicht die einzige, die den Priester-Mangel zu spüren bekommt. Ein Gespräch mit Pfarrer Michael Krammer über die Rolle der Kirche in einer multikulturellen Gesellschaft, den Zölibat und darüber, und welches Buch er an den Strand mitnehmen würde.

Pfarrer Krammer, stellen Sie sich vor, der Bischof ruft an und gibt Ihnen ein Wochenende frei. Was würden Sie tun?
Michael Krammer: Oh! Das wäre aber schön... Da würde ich sofort mein Zeug zusammenpacken und hoch in den Norden fahren. An die Nordsee oder an die Ostsee.

Und welches Buch würden Sie mitnehmen?
Die Memoiren von Joachim Gauck. Und einen Krimi. Und natürlich mein Stundenbuch, mit dem ich jeden Tag über eine Bibelstelle oder einen anderen geistlichen Text nachdenke.

Jeden Tag?
Ja sicher. Morgens, mittags, am Nachmittag und abends das Nachtgebet. Das sind so meine Schnaufpausen.

Ihre Tage sind ja auch gut gefüllt. Seitdem Sie Pfarrer in Bad Brückenau sind, sicher umso mehr. Haben sie denn auch eine Aufgabe abgegeben?
Den Schulunterricht. Das werde ich vermissen. Bisher habe ich den Religionsunterricht für die Drittklässler in Motten gehalten. Im Kollegium herrscht eine tolle Atmosphäre, wir haben auch privat viel unternommen. Das habe ich sehr genossen.

Wie viele Stunden in der Woche arbeiten Sie eigentlich?
Mal ist es mehr, mal weniger. In der Mittagspause versuche ich, mir eine Stunde frei zu halten. Aber es wird oft 21 oder 22 Uhr bis zum Feierabend. Auf 50 bis 60 Stunden pro Woche komme ich schon.

Kann ein Pfarrer das noch leisten?
Mal sehen. Ich ermittle gerade meinen mittleren Brennwert. (lacht). Nein, im Ernst. Ich habe gelernt, Ruhezeiten wirklich zu nutzen. Mein freier Tag am Donnerstag ist mir wichtig. Und einmal im Jahr fahre ich zu Exerzitien. Ich würde auch gerne mehr Fortbildungen machen. Dazu war einfach zu wenig Zeit.

Viele Pfarrer klagen über steigende Arbeitsbelastung, zum Beispiel durch Bürokratie ...
Das erlebe ich auch so. Je größer eine Pfarreiengemeinschaft ist, desto mehr Bürokratie ist es auch. Viele Ehrenamtliche helfen in ihrer Freizeit, da kann man nicht erwarten, dass sie sich auch noch um die Verwaltung kümmern. Das bleibt dann eben am Pfarrer hängen.

Leiden Sie darunter?
Nein. Aber worunter ich leide, ist, dass natürlich viel Zeit auf der Strecke bleibt. Zeit, die ich gerne anders nutzen würde, zum Beispiel für mehr seelsorgerliche Gespräche. Am Ende ist es der Mensch mit seinen Bedürfnissen, der hinten herunter fällt.

Fällt da der Pfarrer selbst auch hinten runter?
/> Manchmal schon. So richtig extrem habe ich das noch nicht erlebt. Aber als ich 2007 die Vertretung in der Pfarreiengemeinschaft Oberleichtersbach-Schondra gemacht habe, da hatte ich zwischen Ostern und Pfingsten noch jede Woche drei bis vier Beerdigungen. Das war eine Grenzerfahrung.

Sie haben ja schon in der Übergangszeit Pfarrer Bauer vertreten. Trotzdem musste Manches gestrichen werden. Wird das jetzt besser?
Das ist eine schwierige Frage. Viele freuen sich natürlich und denken: 'Wenn der neue Pfarrer da ist, wird alles wieder so wie früher'. Ich halte das für den falschen Weg. Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass das ein oder andere reduziert bleibt oder weiter reduziert wird. Wenn wir für die Zukunft gerüstet sein wollen, müssen wir auf eigenen Füßen stehen lernen.

Was heißt das konkret?
Ich möchte zum Beispiel die Wort-Gottes-Gottesdienste beibehalten und verstärken. Die Gemeinden müssen von einer versorgten Gemeinde zu einer selbst sorgenden Gemeinde werden, damit das Leben in der Kirche auch am Leben bleibt, wenn der Pfarrer mal ausfällt.

Denn Pfarrer sind knapp ...
Sie spielen auf den Priester-Mangel an. Auch das ist eine zentrale Herausforderung. Das ist ja nicht nur ein europäisches oder nordamerikanisches Problem. Da muss die Kirche insgesamt Gemeinde neu denken.

Man könnte zum Beispiel den Zölibat abschaffen oder Frauen für den Beruf zulassen ...
Das könnte man. (schweigt) Wir leben in einer sexualisierten Gesellschaft, in der der Zölibat als Provokation empfunden wird. Ich weiß nicht, ob es eine Lösung ist, das zu relativieren. Denn auch die evangelische und die orthodoxe Kirche beklagen den Mangel an Pfarrern.

Worin sehen Sie den Grund?
In unserer heutigen Zeit sind Kirche und Religiosität auf den äußersten Bereich des Privaten beschränkt. Dadurch wird kirchliches Leben in der Öffentlichkeit stark reduziert. Und dann ist es eben auch so, dass in einer multikulturellen Gesellschaft eine über Jahrhunderte gewachsene kirchliche Kultur nur noch als ein Angebot unter vielen wahrgenommen wird.

Ist das denn schlecht?
Ich finde es nicht schlecht, aber ich bedauere, dass wir in diesem Wettbewerb schlechte Karten haben. Oder nein, dass wir unsere guten Karten nicht ausspielen. Unser Angebot ist gut, da brauchen wir uns hinter anderen Religionen nicht zu verstecken.

Wo sehen Sie aktuell in Bad Brückenau Handlungsbedarf?
Uns fehlen die Ehrenamtlichen. Viele haben Angst, sich zu binden. Das ist ein Fehler, den wir in der Vergangenheit gemacht haben: Wir haben die Leute in ihrem Ehrenamt festgehalten.

Und ein Pfarrer allein kann die Kirche nicht am Leben halten. Da hilft wohl nur, Hilfs-Roboter anzustellen ...
Um Gottes Willen! Das ist ja genau das Thema: Es braucht Menschen, damit der Mensch dem Menschen begegnet.

Vielen Dank für das Gespräch!